Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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das Scepter haltend, die andere Hand be-
fehlend ausgestreckt; hinter ihm eine Ge-
stalt, welche aus ihn einredet, vielleicht der
oben angeführte Präfekt. Vor dem Throne
kniet Katharina in reichem Gewand, mit
wallendem Lockenhaar; der Henker fährt
ihr mit einer Hand in die Haare, mit der
andern zückt er das Schwert; ein Gehilfe
des Henkers steht dabei, die leere Scheide
itub unter dem Arm noch ein Reserve-
schwert haltend. Von der Inschrift über
diesem Bilde sind noch zu lesen die Buch-
staben : . . . R . ETL . . PRO SANQINE
DATVM. Die zweite Vershälfte hieß
zweifellos: et lac pro Sanguinc datum ;
es bezieht sich ans die Angabe der Legende,
daß nach der Enthauptung ans dem jung-
fräulichen Körper nicht Blut, sondern
Milch geflossen sei. Nach unten schließt
dieses Bild ab mit einer Bordüre, dann
folgt aber ein weiteres Spruchband und
unter demselben eine zweite Darstellung.
Die Inschrift zeigt noch die Buchstaben:
Lau RENCIVS HIC IN CRATI (cula)
CRE (matur). Hier wird Laurentius
auf dem Roste verbrannt. Was nun aber
unterhalb dieser Inschrift noch erhalten,
hat mit dem Martyrium des Laurentius
nichts zu thnn und ist sehr schwer zu ent-
räthseln. Zu scheu sind nur noch drei
Gesichter und Gestalten und auch sie nur
unvollständig, da später ein eiserner Kasten
in die Wand eingemanert wurde. Man
unterscheidet noch in der Mitte eine Frauen-
figur mit sehr lebhaften Zeichen des
Schmerzes im Antlitz; rechts und links
von ihr zwei jugendliche Gestalten, von
innigem Mitleid bewegt; die linke hält
noch eine Kerze; das Ganze scheint eine
etwas spätere Malerei, welche auf das
Laureutinsbild anfgemalt wurde; da sich
in die Brust der Frau etwas wie ein
Schwert einbohrt, so könnte man an eine
Darstellung der schmerzhaften Mutter mit
zwei Engeln denken; aber der Vogel oder
die Taube, welche auf das Antlitz der
Frau zufliegt, findet darin keine Deutung;
daß dies Gemälde nicht dem ursprünglichen
Plan angehört, zeigt sich auch darin, daß
es in die Bordüre und theilweise ins obere
Bild einschneidet; die Malschichten zeigen

i) ober vielleicht noch wahrscheinlicher datur;
dann könnte der Vers so ergänzt werden: Caput
amputatur et lac pro sanguine datur.

aber, daß es nicht etwa früher, sondern
später entstanden ist, wiewohl der Stil
noch ziemliche Verwandtschaft mit dem der
übrigen Gemälde verräth.

Ohne allen Zweifel waren einst auch
die Kreuzgewölbe ähnlich reich bemalt wie
die Wände; jetzt drückt ihr dumpfes, be-
sterntes Blau schwer auf den ganzen
Raum.

Gehen wir über zur künstlerischen und
kunsthistorischen Würdigung dieser Werke
der monumentalen Malerei. Jkonographisch
ist zunächst zu bemerken, daß die Bilder
ans dem Leben der hl. Katharina ganz
der Legende entsprechen, welche wir bei
Simeon Metaphrastes (wohl dem
10. Jahrhundert angehörig; vgl. Opp.
Migne, Patrol. curs. graec. t. 116 p.
275 ff.) und dann in der von ihm ab-
hängigen Legende aurea be3 Jacob us a
Voragine (f 1298) finden. Die Ec-
genda aurea erlangte eine erstaunlich rasche
Verbreitung und bildet die legendarische
Hanptquelle der mittelalterlichen Maler.

Der Stil verräth auf den ersten Blick
eine Wandmalerei, welche noch ganz unter
der Herrschaft der Buchmalerei steht und
eigentlich nichts anderes liefert als in
großen Maßstab übersetzte und an die
Waud versetzte Miniaturen, oder illumi-
nirte Contnren. Mit gewandtem Pinsel
sind die Umrißlinien in rothbranner Farbe
ausgezeichnet, dann mit Deckfarben ausge-
füllt und in diese Lokalfarben die Gesichls-
und Gewandlinien eingezogen. Die Ge-
stalten sind durchweg schlank und etwas
engbrüstig, die Schultern eingezogen und
rasch abfallend, die Haltung mitunter sanft
ansgebogen; Arme und Beine mager; die
Gewänder liegen eng am Körper an, sind
aber gut gelegt und gefältelt. Die Köpfe
sind verhältnißmäßig klein, die Gesichter
oval und wenig individualisirt; nur der
Unterschied des Geschlechtes und Alters
kommt znm Ausdruck. Wenn aber auch
eine gewisse vage, typische Gesichtsform
vorwaltet, so bricht doch mitunter das
Streben erfolgreich durch, das Antlitz zu
vergeistigen und ans eine Idee oder Empfin-
dung zu stimmen. Die Frauengestalten
zeichnen sich aus durch eine graziöse Hal-
tung, durch zarte Anmnth und einen
frischen, frohen Zug im Antlitz. In der
Erzählung ist der Maler nicht ungewandt;
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