Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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er weiß ordentlich zu gruppiren, ein Ge-
schehniß deutlich und packend zu schildern
und auch die Nebengestalten etwas zu
innerer Theilnahme an demselben bcizu-
ziehen. Aber freilich, er ist mehr Lyriker
als Dramatiker; hochgradigen Affekt, wilde
Grausamkeit, blutige Scenen wahrheits-
getreu zu schildern, dazu reicht seine Kunst
nicht ans; im Gesicht der Mutter unter
dem Kreuz wird der Schmerz zur Gri-
masse; dem Kaiser ans dem Thron im
Bilde der Enthauptung Katharinas sieht
man es nicht an, ob er ein Blnturtheil
spricht oder einen Gnadenakt vollzieht; die
Henkersknechte sind sehr gutmüthige Ge-
sellen; der Bursche, welchen die wunder-
bare Zertrümmerung des Rades in die
Flucht jagt, ist unter der Hand des Ma-
lers statt zu einem Bilde der Furcht und
des Entsetzens zu einem blöden Tölpel ge-
worden. Aber für alle diese Unvollkommen-
heiten entschädigt reichlich die wie ein zarter
Duft und ein feines Aroma über diesen
Bildern ruhende religiöse Stimmung und
Weihe, die Treuherzigkeit und gemnthvolle
Naivität der Erzählung. Davon haben
sie jetzt noch viel bewahrt, obwohl sie nach
ihrer Entdeckung in den vierziger Jahren
durch Professor Eberlein, mehr als gut
war, restauriert wurden und dabei viel
voit ihrer Ursprünglichkeit verloren haben.

Ihrem Stil nach können die Bilder mit
ziemlicher Sicherheit den ersten Anfängen
gothischer Wandmalerei zngetheilt werden.
Sie machen aber über sich selbst eine
ziemlich genaue Aussage, welche ihre Da-
tiruitg wesentlich erleichtert. Wir haben
oben die um das Bogenfeld der Ostwand
laufende Inschrift übergangen und müssen
jetzt ans sie zurückkommen. Sie lautet:

Wenrerus vicepleban (us) t (empli?)
ruteling (ensis) procurator istius Sa-

cristie st

Ut brevi d

}iC

Werner [i] nomen hab 1 ^
qui depingi faci /

Et non huc intret, nisi pro se qui-
lipet oret f.

Hier hat sich also verewigt oder ist von
anderen verewigt worden der Nebenpfarrer
oder der zweite Pfarrer von Reutlingen,
Werner, welcher der Verwalter dieser Sa-
kristei war und voir ihm wird berichtet,
daß er diese Basilika mit Gemälden habe
schmücken lassen und die Besucher werden

um ein Gebet für ihn ersucht. Sonach
redet die Inschrift allerdings nicht von
der malerischen Ausstattung der Sakristei;
denn schwerlich kann unter Basilika die
eben zuvor genannte Sakristei gemeint
sein. Vielmehr müssen wir hieraus schlie-
ßen , daß Werner die eigentliche Kirche
oder wenigstens den zu seiner Zeit schon
fertigen und in Benützung befindlichen
Theil derselben habe ansmalen lassen; da
aber die Inschrift gerade hier in der Sa-
kristei angebracht ist, so ist gewiß der
Schluß erlaubt, daß er auch sie von den-
selben Künstlern ansmalen ließ. Wann
lebte dieser Vicepleban Werner? Es wird
nicht zu kühn sein, wenn man ihn mit
der Oberamtsbeschreibung (II, 31) iden-
tifizirt mit dem „Pfaffe Wernher seelige",
welcher in einer Marchthaler Urkunde ge-
nannt wird als Stifter von 1 Psd. Heller
in das Siechenhaus zu einer „gehngde,
daß man seiner dabei gedenke lind auch
sein Jahrzeit ehrlich und löblich begehe".
Die Urkunde trägt die Jahrzahl 1312
und nennt Werner als einen bereits Ver-
storbenen , dessen testamentarisches Legat
zweifelsohne bald nach seinem Hinscheiden
vernrkundet wird.

Durch diese Anhaltspunkte werden wir
in den Anfang des 14. Jahrhunderts ge-
führt als Entstehnngszeit der Malereien,
womit ihr Stil ganz im Einklang ist.
Sehr erfreulich wäre es, wenn die Er-
neuernngsarbeiten an der Marienkirche auch
noch Reste der Bemalung der Kirche ans
Tageslicht fördern würden. Aber freilich
der große Brand von 1726, in Folge
dessen die Pfeilerbündel des Langhauses
in plumpe achteckige Säulen verwandelt
und die Seitenschisfgewölbe theilweise neu
erstellt wurden, läßt nicht mehr viel hoffen.
Umso werthvoller ist es, daß wenigstens
die Sakristei ihren monumentalen Farben-
schmnck noch bewahrt hat; denn außer den
Ramersdorfer Malereien, welche nur mehr
in Bansen und Aquarellkopien (im Knpfer-
stichkabinet in Berlin) erhalten sind, und
den Malereien an den Chorschranken des
Kölner Doms von 1322 sind in Deutsch-
land vom Anfang des 14. Jahrhunderts
keine bedeutenderen Wandmalereien mehr
auf uns gekommen.

Jni letzten Sommer fand man bei
näherer Untersuchung der Innenwände der
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