Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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näher zu umgrenzen, in welcher der fragliche
Meister gelebt haben möchte.

Unter den älteren Meistern, die in der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
blühten, darf derselbe nicht gesucht wer-
den; denn diese Meister haben weder den
spezifischen Faltenwurf, noch auch das
herrschende Kostüm, das uns in den be-
sprochenen Skulpturen vor Angen tritt.

Der ältere Syrlin in Ulm, Nikol. Lerch,
der eine Zeit lang in Konstanz arbeitete,
Hans Dabratzhanser in Memmingen und
Friedrich Schramm nebst Jakob Rneß in
Ravensburg sind demnach ausgeschlossen.
Unter den spätesten Ulmer Meistern ragt
nur der jüngere I. Syrlin (gestorben
ca. 1520) noch in diese Zeit herein. Wenn
die sieben großen Relieftaseln ans Zwie-
falten (jetzt in der Alterthnmssammlnng
in Stuttgart) wirklich von dem jüngeren
Syrlin herrühren, was wir als sehr an-
nehmbar zngeben, so findet sich hier aller-
dings schon das Kostüm in Anwendung
gebracht, das auch der gesuchte Meister
der Sammlung Dnrsch seinen Figuren ver-
lieh. Ans der Tafel, welche die Geißelung
darstellt, ist auch schon die Umrahmung
in Renaissanceornamenten ansgesührt; aber
der spezifische Faltenwnrs fehlt. Der
jüngere Syrlin behielt auch in diesen späten
Werken den energisch gebrochenen Falten-
wnrs bei, dessen sich die Meister des
15. Jahrhunderts bedienten. Zum Beleg
dessen berufen wir uns auf die zwei im
Lichtdruck veröffentlichten Tafeln der Krenz-
abnahme und der Grablegung (vgl. Bilder
ans dem Kunst- und Alterthnmskabinet in
Stuttgart, Tafel V). Die hl. Magdalena,
die unter dem Kreuz kniet und die knieende
Frau links aus dem Bilde der Grablegung
zeigen in dem Faltenwnrs ihrer Gewänder
gar keinen Anklang an die Manier des
Meisters der Sammlung Dnrsch, sondern
sie bewahren ganz den althergebrachten
Typus des ausgehenden 15. Jahrhunderts.
Auch der Umstand ist für Ulm nicht günstig,
daß die meisten der Vorgefundenen Skulp-
turen mehr im Süden der Provinz als im
Norden sich befanden.

Dieser Umstand ist geeignet, die Auf-
merksamkeit zunächst ans Konstanz zu
lenken. Aber Nikol. Lerch ans Leyden,
der die Bildschnitzerarbeiten des Münsters

daselbst fertigte, zog schon frühzeitig von dort
wieder fort nach Wien, und die Werkstätte
des Simon Haider, der aber nur die Um-
rahmungen an den Portalen des Doms
ausführte, gieng auch Glicht etwa aus seinen
Sohn über. Dieser wurde vielmehr
Vorstand der Zunft der Schmiede (vgl.
Kraus: Denkmäler des Großherzogthnms
Baden, I., S. 149). Von anderweitigen
einheimischenBildschnitzerwerkstättenin Kon-
stanz in der ersten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts haben die eingehenden Unter-
suchungen, die bei F. .1'. Kraus (i. c.
S. 124—126) znsammengefaßt sind, kein
Resultat ergeben. Die von ihm ange-
führten, sonst gänzlich unbekannten Namen
vom Jahr 1506 (1. c. S. 123): Konrad,
Matthäus und Lorenz sind unseres Er-
achtens der älteren, um die Wende des
Jahrhunderts blühenden Generation bei-
zuzählen. Mit Recht werden deßhalb auch
von Kraus für die vermnthliche Urheber-
schaft eines gemalten Flügelaltärleins da-
selbst von 1524 (I. c. S. 167 und 168)
keine einheimischen Werkstätten, sondern
nur auswärtige Meister z. B. Schaffner
von Ulm vermuthungsweise beigezogen.

Auch die Werkstätte des Hans Dabratz-
hanser in Memmingen scheint eine Fort-
setzung in seiner Familie nicht gefunden
zu haben. Die sehr speziellen Nach-
forschungen von Professor Robert Bischer
ini Allgäuer Geschichtsfrennd (1890) haben
hiesür keinen Beleg liefern- können. An
Bernhard Strigel von Memmingen, der
allerdings bis 1528 lebte, ist aus mehreren
Gründen nicht zu denken. Derselbe war
ganz vorherrschend Maler, nicht Plastiker,
und hielt sich auch in Memmingen nur in
seinen jüngeren Jahren auf; später über-
siedelte er nach Augsburg und scheint schon
von 1517 an als kaiserlicher Hofmaler-
bleibend in Wien sich niedergelassen zu
haben (vgl. Woltmann-Wörmann: Gesch.
der Malerei, II., S. 454), womit er
Schwaben und der Bodenseegegend entrückt
war. Doch wird hier von Bischer noch
ein Raine eines Bildschnitzers angeführt:
Hans Thoma um das Jahr 1525, aus
den wir unten nochmals zurückkommen
werden. Man darf nicht vergessen, daß
in den meisten oberschwäbischen Städten
jene Bewegung schon sehr frühzeitig sich
geltend machte, welche etwas später (1531)
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