Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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Sammlung Dur sch's in die Lorenzkapelle von
Rottweil verbracht, hat Dr. Dursch (Verhand-
lungen des Vereines für Kunst und Alterthnm
in Ulm und Oberschwaben, 1849, VI, S. 34)
als Theile einer Kreuzigungsgrnppe, Pfarrer
vr. Probst als zwei kluge und zwei thörichte Jung-
frauen anfgefaßt. (Archiv f. chr. Kunst 1889,
Nr. 4, S. 41 und 1890, Nr. 10, S. 90 ff.;
die Abbildungen S. 40 und 91.) Es sei mir
bei dieser Gelegenheit verstattet, meine abweichende
Ansicht hierüber zu begründen. Zwei dieser Fi-
guren haben sicher feine Lampen, überhaupt
nichts getragen, die eine hält die Hände vor der
Brust ausgehoben zum Gebet, die andere kreuzt
sie vor der Brust, lieber den Abnmngel des
Attributs der Lampe glaubt Herr Dr. Probst
wegkvmmen zu können, indem er sagt: „Die-
Charakterisirnng, als eine thörichte Jungfrau int
Sinne der Parabel, wird ebenso deutlich ansge-
drückt, wenn dieselbe gar nichts hat, als wenn
sie eine leere Lampe in den Händen hätte." llnd:
„das sind wirklich neue Wege." (Vorher: „ein
Weg, der für jene Zeit ganz eigenthnmlich ist.")
„Es ist eine individuelle geistige Belebung
angestrebt und erreicht worden. Der Meister,
der im Stande war, die Ausdrücke der Seelen-
stimmungen ans solche Weise zu geben, be-
durfte desthalb auch nicht der Beigabe der Lampen
als unerläßliches Emblem; er konnte das bloß
äußerliche Kennzeichen als nebensächlich behandeln
und sogar ganz weglassen; er erreichte seinen
Zweck auf andere Weise durch die individuelle
Charakterisirnng seiner Bildwerke. Aber gerade
darin liegt die Neuheit des von ihm einge-
schlagenen Weges."

Das ist, ganz gegen den Geist der mittel-
alterlichen kirchlichen Kunst, sehr modern gedacht
und gesprochen. Den Künstlern jener von mo-
dernem Subjektivismus freien, sich streng an die
kirchliche Knnstüberlieferung haltenden Zeit, am
allerwenigsten denjenigen ans dem Anfänge des
fünfzehnten Jahrhunderts, an welchen die herr-
lichen Statuen mit Recht gesetzt werden, siel es
nicht ein, über das von dem Wortlaut der
Parabel selbst und dem Herkommen vorgeschriebene,
so wesentliche Attribut der Lampe sich hinweg-
zusetzen und ohne solches sich „mit dem Aus-
drucke der Seelenstimmung" zu begnügen. That-
sächlich findet sich auch durch das ganze, auch
das späteste Mittelalter bei der Darstellung der
in der Rede stehenden Parabel, sowohl den klugen,
als den thörichten Jungfrauen (bei letzteren häufig
umgestürzt) durchweg die Lampe beigegeben. Da
sie mindestens bei zwei der fraglichen Figuren
fehlt, ist nicht als Anskunftsmittel „ein neuer
Weg der Darstellung", von dem Dr. Probst
selber zngesteht, daß er „für jene Zeit ganz eigen-
thümlich sei", sondern eine irrige Deutung der
Statuen anzunehmen.

Ein kurzer Artikel in Lützow-Pabst's Knnst-
chronik (Nr. 23 vom 23. Mai 1888/89) hat
dieselbe denn auch entschieden abgelehnt, als
„Kuriosum" und als „abstrus" bezeichnet und sich
unbedingt der Erklärung Dr. Dnrsch's, tvonach
die Figuren Theile einer Krenzignngsgrnppe seien,
angeschlossen.

Indessen scheint mir auch diese Erklärung,
vbschon sie besser als die Pr ob st'sehe ist, unzu-

treffend, deine zwei von den vier Figuren haben
„etwas" in den Händen getragen, was im Laufe
der Zeit verloren gegangen ist. Ich bin der,
lute ich glaube, annehmbareren Ansicht, daß die
Figuren zu einer Grablegung oder einem hei-
ligen Grab gehörten, zwei davon Salbgefäße
trugen und diese letzteren als Maria Magdalena
und Maria Jakobi (oder Salome) (Matth. 28, 1;
Mark. 16, 1) anznsehen sind. Derartige Dar-
stellungen kommen in: Mittelalter, nicht nur in
Stein, sondern auch in Holz gearbeitet, häufiger
vor, als die zehn Jungfrauen, welche wohl fast
ausschließlich an Portalen oder sonst an der
Außenseite großer Kirchen und dießfalls regel-
inäßig in Stein gehauen, ihren Platz finden. Die
Bedenken Probst's gegen die Annahme, es handle
sich um heilige Frauen, daß bei zlvei Figuren
(den thörichten Jungfrauen, wie er meint), das
Gesicht nicht bloß Trauer ansdrücke, sondern
einen fast herben vonvnrfsvollen Zug habe, nitd
daß sämtliche nicht den eng anschließenden, die
Haare ganz verhüllenden Matronenschleier tragen,
dürften sich meines Erachtens nnschtver heben
lassen.

In elfterer Beziehung füllt bedeutsam ins Ge-
lvicht, daß die Figuren ihre ursprüngliche poly-
chrome Fassung, welche dem Antlitz erst den ent-
scheidenden Ausdruck bis in die feineren Züge
und Nüancen verleiht, bis ans die letzte Spur-
verloren haben. Da kann es leicht geschehen,
daß eine Figur, deren Gesicht in der ursprüng-
lichen Fassung nur Trauer und heftigen Seelen-
schmerz ausdrückte, jetzt ohne solche, im Holz,
einen Zug in's Herbe zu haben scheint. In
letzterer Hinsicht lväre (abgesehen von Maria
Magdalena, ivelche auch in der späteren Zeit
hänsig ohne Matronenschleier abgebildet wird,
so z. B. auf der Kienzabnahme von M. Wohl-
gemut in der Heiligkrenzkapelle zu Nürnberg,
auf der Grablegung von A. Kraft an der dortigen
Sebaldnskirche und ans derjenigen im Fuldaer
Domschatz) zu betonen, daß die den behaarten
Kopf Nltd das Kinn einschließende „Rise" und
darüber der Schleier bei heiligen Frauen ge-
meiniglich erst etlva um die Mitte des fünfzehnten
Jahrhunderts und noch regelmäßiger in der
zweiten Hälfte desselben und im Anfänge des
sechzehnten Vorkommen, wo die Künstler, mehr
und mehr dem Realismus huldigend, sich die da-
malige Franentracht zum Vorbild nahmen, wäh-
rend im Anfänge des fünfzehnten Jahrhunderts,
wohin die Eriskircher Statuen gehören, und vor-
her, die heiligen Frauen meist in idealer Tracht
mit dem einfachen Schleier ohne Rise erscheinen.
Von den drei Beispielen, ans Ivelche Herr Di-. Probst
nach Bode's Geschichte der deutschen Plastik zu
seinen Gunsten sich beruft, stammt denn auch die
Madonna von Blutenbnrg (S. 192 a. a. O.)
ans dem Jahre 1496, die Pieta in der Jakobs-
kirche zu Nürnberg (S. 129) und die Mater
dolorosa im Germanischen Museum dvrtselbst
(S. 128), erst aus dem Anfänge des sechzehnten
Jahrhunderts.

2) Herr Pfarrer Dr. Probst sagt in seinem
Artikel über die „Hirscher'sche Madonna" (in
dieser Zeitschrift 1889, Nr. 8, S. 80): Im Jahre
1479 wurde (nach Hafner, Geschichte von Ra-
vensburg S. 412) eine ansehnliche Stiftung von
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