Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 19
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erweiterte man die Fenster des Qnerschisfö
in der oben angedenteten Weise.

Für die Restanration dieser Ostparthie

— nm dies gleich hier anznfügen (vgl.
die Risse des zweiten und dritten Blattes)

— gab das, was noch erhalten war, sichere
Anhaltspunkte. Es mußten mir die Gie-
bel des Chores und Querschiffs, an letz-
terem auch einige Meter der zerrissenen
Hauptmauer abgetragen nnd neu aufge-
führt, Gesimse und Friese erneuert, die
nördliche Abside wieder hergestellt, ein neuer
Dachstuhl aufgesetzt werden. Das schlechte
Sakristeigebände mußte entfernt und an
seiner Stelle für Unterbringung der Glocken
ein Thurm augefügt werden, dessen Unter-
geschoß zugleich als Sakristei dient; die
Abside wurde daher hier im Gemäuer des
Thurms ausgespart. Wer die Seiten- und
Choransicht betrachtet, wird zngesteheu, daß
es dem Architekten gelungen ist, dem Thurm
einen romanischen Charakter zu geben, der
mit dem alten Bau auf's Beste harmouirt.

Größer waren die Veränderungen am
Langhaus, schwieriger hier die Restau-
ratiousaufgabe. Die romanischen Funda-
mente weisen auf keine dreischissige, sondern
eher auf eine zweischiffige Anlage, ein über
5 m breites Hauptschiff und ein schmales
nördliches Seitenschiff, das aber nicht in
regelmäßigen Arkaden sich nach dem erstereu
öffnete, sondern, wie es scheint, nach Osten
auf eine Länge von beinahe 5 m hin gegen
das Hauptschiff geschlossen war. Mit dem
Querhaus war dieses Seitenschiff bloß
durch ein schmales Thürchen in Verbindung
gesetzt, dem am südlichen Querarm ein
gleiches, wohl früher in's Freie führendes,
kleines Portal entsprach (vgl. Fig. 10).
In spätgothischer Zeit wurde, um mehr
Platz zu schaffen, die alte südliche Haupt-
mauer abgetragen und weiter nach Süden
gerückt, die Mauer und Mauerpfeiler zwi-
schen Hauptschiff und Nebenschiff ebenfalls
entfernt und die Anßenmauer des Neben-
schiffes beträchtlich erhöht (s. Fig. 2 des
ersten Blattes). So war ein einheitlicher
Raum von 12,50 in geschaffen, den man
in einem häßlichen, niedrig gesprengten
Bogen (s. Fig. 1) in's Querhaus über-
führte. Die kleinen, romanischen Fenster
erneuerte mau und brach sehr unschöne,
große Lichtlöcher ein. Unberührt blieb bloß
ein hübsch dekorirtes, romanisches Seiten-

portal, welches auf Blatt 1 ubgebildet ist.
Es war nothwendig, die Südwand ganz
abzntragen, zumal sie nicht iu gerader
Linie geführt war; die Nordmauer wurde
von ihrem Ueberbau-eutlastet und ausge-
bessert. Und nun führte mau die basili-
kale Anlage durch mit vier Arkadeubögeu
auf kräftigen Pfeilern, setzte eine auf drei
Bögen ruhende steinerner Empore ein, gab
den Seitenschiffen Pultdächer und im
Innern eine den Dächern parallellaufende
Decke, dem Hauptschiff einen ebenen Holz-
plafond und sorgte durch doppelte Fenster
im Lichtgaden des Hochschiffes und eine
Rose iu der Westwaud für reichlichen Licht-
. zufluß.Z Mit einem hochgesprengten Bogen
geht das ^Mittelschiff in's Querhaus über
und die zwei fehlenden Viernngsbogen wur-
den gleichfalls wieder hergestellt, von zwei
Halbpfeilern aufgeuommeu.

Alles das führen die Abbildungen auf
Blatt 2 und 3 der Beilage vor Augen
(Blatt 2 gibt zugleich eine Ansicht der
neuen amboartigen Steinkanzel). Diesel-
ben geben auch eine Vorstellung von
den außerordentlich schönen Verhältnissen
und der durchaus harmonischen Wirkung
des jetzigen Baues. Er bringt iu der That
die Klarheit und Schönheit der basilikalen
Anlage, die Würde und Hoheit des ro-
manischen Stils zur vollen Geltung und
Wirkung, und ist schon jetzt im unfertigen
Zustand die Freude und der Stolz der
ganzen Gemeinde und Umgegend und ein
Anziehungspunkt für viele Besucher. Die
Disposition und die Verhältnisse des Baues
sind so glückliche, daß derselbe als Para-
digma für romanische Neubauten dienen
kann. Der geniale Meister, dem es ge-
lungen ist, Altes und Neues zu einem
imposanten Monumentalbau zu vereinigen,
ist Architekt Cades i» Stuttgart. Alle
neuen Theile wurden hergestellt aus sehr
harten, wetterbeständigen, fleiuartigeu Keu-
persaudsteiuquaderu, die einem nahen Stein-
bruck) entnommen werden konnten und dem
berühmten Material von Gaggenau und
Oberkirch nicht viel uachsteheu dürften.

Nachdem das schöne Werk soweit ge-
diehen, ist ihm eine glückliche und baldige
Vollendung dringend zu wünschen. Möge
es dem treubesorgten und rührigen Pfarr-
herrn gelingen, auch zur Vollendung des
> Thurmbanes die nötigen Mittel zusammeuzu-
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