Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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bringen und möge der opferwilligen Gemeinde
von den zuständigen Behörden und Kassen das
beigeschosseil werden, was sie ans Eigenem
nicht zn leisten vermag. Dann wird sie
ans denl äußerst praktisch angelegten, von
Holzwerk mit Rindenverschalnng erstellten
Wald- und Nothkirchlein in Freuden in
ihre neue Kirche übersiedeln und mit be-
sonderer Freude wird der kunstsinnige Bi-
schof gerade an diesen Ban die letzte, kon-
sekrirende Hand anlegen.

Lin Gang durch restaurirte Rirchen.

Bon Pfarrer Detzel in St. Christin«.

Es ist in den letzten Jahren, nament-
lich in Oberschwaben, eine bedeutende An-
zahl von Kirchen einer durchgehenden Re-
stauration unterworfen worden, die wohl
mitunter eine kurze, mehr oder weniger
sachgemäße Kritik in der Tagespresse er-
fahren haben. Es dürfte aber angezeigt
sein, auch in unserem Vereinsorgan diese
Gotteshäuser zu nennen und sie einer ein-
gehenderell Besprechung zn unterziehen.
Wir beginnen mit einer der größeren Re-
stauration.

1. Die S t a d t p s a r r k i r ch e z u T e t l -
n ang.

Die dem hl. Gallus geweihte Stadtpfarr-
kirche zu Tettnang wurde in denJahren 1858
bis 00 von bent Architekten Pfeilsticker in
Ravensburg erbaut. Sie ist ein romanischer
Backsteinbail und weist schon beträchtliche
Dimensioliell ans. Dem krenzgewölbten
Chore ist eine Polygon geschlossene Absis
vorgesetzt, die ebenfalls ein Gewölbe hat,
dessen Gurten ohne Dienste in die Wand
verlaufen. Die großen Wandstächeil zu beiden
Seiten des Chores gaben unten Raum zlir
Anbringung von Chorstühlen und Seiten-
altären , die oberen Theile aber treffliche
Gelegenheit linb günstigen Raum für Wand-
gemälde. Ein weitgesprengter itnb hoher
Chorbogen führt uns in das Schiff der
Kirche, das durch schlanke Holzpfeiler in
drei Theile getheilt ist uitb einen flachge-
deckten Holzplasond zeigt. Vor Jahren
ward die Kirche schon einmal ausgemalt
llnd wurden hiebei die ca. 750 qm große
Holzdecke wie die hohen Pfeiler in Natur-
farbe belassen und nur mtt Oelfirniß ge-
strichen, auch mit einigen schwarzen Orna-
nlenten schablonirt, ein Verfahren, das der

Kirche ein äußerst schwerfälliges, drücken-
des Aussehen im Innern gab. Keiil Wun-
der, daß diese Art der Behandlung der
Holzdecke, sowie die Nüchternheit der übrigen
dekorativen Ausmalung beit allgemeinen
Wunsch der Bürgerschaft nach einer reicheren
und stilgerechteren Renovirung der Kirche
rege machte und namhafte Beiträge zur
Verfügung gestellt wurden, sobald das Werk
beginnen würde. Das große Werk wurde
denn auch begonnen und vollendet. Da
aber in der jetzt ausgemalten Kirche zn
Tettnang ein Restaurationswerk vollendet
ist, das ans dem kirchlichen Kunstgebiet
jedenfalls zu dem umfangreichsten und be-
deutendsten in unserer Diözese gehört, her-
vorragend insbesondere durch die malerische
Dekoration, mit welcher die ganze innere
Architektur, Chor und Schiss geziert wor-
den ist, so haben wir eine eingehendere
Betrachtung der Restauration selbst sowohl
als ihrer Vorbereitung, hauptsächlich auch
im Interesse der monumentalen Malerei,
an diesem Orte für geboten gehalten.

Im Anfänge des Jahres 1893 wurde
ein Mitglied des Ausschusses des Diözesan-
kunstvereinö nach Tettnang berufen, um
Vorschläge über die anszusührende Re-
stauration zn machen. Dasselbe empfahl
die Ausführung der Renovation im Stile
d e r m o ii um entale n Malerei, und
wurde für eine solche durchgreifende Er-
neuerung der Kirche in einer gemeinschaft-
lichen Sitzung des Stiftnngsrathes und
Bürgerausschusses eine Gesammtsnmme von
20 000 Mark in Aussicht gestellt. Da
man ferner von dem Grundsätze ansgieng,
daß die kirchliche Dekorationsmalerei nicht
dem Gebiete des bloßen Handwerks, son-
dern auch dem der Kunst angehöre, so
sollte vor allein ein Meister in diesem
Fache gesunden werden. Als ein solcher
wurde dem Stiftungsrathe der Dekorations-
maler Hans Martin in München em-
pfohlen , und wurde derselbe zunächst mit
Ausarbeitung der Pläne beauftragt. Von
dem berathenden Mitglied des Ausschusses
des Knnstvereins wurde zugleich der An-
trag gestellt, es sollte wegen der Schwierig-
keit, welche die eigenthümlich gehaltene
Architektur der Kirche für die Ausmalung
derselben bot, noch ehe an die Ausar-
beitung der eigentlichen Pläne gegangen
werde, der Maler zn Vorstudien für sein
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