Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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da auch ihr gerade recht kommt, diese
seligen Augenblicke mitzuerlebeu, und öffnet
der himmlischen Offenbarung Aug und
Ohr und Herz.

Zn beiden Seiten Cäciliens stehen etwas
rückwärts St. Johannes der Evangelist
und St. Augustin. Letzteren hat man
auch schon für St. Petrus oder St. Pe-
troniuS, den Patron von Bologna ange-
sehen; aber das kleine Engelchen in der
Krümmung des Bischofstabes wird als ein
Attribut betrachtet werden dürfen, das auf
Augustinus weist. Auch sie zeigen sich in
tiefster innerer Bewegung, und auch ihre
Bewegung ist derart, daß sie das Bedürf-
niß nach Kundgebung, Austausch und
Mittheilnng hat. So pflegen sie miteinan-
der heimliche Zwiesprache mit flüsternder
Stimme oder in der stnmmb eredten
Sprache der Mienen. Der Seher von
Patmos ist ganz Hörer geworden und ist
ganz trunken von den himmlischen Harmo-
nien. Sein schmachtender Blick, seine
halbgeöffneten Lippen, sein im Uebermaß
der Freude fast schmerzlich bewegtes Ant-
litz, sein hochklopfendes Herz, welches den
Strom der Wonne kaum mehr fassen kann,
und dessen ungestümem Pochen die ans
die Brust gelegte Hand Einhalt gebieten
muß, strömen gegen Augustinus die ganze
Fülle der Lust und Seligkeit aus. Der
heilige Bischof gibt diesem Affekt verständ-
nisvoll und mitfühlend Echo; aber seine
Freude ist viel ruhiger und sanfter ge-
stimmt. Seine feste, aufrechte Haltung,
das feine Lächeln im geistvollen Greisen-
antlitz, das klar und fest auf Johannes
gerichtete Auge offenbaren eine Freude,
welche auch über ihren eigenen Höhegrad
erstaunt und verwundert ist, welche aber
sich klar ist über ihre Quelle und Heimat,
welche durch tiefes Wissen, scharfes Denken
und reiche innere Erfahrung zur Ruhe ge-
kommen und gemeinsamer Besitz des Ge-
fühls u n d der Erkenntnis geworden ist.

Wir sind nun von Person zu Person
gegangen und haben mit jeder einzelnen
uns bekannt gemacht. Jetzt ist es nöthig,
den Blick wieder auf das Ganze zu richten
und die Composition als Ganzes
zu prüfen und zu würdigen. Sie erträgt
die genaueste und schärfste Kritik. Als
vollendetes Meisterwerk bewährt sie sich
einmal durch die vollkommene geistige

Einheit und Ges ch l o s s e n h e i t, welche
das Ganze in allen seinen Theilen derart
dnrchwaltet und beherrscht, daß man nicht
einen Zug entfernen, nicht einen hinzu-
fügen könnte, ohne die Gesamtwirkung zu
stören. Diese einheitliche Idee und Stim-
mung verbindet nicht bloß anss innigste
die fünf Heiligengestalteil unter sich und
mit der Engelgrnppe in den Wolken, sie
erstreckt ihre Herrschaft auch über alles
sekundäre Beiwerk. Das letztere erscheint
anss äußerste beschränkt und das Wenige,
was Aufnahme gefunden hat, ist keine leere
und willkürliche Znthat, sondern hat seine
bestimmte Rolle und Funktion, seinen Zweck
und seine Bedeutung fürs Ganze. Der
Boden, auf welchem die Gestalten stehen,
die Landschaft, welche hinter ihnen sich
verliert und verdämmert, soll den irdischen
Schauplatz des Ereignisses mehr andenten,
als umständlich schildern. Keine groß-
artige Naturumgebung; keine Architektur,
welche den Blick ans sich und von der
Hauptsache abziehen würde; kein Blumen-
flor zil den Füßen der Heiligen; keine
lieblichen Landschastsscenen im Hintergrund;
bloß einige Quadratmeter gewöhnlichsten,
harten Erdenbodens und einige zwischen
den Gestalten hindurch kaum sichtbaren
Höhenzüge mit wenig Baumwnchs und
Gebäulichkeiten, in weite Ferne gerückt;
gerade nur so viel Naturstaffage, als ab-
solut nothwendig ist, um den betheiligten
Personen einen Standpunkt zu geben und
um die von oben flnthenden Harmonien
sanft erklingen zu lassen. Außerdem bloß
noch ;u Füßen der hl. Cäcilia ein unge-
ordneter Hansen von Musikinstrumenten,
von Giovanni da Udine gemalt: Geige,
Triangel, Flöthen, Pauken, Cymbeln und
Becken. Aber sie am wenigsten sind leeres
Beiwerk. Ihnen ist eine große Ausgabe
zugetheilt; sie müssen kräftig mithelfen, die
Grundidee des Bildes klar zu machen, die
Herrlichkeit der himmlischen Musik guv
Anschauung zu bringen, da dem Maler
die Mittel fehlen, sie ad aures zu demon-
strieren. Wie können sie das? Sie
liegen klanglos am Boden; ja der Geige
sind alle Saiten jäh zersprungen und an
einer der Pauken ist das Fell durchlöchert.
Verächtlich weggeworfen, verstummt und
verstimmt, legen sie laut und drastisch das
Bekenntnis; ab, daß menschliche Musik
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