Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 28
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Völlig unfähig ist, mit der himmlischen irgend-
wie sich zu messen, sich neben und nach
ihr noch hören zu lassen. Dieses Be-
kenntniß wird durch die Heilige selbst
noch bekräftigt, indem sie demnthig ihre
Orgel senkt und ihr Schweigen gebietet,
sich überwunden gibt und die gänzliche
Ohnmacht ihrer Kunst eingesteht. Außer
diesen Musikinstrumenten wäre nur noch
der zwischen Paulus und Johannes ans
dem geschlossenen Buch stehende Adler zu
erwähnen. Aber er ist nicht bloß an
seinem Platz und in seinem Recht als
Attribut des Evangelisten; auch er nimmt
soweit bei einem Thier möglich ist inneren
Antheil am Vorgang; auch er hört die
himmlische Musik und wiewohl er, seiner
Rolle entsprechend, ruhig und unbeweglich
zu Füßen seines Herrn steht, gibt er doch
durch Hebung seiner Schwingen und durch
seinen flammenden Blick Zengniß von der
Macht, welche auch ans ihn diese über-
irdischen Töne ausüben.

Die Einheit des Bildes geht soweit, daß
Ein einziger Affekt als geistige Po-
tenz waltet und die ganze Gruppe beseelt.
Damit sind dem Künstler die Grenzen
überaus eng gezogen und er kann nicht
Affekt gegen Affekt ausspielen, in Contrast
treten, gegenseitig sich zu dramatischer Wirkung
zu hinreißendem Eindruck steigern lassen.
Er bleibt eingeschränkt ans die kurze
Scala eines einzigen Gefühls und kann
nur mit den graden Unterschieden, Eon-
trasten, die ans dieser Scala liegen, rechnen
und arbeiten, den Affekt in seinen Nuancen
und Aenßernngen in den einzelnen Ge-
stalten und Gesichtern variiren. Das ist
ein Virtnosenspiel ans Einer Saite der
Violine; aber wenn dabei durchaus
kein erkünsteltes Virtnosenthnm sich
spreizt, wenn das Spiel natürlich,
kraftvoll und melodisch bleibt, so ist das
der Gipfel der Kunst. Raphael hat ihn
erstiegen. Mit einer psychologischen Wahr-
heit und Kraft ohne gleichen verfolgt er
den Affekt der Freude durch alle fünf Ge-
stalten hindurch, gibt ihm in jeder ein
anderes Gesicht, eine andere Sprache und
Klangfarbe. Jedes dieser fünf einander
so nahe gerückten Gesichter nimmt
eine andere Linie jener Scala ein, re-
präsentirt einen andern Grad und eine
andere Art der allen gemeinsamen, von

oben quellenden seligen Frende: Paulus
die ins tief erschütterte Innere geflohene
und hier alles Denken, Wissen, Wollen,
Fühlen und Sein in sich ziehende, Cäcilia
die in wnnschlosem Glück, völliger Selbst-
anfgebnng und Selbsthingebung nach oben
flammende, Augustinus die in Klarheit des
Geistes sich selbst erfassende, durch das
Denken geklärte und durch das Denken
verklärende, Johannes die ans weichem
und offenem Herzen nach außen wallende,
Magdalena die ruhige und beruhigende,
anderen sich mittheilende und andere zum
Genuß einladende.

Und wenn wir nun weiter beachten, wie
nicht bloß eine Vielheit von Astekten,
sondern auch jedes eigentliche Thun und
Geschehen ausgeschlossen ist, so müssen
wir vollends über die geniale Kunst staunen,
welche in so enggezogenen Rahmen, in so
schmales, schlichtes Bett eine solche Fülle
und einen solchen Strom von Leben, Be-
wegung, Abwechslung einzuordnen und zu
leiten vermag. Alle fünf Gestalten stehen
in Ruhe da, aber jede unterscheidet sich
wesentlich von der andern in Stellung,
Haltung, Wendung, im Mienenspiel und
geistigem Ausdruck, im Fluß und Wurf
der Gewandung. Und alle zusammen ergeben
ein Spiel der Linien, Formen, Mienen,
Gefühle unb Farben, welches selbst volle
Musik ist, ein irdisches und sichtbargewor-
denes Echo der himmlischeil Harmonien.
Namentlich das Farbenconcert war viel-
leicht ans keinem Gemälde Raphaels so
reich und rein gestimmt, wie auf diesem,
und noch jetzt klingt es durch alle Schä-
digung und Uebermalung hindurch dem
wonnig in die Seele, welcher das Glück
hat, vor dem Original selige Augenblicke
zu verleben. Welch ein mächtiger Zn-
sammenklang des lichtgesättigten, goldbro-
katenen Gewandes der Cäcilia mit dem
flammendrothen, grüngefütterteil Kleid des
hl. Paulus illld der blauen und violetten
Gewandung der hl. Magdalena, und wie
sanft melodisch sind diese starken Grund-
farben vermittelt durch die mildeil Zwischen-
töne der hintereil Figuren, des Bodens,
der Landschaft, der Jnstrninente, überge-
leitet i>l das Azurblau des Himmels unb
in das Meer blendenden Lichtes, in welches
die Engel getaucht sind. Die Farben-
stimmnng steht mit der Affektsstimmniig
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