Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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und mit dem idealen Gehalt und Zweck
der Compositiou in wunderbarem Einklang
und breitet über das Ganze eine Atmos-
phäre seliger, lichtgesättigter, votl reichstem
Leben dnrchwogter Ruhe.

Aber immer noch haften wir mehr nur
an der Oberfläche; n.’ir müssen in seine
Gedankentiefen hinabsteigen. Zuvor scheint
es aber nützlich, daraus hinzuweisen, daß
die Compositiou, wie sie jetzt vor unserem
Auge steht, so sehr sie den Eindruck einer
plötzlichen Inspiration eines Werkes ans
Einem Guß itnb erstem Wurf machen mag,
doch nicht mit einemmal geworden, sondern
allmählig entstanden ist. Ja Marc-Antons
gewandter Stichel hat uns einen fertigen
Entwurf für die Compositiou übermittelt,
und wir sind höchlichst erstaunt, bei Ver-
gleichung dieses Entwurfs mit der endgil-
tigen Ausführung die bedeutsamsten und
durchgreifendsten Veränderungen zu finden.l)
In der gestochenen Skizze zeigt Cäcilia
nicht diese hinreißend rasche und lebhafte
Wendung des Hauptes nach oben noch den
starken Augenanfschlag; das Antlitz ist
nach links gewandt und mehr dem Be-
schauer zugekehrt. Dagegen schaut in der
Skizze Magdalena, welche ganz seitlich
und im Profil gegeben ist, mit ekstatischem
Blick zum Himmel, während sie im Ge-
mälde zwischen den heiligen Gestalten und
dem Zuschauer vermittelt. Paulus blickt
in der Skizze ruhig vor sich hin, Johannes
ans dem Bilde heraus, ersterer in stillem
Sinnen, letzterer in sanftem Träumen; im
Gemälde hat das Auge, das Denken und
Fühlen des Paulus sich ganz ins Innere
geschlagen und Johannes hat, außer sich
vor Bewunderung und Glücksempfindnng,
den Drang, sich gegen jemand auszn-
sprechen. In der Skizze senkt Augustinus
das mit der Mitra bedeckte Haupt aus ein
Buch; in der Ausführung ist Mitra und
Buch verschwunden und hat der Heilige
sich mit Johannes in Verkehr gesetzt. End-
lich sehen wir in der Skizze die obere
Engelgrnppe realkörperlich ausgebildet und
auf verschiedenen Instrumenten, Geige,
Triangel, Harfe, Musik machend, nicht
ohne mit einiger Neugier auf die unteren

*) Bei Muntz, Raphael, sa vie, son oeuvre
et son temps (Paris 1881) p. 544 ff. finden sich
der Stich und die Compositiou einander gegen-
übergestellt.

Gestalten herabznschanen; im Gemälde ist
die Gruppe visionär und in verschwimmen-
den Umrissen gegeben und sie pflegt nur
doch Eine, die höchste und geistigste Art
der Musik, den Gesang.

Alle diese Veränderungen bedeuten eine
zwischen Entwurf und Ausführung liegende
ungemeine Vertiefung des Gedankeninhaltö
und seelischen Gehalts der Compositiou, eine
Steigerung der Affekte, eine Verschärfung
der individuellen Unterschiede, einen Fort-
schritt in der Concentrirnng des Ganzen.
Da Marc-Antons Stich uns heute noch
vor Augen demonstrirt, mit welcher Ueber-
lcgung, mit welchem Aufgebot psychologi-
scher und künstlerischer Kraft Raphael
gerade diese Compositiou durchgearbeitet
hat, so haben wir ihr gegenüber doppelt
das Recht und die Pflicht, nach der Leit-
idee und dem beseelenden Hauptgedanken
zu fragen und nicht zu ruhen, bis wir
denselben klar und bestimmt erfaßt haben.

Die Entstehungsgeschichte des Bildes
gibt hiebei einige objektive Anhaltspunkte.
Meloni erzählt, die fromme Bologneserin,
die selige Elena Duglioli Dall' Olio sei
im Oktober 1513 durch eine Offenbarung
dazu bestimmt worden, der hl. Cäcilia in
der Kirche San Giovanni in Monte eine
Kapelle zu stiften. Einer, ihrer Verwandten,
Antonio Pncci ging ihr bei diesem frommen
Vorhaben an die Hand und als sein Onkel, der
neue creirte Kardinal Lorenzo Pncci, ein
Freund Raphaels, den Papst Leo X. ans seinen
Zug nach Bologna begleitete, veranlaßte
ihn Antonio, bei Raphael das Altarbild
für die Kapelle zu bestellen. Die himm-
lische Inspiration der Stifterin, deren Grab
noch in genannter Kapelle gezeigt wird,
mag dem Meister den Gedanken eingegeben
haben, seine ganze Compositiou in die
höhere Beleuchtung einer Vision zu rücken
und mit unmittelbar vom Himmel kommen-
den Strömen von Licht und Musik zu
überfluthen.

Nun wird über den Kardinal Pncci im
Tagebuch eines Zeitgenossen, Paris de'
Grassi, lj uns weiter berichtet, derselbe
sei sehr schlecht musikalisch gewesen, so
daß, wenn er in der Sixtina das Amt sang,
das Kardinalskolleginm Mühe hatte das
Lachen zu unterdrücken; ans eines seiner

st Diarium III, 161. 113. 743.
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