Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 34
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malerischen Gesetzen, sondern auch nach den
Gesetzen der Architektur sich gerichtet hat",
daß hier ein intimer Bund zwischen Archi-
tektur und Malerei wirklich geschlossen ist
und daß der Stil des Baues maßgebend
war für den Stil der Malerei. Freilich
mußte hier bei einem so eigenartig romani-
schen Ban die Malerei auch der Archi-
tektur nachhelfen, mußte viele Schwächen
derselben mit der Macht der Farbe ver-
decken , mußte überhaupt mit dekorativen
Ornamenten vielfach bessernd, ansglcichend
und korrigierend eingreisen. Es konnte hier
deshalb bloß ein wirklicher, ans dem Ge-
biete der Kirchenmalerei ganz erprobter
Meister am Platze sein, ein Dekorations- >
maler, der sich in die Architektur voll-
ständig eingelebt, der eine architektonische
Schulung genossen und der seinen Be-
malungsplan der Architektur organisch ein-
zngliedern im Stande war.

Auch das zweite Prinzip, wornach die
monumentale Malerei F l a ch m a l e r e i sein
soll, ist in Tettnang durchaus beachtet wor-
den; die architektonischen Gliederungen, die
gemalten Säulen, Lisenen, Gewölbe u. s. w.
sind nur rein malerisch und konventionell
behandelt; sie sind nur in leichten Kon-
turen und Flachmalerei angedentet.

Wie steht es nun aber mit den Gesetzen
der Noth, der Klugheit und Erfahrung?
Sind auch diese in Tettnang beobachtet?
Ist hier nicht des Guten zu viel ge-
schehen , indem der Neichthnm der Orna-
mente ein zu großer und der eintönigen
Flächen es zu wenig sind? Wenn man!
die Skizzen betrachtet, namentlich ohne den
eigenthümlichen Bau der Kirche selbst ge-
sehen zu haben, könnte der erste Eindruck
ein solcher sein. Eine Skizze, je mehr sie
in's Detail ansgearbeitet ist, erscheint ja
regelmäßig reicher, als die ausgeführte
Arbeit, weil die einzelnen Motive und
Ornamente in gedrängtem Raume bei ein-
ander stehen und so gleichsam alle zu-
sammen ans einmal sich dem Auge anf-
drängen. Es ergab sich bei der Ausfüh-
rung von selbst, daß manches Ornament
koloristisch verändert, manches weggelassen,
manches auch durch einfacheres ersetzt wurde.
Auch der tüchtigste Meister wird ja bei
der sorgfältigst entworfenen Skizze manches
bei der Ausführung zu ändern in die Lage
kommen. Und so ist es auch in Tettnang

gegangen: es mußte dem Meister hierin
eine gewisse Freiheit gelassen werden, wenn
sich nicht die Schablone zeigen sollte. Wir
vermögen nemlich dem Projekte („Archiv"
S. 30) nicht znzustimmen: „Das Beste
wäre, in jeder Diözese Einen ganz er-
probten Maler anfzustellen, der für die
ganze Diözese die Pläne für Kirchen-
bemalnngen zu fertigen hätte." Daß ein
besserer Meister für einen minder tüchtigen
die Skizzen entwerfe, je nach Beschaffen-
heit des Baues auch die Technik bestimme
und unter Umständen sogar die Ausfüh-
rung der Arbeit überwache, halten auch
wir für angezeigt und wünschenswerth,

- daß aber Einer das thue für die ganze
Diözese, könnte für Fortbestand und
Weiterführnng unserer kirchlichen Kunst
gefährlich werden. Hoffentlich stehen uns
mehrere Maler zur Verfügung, die eine
richtige Skizze zu entwerfen und auch einem
einfachen, schlichten Ban ein ebenfalls ein-
faches , aber künstlerisches Farbengewand
zu geben im Stande sind.

Nun aber noch die Frage der Halt-
barkeit. Mit Recht wird darauf hin-
gewiesen, daß so viele nengemalte Kirchen
bald wieder in Folge von Feuchtigkeit oder
Nichthaltbarkeit der Farben künstlerisch
ruinös werden, ja ihren Farbenglanz völlig
verlieren. Beides ist aber in der Tett-
nanger Stadtpfarrkirche nicht zu befürch-
ten: einmal haben wir hier einen völlig
trockenen Backsteinban vor uns, der nur
einige feuchte Stellen da auszuweifen hat,

! wo der Anbau der linken Chorwand an
den Thurm geschah, welchem Hebel aber
entgegen gewirkt wurde. Was aber das
ganze Holzwerk in dieser Kirche betrifft,
— und das bildete bei weitem den größern
Theil der zu bemalenden Fläche — so
könnte hier auf Jahrhunderte garantiert
werden, da diese Bemalung ja mit Oel-
farbe geschehen muß. Oelfarbe ans Holz,
richtig behandelt, ist aber in gedeckten
Räumen fast unverwüstlich. Die in dieser
Weise polychromirten und schon oben ge-
nannten Holzdecken von Hildesheim, Hal-
berstadt u. s. w. reichen alle mit ihren Be-
malungen bis in die Blütezeit der roma-
nischen Periode hinauf und sind bis ans
unsere Tage erhalten geblieben. Was
aber die Bemalung der Mauerflächen an-
langt, so kommt es hier ganz darauf an,
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