Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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in honorem sanctae genitricis Mariae
sanctorumque Apostolorum Petri et
Pauli, nec non martyrum Kyliani atque
Glorii. Von 1018 an wird das Stift
meistens zu St. Peter und Georg genannt
(Weber, die St. Georgenbrüder am alten
Domstift zu Bamberg; ebd. 1883, S. 13 f.).
Die Urkunde über die am 6. Mai 1012 vorge-
nommene Konsekration besagt, daß in das
Altäre oceidentale, quod in eadem
Ecclesia praecipuum est et principale

11. A. eine Reliquie de catena S. Petri,
in das Altäre orientale eine de S.
Georgio Martyre eingelegt worden sei
(Jaffe, Monum. Bamb. Berol. 1869, p.
479 sq.). St. Peter war der Hanpt-
patron der Kirche, St. Georg der Patron
des Domkapitels, der Georgenbinder, und
heute noch werden die beiden Chore nach
diesen Heiligen benannt.1) Wenn also
Otte, Geschichte der romanischen Baukunst
in Deutschland, 1874, S. 151, als Er-
klärungsgrund angibt, „die Vorliebe für
diesen oder jenen Heiligen, dem man außer
dem Titelheiligen der Kirche noch eine be-
sonders ausgezeichnete Verehrung zollen
wollte und deshalb den West- (hier Ost-)chor
... als ein besonderes Heiligthum dedizirte",
so trifft das hier zu.

Ob, wie Otte, Grnndzüge der kirchlichen
Kunst-Archäologie, Leipzig 1855, S. 12,
annimmt, „der Ursprung dieser eigen-
thnmlichen Einrichtung im Benediktiner-

0 Jetzt werden die beiden Chöre in der
Weise verwendet, daß die werktäglichen Chvr-
messen im Peterschor, die Hochämter und feier-
lichen Vespern im Georgenchvr gehalten werden.
Wann und warum die Principalität der Chöre
vertauscht wurde, ist nicht klar. In einem Ar-
tikel vom Bamberger historischen Vereinsbericht
für 1872 S. 168 wird angenommen, daß das
bei dem Umban des Domes am Ende des

12. Jahrhunderts geschah, da der Georgenchor
neugebaut wurde. Nach seiner Vollendung mußte
dieser allein benutzt werden, bis Ende des

13. Jahrhunderts auch der Peterschor nenge-
baut war; und dann ließ man ihm auch fortan
den Vorrang. Das ist mir nicht wahrscheinlich;
denn der Peterschor enthält 16 stalla mehr,
als der Gevrgenchor, offenbar für die Alumnen,
die Angehörigen der übrigen Stifte, die Mönche,
tvelche bei hohen Festen dein dort gehaltenen
Pontifikalamt beiwohnten. Vielleicht fällt der
Wechsel in viel spätere Zeit und dann hängt er
tvohl mit der Translation des Grabmals des
hl. Heinrich und der hl. Kunigunde zusammen,
welches 1659 aus der Mitte der Kirche ans den
Georgenchor transferirt wurde und dort bis zur
Restauration des Domes 1831 blieb.

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kloster Fulda zu suchen ist, wo der im
Osten gelegene Hanptaltar dem Salvator
geweiht war, und man nach dem Tode des
hl. Bonifatins (f 750) diesem einen zweiten
Altar im Westen widmete, mit einer Ka-
pelle (Westchor), was sodann auswärts
nachgeahmt wurde", wollen wir dahin ge-
stellt sein lassen.

Springer citirt a. a. O. eine Stelle
ans Kngler (Handbuch der Kunstgeschichte
S. 358), laut welcher der Antor diese
Anlage ans der Theilniig der Mönche in
zwei Chöre und der (nach Springer: übri-
gens viel älteren) Einführung des Wechsel-
gesanges erklärt. — In dieser Allgemeinheit
gefaßt, ist dieser Gunid gewiß nicht durch-
schlagend , und bei sehr großen Kirchen
überhaupt nicht anwendbar. Chöre, die
sehr weit von einander entfernt waren,
konnten wegen des Verhallens des Tones
beim Wechselgesang und Gebet nicht präzis
ineinander eingreifen. Kngler selbst scheint
bezüglich der allgemeinen Gültigkeit seines
Satzes zweifelhaft geworden zu sein; denn
die mir vorliegende 4. Auflage hat den-
selben nicht mehr. Die zweckmäßigste Auf-
stellung des zum Wechselgebet und-Gesang
bestimmten Chorpersonals ist ohne Zweifel
die auf beiden Seiten desselben Chores,
wie das jetzt allgemeiner Gebrauch ist.

(Von Vorstehendem mag auch auf eine
bauliche Anlage dieser Art in unserem Land
einiges Licht fallen; ans die einstige Bene-
diktiner-, jetzt Stadtkirche zu St. Maria
und Januarius in Murrhardt, deren ur-
sprünglich romanisches Langhaus um 1434
an beiden Endpunkten Chöre ansetzte.)

Aber ich bin in der Lage, Nachweisen
zu können, daß die von Kngler ange-
nommene Hebung in einzelnen Fällen
thatsächlich ' bestand und zwar im alten
Dom zu Bamberg. Ein Pergamentcodex
des hiesigen kgl. Kreisarchivs enthält die
Ordnung und die Ceremonien, welche beim
Chordienst von dem Domcapitel zu beob-
achten waren. Dieselben sind ausgezeichnet
unter dem Dekan Anton von Rotenhan,
welcher 1432 Fürstbischof wurde. Näher
bezeichnet stammen sie vermnthlich ans dem
Jahre 1422, in welchem unter demselben
Dekan eine Reformatio capituli be-
schlossen wurde, welche tl. a. sehr interes-
sante Vorschriften betreffs der von den
Kanonikern zu beobachtenden Kleidertracht
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