Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 43
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schwierigen Verhältnissen im stände war,
würdevoll den Chordienst zu versehen.

Das; diese für das 15. Jahrhundert
nachgewiesene Einrichtung schon von der
Gründung des BisthnmT (1007) an be-
stand, möchte ich allerdings bezweifeln, da
die Zahl der Pfründen damals wohl 20
nicht überstieg. Eben deßhalb möchte ich
auch nicht annehmen, daß die bauliche
Einrichtung von zwei Chören veranlaßt
tvar durch die Absicht, die zwei Halbchöre
der Kanoniker in ihnen nnterznbringen.
Hiefür möchte vielmehr neben dem Haupt-
grund, daß die Kathedrale zwei Patronen
hatte, welche beide durch einen hervor-
ragenden Altar geehrt werden sollten, in
zweiter Linie der von Otte (Geschichte
der romanischen Baukunst rc. Seite 151)
angegebene Grund maßgebend gewesen
sein: „Das Streben, durch eine solche
Anlage die betreffende Kirche auch in bau-
licher Hinsicht zu verherrlichen." Aber
als das Chorpersonal an Zahl znnahm,
hat man die bauliche Anlage in der ge-
schilderten Weise benutzt. Diese Con-
statirnng wird für die Geschichte des Chor-
dienstes nicht ohne Interesse sein.

Alte IVandinalereicn in der Pstalz.

Bei der Erneuerung des Chores der alten
Pfarrkirche von St. Martin in Billigheim stieß
man auf Wandgemälde, die (setzt von berufener
Hand sorgfältig im Stil ihrer Zeit wiederher-
geftellt) das a p o st o l i s ch c Glaubensbe-
kenntnis;, sowie das Vaterunser zum Ge-
genstände haben. Im Vordergrund, über einer
einfachen Teppichnnterlage, finden sich die knie-
enden Gestalten der Propheten als Repräsen-
tanten der einzelnen Glaubensartikel an einander
gereiht; in der mittleren und Hauptreihe stehen
in eNva 3U Lebensgröße die ganzen Figuren der
Apostel, deren jeder ein Medaillon und in dem-
selben eine ans einen Glaubensartikel bezügliche
Darstellung trägt; über den Aposteln schweben
Engel. Sämmtlichen Figuren sind Spruchbänder
beigegeben, deren Inschriften zwar mangelhaft
erhalten, aber leicht zu ergänzen sind.

Die Apostelreihe beginnt mit dem heiligen
Andreas; im Medaillon Darstellung der ersten
göttlichen Person mit langem grauem Haar und
Bart, mit Krone und Mantel, in der Linken die
Erdkugel mit dem Kreuz haltend, die Rechte aus-
gestreckt. So klein die Figur ist, es liegt etlvas
von der Kraft des allmächtigen Schöpfers Him-
mels und der Erde in ihr; es ist uns, als ob
sie ihr Werde spräche; unter den: Apostel steht
der Prophet Nehemias mit dem Lobspruch auf
die schöpferische Allmacht Gottes ans 2 Esdras
9, G ans dem Spruchband der Propheten ist von
der alteil Schrift noch deutlich zu lesen: der die
erde gemacht hat und das mer. Der ziveite

Apostel mit dem zweiten Glaubensartikel ist
Matthäus; im Medaillon trägt er die Gestalt
eines Knaben ohne Kleider; unten steht der
Prophet David, die Krone auf dem Haupte, das
Spruchband haltend niit deni Text aus dem
2. Psalm David: der herre sprach zu mir du
bist myn soil ich haw dich heut getzeugt. Der
dritte Apostel ist Jakobus, dem Aussehen nach
der Aeltere, er trägt im Medaillon die Mut-
ter Gottes mit dem Jesuskind, den dritteil
Artikel vorstellend, uilteil ist der Prophet Za-
charias mit vierhörnigem Priesterbarret und
denl Texte 3, 8. Der vierte Apostel ist Johailires
mit denl Gekreilzigten im Medaillon, den vierten
Glaubensartikel darstellend; unter ihm steht
Jonas, Prophet und Vorbild vvnl Tode nnb
Begräbnis; Christi 2,1; wir sehen ihn mit vom
Altäre abgewendetem Gesicht, znni Zeichen seiner
Flucht vor Gott, an den Fingern zählend, zllin
Hinweis auf sein dreitägiges Verbleiben im
Bauche des Walfisches, mit assyrischer, in Fisch -
blaseilform auslaufender Mütze zur Kennzeich-
liling seiiles Aufenthaltes in Ninive. lieber den
vier ersten Propheteil und Aposteln findet sich in
denl von der Gewölbekappe gebildeten und von zlvei
Nippen eingeschlosseneil Zwickel als Gruppeiibild
die Himmelfahrt Christi dargestellt; die Fläche
ist horizontal dreigetheilt, in ben beiden Seiten-
flächen ist ein Engel mit dem Spruchband Viri
Galilaei quid statis aspicientes in coelum
das andere Spruchband bic Jesus sic Veniet,
quemadmodum vidistis eum euntem in coelum
(beides noch zu ergänzen). — Sämmtliche Apostel
im Mittelbilde knieen mit gefalteten Händen,
sehnsüchtig dem anffahreilden Heilaild nachschau-
end, von dem nur noch die Füße mit den hei-
ligen Wundmalen lind ein Theil der Kleider sicht-
bar siild, zwei schwebende Engel begleiten den
Herrn, seine Füße haltend. — Der fünfte Apostel
ist Thomas mit dem fünften Glaubensartikel:
im Medaillon seheil wir Christus mit der Sieges-
fahne aus dem Grabe hervorkommend, um den
Sieg über Tod, Hölle unb Vvrhölle anzudenten.
Als Prophet entspricht ihm Jsaias, das Kleid
iiach Art einer Kapuze über das Haupt gezogeil.
Text im Spruchband Jsaias 4, 2. Den sechsten
Artikel vertritt der heilige Apostel Jakobus der
Jüngere. Im Medaillon trägt er den Herrn,
der iil den Himmel anfsährt, der also nur voll
der Hüfte an sichtbar ist; der ihm zugehörige
Prophet ist Ainos 4, 13; er trägt als Kopfbe-
deckung eine Art Calotte.

Sodann folgen zlvei Bilderreihen, ivelche ans
ben siebenten Glaubensartikel (Christus als
Weltenrichter) Beziig haben. In der Apostel-
reihe stehen die Vorboten: Enoch als künf-
tiger Apostel der Heiden und Elias als künftiger
Apostel der Judeil, beide haben kein Medaillon,
soildern nur Spruchbänder Jud. B. 14. Unter
den Vorboten finden wir die Vorzeichen des
Gerichtes: Gewissensangst von Christus, Matth.
24, 21 und der Abfall voin Apostel, 2. Thess. 2,
vorhergesagt. Die Gewissensangst stellt Herodes
dar mit dem Haupt des hl. Johannes in der
Schüssel und dem Schiverte, den Abfall König
Antiochus, das Verfolgungsdekret in der Linken
ilnd das Schwert in der Rechten; die Flamme
umzüngelt ihn und schlägt ihm bereits über den
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