Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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Arm. Der Antichrist wird durch das göttliche
Nachefeuer getötet werden; Herodes und An-
tiochus weisen ans des En och und Elias Mar-
tyrium hin, den siebenten Glaubensartikel trägt
Philippus; im Medaillon thront Christus auf
dein Regenbogen, mit der Linken das aufge-
schlagene Buch hallend, die Rechte zum Gericht
ausgestreckt, als Prophet entspricht Abdias 15.
Den achte,: Glaubensartikel hält Bartholomäus,
im Medaillon die Taube mit Heiligenschein;
unten Joel mit dem Text, ich werd ußgißen
von myn geist über alles fleisch, oben schweben-
der Engel mit Text, Röm. 8, 14. Der nennte
Glaubensartikel ist in der Hand des Petrus;
das Medaillon zeigt ein Gotteshaus mit Fenstern
und Thürinen, im Spruchband ist iioch zu lesen:

. . . heilige christenliche Kirche, unten der Prophet
Michäas 4, 5, darüber schwebender Engel mit
Text, Kol. 1, 13.

Die Chorabsis ist der Gemeinschaft der Hei-
ligen gewidmet, links vom Fenster sind die Se-
ligen im Himinel vertreten durch die hl. Bar-
bara und Katharina, darüber ein Engel, dessen
Spruchband leider nicht mehr zu entziffern ist,
rechts das Fegfeuer; im untern Teile kniet die
heilige Kaiserin Kunigunde im Witttveukleid vor
ihrem Hausaltärchen, auf dem das Kruzifix,
eine brennende Kerze. Kelch und Sanduhr zu
schauen; unter ihr ist angegeben, warum und
für wen sie trauert und betet; für ihren ver-
storbenen Gemahl, Kaiser Heinrich, dessen Seele
im Fegfener ist, in ore leonis, das Angesicht
wehmüthig und flehend zu seiner Gemahlin empor-
richtend. Im Mittelfeld steht groß der Erz-
engel Michael, die erlöste Seele liebevoll in den
Himmel tragend; darüber schwebt ein Engel
mit der Ilmschrist: ex quo omnia, per quem
omnia et in quo omnia ipsi gloria. Den
zehntel, Glaubensartikel hält Simon; im Me-
daillon hat er die Monstranz, Christus ist für
uns die Vergebung der Sünden, unten ist der
Prophet Malachias, er trägt den Beutel, das
Zeichen der Habsucht, die iiach dein Apostel die
rackix omnium malorum heisst, 1. TilN. 6, auf
dem Spruchband ist zu leseu: der herre wird
ablegei, alle „wer Ungerechtikiteu, das Spruch-
band des Engels ist leider nicht mehr zu ent-
ziffern. Es folgt an elfter Stelle der Bruder
des Simon, nämlich Judas mit den, Speisekelch,
dem Symbol und Unterpfand der Auferstehung:
iver mein Fleisch ißt k. . . . der bleibt in nur
und ich in ihm, und ich werde ihn auferivecken
am jüngsten Tage; unter ihm sehen wir den
Ezechiel mit einer Stelle aus seinem Gesichte
über das Totenfeld (Ezech. 20, 34), zu leseu ist
noch: ich werd uß furen „st ... bern niit mir;
auch das Spruchband des über diesem Glaubens-
artikel schwebenden Engels ist aus der Wand
nicht inehr zu fiuden. Den Schluß der apostoli-
schen Reihe bildet der hl. Mathyas (siel); auf
seinem Spruchbande: an ein eivig leben . . .
amen. Als Medaillon hält er den Kelch, das
Symbol des Opfers Christi am Kreuz und seiner
getreuen Jünger (Röm. 8, 17), sowie des hei-
ligen Meßopfers. Der schwebende Engel hält
das Spruchband mit Text aus der geheimen
Offenbarung 7, 14.

Nach den, apostolischen Glaubensbeke>,ntiiis;
folgt das große Vaterunserbild: Auf der einen
Seite steht Christus, schlank mit jugendlich
frischen, Antlitze und kurzem, spitzen Barte, gegen
die Apostel geivendet und Spruchbänder in der
Hand haltend, worin die Antworten enthalten
sind auf die von den Jüngern an ihn gestellten
Bitten, llnt die Weite der Spruchbäi,der von
Christus entfernt stehen die 12 Apostel, an erster
Stelle Petrus, Jakobus und Johannes; von den
Aposteln gehen zwei Spruchbänder aus hinüber
zu Jesus, auf denen in Spiegelschrift zwei Bit-
ten enthalten sind: herre lere uns betten (Petrus)
die Antwort Christi lautet: wanu ihr bett, so
sprecheut, dann folgen die sieben Bitten in auf-
ivärts fliegenden Bändern:

Vatter unser, der du bist in dem hiemel gehei-
ligt werd diu name
Zu kum diu rich

diu Wille werd alz im hieinel in der erd
unser tegelich brot gib uns heut
und vergib uns unser schuld alz auch lute dun
unfern schnldnern
und l,it anleide uns zu bekornng
sondern lös uns vom uebeln
Auf dem zweiten von den Aposteln ausgehenden
Spruchbande steht die Bitte (Joh. 14, 8): herre
zeiege uns den vatter, so ... (unleserlich);
die Antwort von Christus aus: Phylipp . . .
daz „wer friede vollekvmmen sei. Ein letz-
tes Band geht noch von den Aposteln zu
Jesus aus, auf dem ihr Glaube und ihre Hul-
digung zum Ausdruck kommt Joh. 16, 30, zu
lesen ist noch: wir es wissen, daz du ...
In einer Gloriole schwebt Gott Vater über den
Aposteln. Milde und Güte auf seinen Zügen,
mit weißem, ehrwürdigem Barte und den Reichs-
apfel mit Kreuz in der Hand. Ueber dem Ganzen
schweben zu beiden Seiten einer Nische Engel,
der eine rechts mit goldenem Rauchfaß, der
andere links mit goldenem Schiffchen, sie bringen
die Gebete der Heiligen vor den Thron des
Lau,nies und Gottes, Apok. 8, 3, auf dem einen
Spruchband ist noch zu lesen ckata (sunt ei
ineensa multa).

Die Malerei hat sich hier, tvie wir sehe»,
einen böchst praktischen und eminent kirchlichen
Gegenstand gewählt, der gewiß öfter im Mittel-
alter die Kunst beschäftigte; der Hintergrund der
Apostel- und Prophetenfiguren wechselt nur mit
Schwarz und Not ab, ebenso die Medaillons,
der Hintergrund der Engel in der Höhe ist grün.
Die Ganzfiguren stehen jedesmal auf hellem,
sonnigem Wiesengrund, den wir durchgeheuds bei
den mittelalte,liehen Heiligen finden. Die Sprüche
der Propheten und Apostel sind deutsch, die der
Engel in den Zwickeln lateinisch. Die Figuren
sind im Ausdruck einfach und innig, die Ge-
wandung besteht aus Ober- und Unterkleid, er-
steres nach Art der römischen Toga über den
Arm gelegt. — Es wäre zu wünschen, daß
auch die Mittel zur Freilegung und Nestauri-
rung der Gewölbeflächen und ihrer Figuren auf-
zubringeu wären. c• M-

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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