Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 46
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selbst die gemalten Flügelbilder des Al-
tars : Verkündigung, Geburt, Anbetung der
Weisen und der Tod Mariä; sodann die Pas-
sionsscenen: Geißelung, Dornenkrönung,
Kreuztragung und Gebet am Oelberg.

lieber den Meister, der dieses Altar-
werk fertigte, veröffentlicht Fischnaler eine
Reihe von Einträgen ans den Rechnungen
von den Jahren 1456—1459, von wel-
chen wir aber nur die wichtigsten aus-
heben (1. c. S. 133): „Item soll der
Hanns Jöchlin 17 Mr. 6 Pfd. 2 kr. un-
ser lieben Frawn abziehen an der zeh-
rnng, so Maister Hanns Mneltscher zu
im verzert, als er die Taft macht und
unser Frawn darum ledigen".

Wichtig ist auch ein Eintrag, der da-
hin weist, daß man den Altar in Inns-
bruck festlich abholte „ . . am Freytag
nach erhardi 1456 als man von der tafl
unser frawen (wegen) hinaus gen jnns-
prnck geritten".

Dieser Ritt nach Innsbruck wäre aber
für die Erforschung der Heimat des Mei-
sters fast verhängnisvoll geworden. „Der
Schluß lag so nahe: wenn der Altar von
Innsbruck abgeholt wurde, so befand sich
die Werkstätte des Meisters in Inns-
bruck. Dieser Schluß wurde auch wirklich
gezogen, nicht bloß von dem tyroler
Kunsthistoriker Atz, sondern auch von
Bischer, Lübke und Janitschek, ungeachtet
ihnen die Anklänge an die schwäbische
Kunstrichtung nicht entgingen.

Zum Glück bemerkte aber C. Fisch-
naler, daß, mit den Rechnungen über den
Altar verbunden und vermischt, auch Zah-
lungen au Ulm er Kausleute Vorkommen,
was ihn veraulaßte, in dieser Richtung
weitere Nachforschungen anznstellen. lieber
das Resultat gibt er Mittheilung in dem
36. Hefte der Zeitschrift des Ferdinan-
deum 1892, S?556.

Von Ulm (durch Herrn Stadtbiblio-
thekar Müller) wurde ihm zugeschrieben,
was man dort von dem Hans Mneltscher
wußte und was wir schon oben angegeben
haben. Das stimmte aber in dem Namen
und in der Zeit so gut mit dem überein,
was Fischnaler ans den Sterzinger Rech-
nungen entnommen hatte, daß er seiner
Ueberzengung Ausdruck gibt, daß Hans
Mneltscher nicht ans Tyrol, sondern aus
Schwaben (Ulm) staunne (I c. S. 558).

Das oben angeführte Resultat nun ist
offenbar nicht bloß für Tyrol und Ster-
zing, sonderit auch für Schwaben und
Ulm sehr wichtig; für letzteres um so
mehr, da hiedurch für die „Ulmer Schttle"
ein Zuwachs einer Generation sich
ergibt. Und dieser Zuwachs fällt gerade
in einen Zeitraum, welcher einer Auf-
hellung ans dem Gebiete der Malerei und
Plastik recht bedürftig ist.

Von der Mitte des 15. Jahrhunderts
an ungefähr macht sich der Einfluß der
von den Gebrüdern Hubert und Jo-
hann van Eyk ausgehenden Knustweise
in Schwaben mit Entschiedenheit geltend.
Die Meister der Ulmer Schule, Maler
und Bildschnitzer, geben sich als solche zu
erkennen, die thatsächlich schon unter dem
Einflüsse dieser Richtung, wenn auch mit
Wahrung ihrer nationalen Selbständigkeit,
sich befinden. Wir verweisen ans die
Syrlin und Zeitblom rc.

Nun stellt sich die Frage: ans welchen
Wegen wandelten die schwäbischen, speziell
die Ulmer Meister, bevor sie von den
Niederländern beeinflußt wurden? Darüber
können nun die ans der Werkstätte
Mtieltschers hervorgegangenen Werke der
Malerei und Plastik Aufschluß geben. Die
Thätigkeit desselben fällt zu ihrem größ-
ten und besten Theil noch in die erste
Hälfte des 15. Jahrhunderts (Bürger-
anfuahme 1427), wentl auch das Werk
in Sterzing daselbst erst 1456—1458
aufgestellt wurde. Es ist ja selbstverständ-
lich, daß der bejahrte Meister auswärtigen
neuen Einflüssen mir wenig mehr znge-
wandt gewesen sein wird, sondern der ge-
wohnten Hebung treu blieb, daß somit in
diesen Arbeiten die autochthone schwäbische
Knnstweise, wie sie sich hier entwickelt
hatte, zu erkennen sein werde. Anderer-
seits aber wird auch der Einfluß der
energisch drängenden Zeitströmung, getra-
gen hauptsächlich von den jüngeren Mit-
gliedern der Werkstätte, nicht spurlos
vorübergegangen sein. Die ttoch vorhan-
denen Werke der Malerei und Sculptur
erscheinen demnach ganz geeignet, eilte fühl-
bare Lücke in der Kunstgeschichte, beson-
ders von Ulm, aber auch in noch weiteren
Kreisen anszufüllen.

Daß bisher in der Kunstgeschichte von
Ulm eine unanfgehellte Parthie sich vor-
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