Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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Mariä, welche ungleich seiner in Auf-
fassung und Ausführung find, besonders
der Tod Mariä voll dramatischer Kraft
fl. c. S. 595). „In all diesen Bildern
(Leben Mariä) erkennt man einen Künst-
ler, der voll Adel und Schlichtheit durch
Tiefe des Ausdrucks zu wirken sucht. Die
Köpfe sind voll Charakter, aber ohne die
Härten lind Uebcrtreibnngen der deutschen
Malerei des 15. Jahrhunderts, dessen
zweiter Hälfte offenbar diese Werke an-
gehören. Auch der Faltenwurf in seiner
großartigen Einfachheit hält sich frei von
den knitterigeil Manieren der Zeit. Mo-
tive, wie der Johannes beim Tode Mariä,
dürften sich schwerlich in der deutschen,
eher in der italienischen Kunst finden"
(bei Fischnaler l. c. S. 129).

Ianitschek (Geschickte der deutschen
Malerei, S. 304) sagt: „Ans der Jnn-
thaler Gruppe (der Tyroler Künstler)
ragt in dieser Zeit nur Hans Mneltschev
ans Jnnsbrnick (?) hervor, der den Hanpt-
altar zu Sterzing malte. Die Bilder der
Flügel führeil Ereignisse ans dem Leben
Mariä und ans der Passion vor. Die
Darstellungen ans dem Lebeil Mariä, die
als Eigengnt des Meisters selbst ange-
sprochen lverden können, zieheil durch
Schlichtheit und Reinheit der Empfindling
an; daß er aber auch erschütternder Kraft
fähig war, beweist der Tod Mariä. Die
Reinheit der Zeichnling, die Einfachheit,
der Adel des Faltenwurfs legen nahe,
daß der Künstler mit den Ausläufern der
Schule Giotto's, benen er aber an Natnr-
sinn voraus ist, liiehr Fühlung hatte, als
mit deil Leistungen oberdeutscher Schuleil.
Derber ist die Ausführung der Passions-
scenen; einzelne Züge voll ächter Groß-
heit fehleil auch hier nicht, doch ist die
Charakteristik hier aufdringlicher, die Com-
position in Folge überheftiger Bewegtheit
minder klar, so daß man hier Gehilfen-
hände vermnten darf."

R. Bischer sodann sagt (Studien zur
Kunstgeschichte, S. 456): „Die Bilder
hu Rathaus zu Sterzing vollendete Hails
Mneltscher ans Innsbruck (?) im Jahre
1458, der in Tyrol ungefähr dieselbe
knnsthistorische Stellung einnimmt, wie
Hans Schühlein in Schwaben und M.
Wohlgemnth in Franken. (Forts, folgt.)

Gedanken über die moderne INalereiT)

Neue Folge.

I.

^Seit wir ine Jahrgang 1892 dieser Zeitschrift
(«L. 178 ff.) ein Referat geben versucht haben
über Richtungen und Strömungen, • Charakter,
Ziele und Hanptlverke der Malerei der Gegen-
wart, hat sich in dieser buntbewegten Welt viel
ilnd wellig verändert, — viel, so daß es an-
gezeigt scheint, seilen Versuch zu erneilern und
fortzufi'lhren, — lvenig, so das; das Schluß-
ergebniß fein wesentlich erfreulicheres sein lvird
als vor drei Jahreil. An Material für eine
neue Stlidie fehlt es wahrlich nicht. Hart
drängen und stoßen sich in dein kilrzen Zeitranin
zahlreiche Allsstellungen mit tausenden von Ge-
mälden. Voll Jahr zu Jahr wächst unbeimlich
all die Masse neuer Meister uild Werke; eine
Folge jener überreich gebotenen Gelegenheiten,
in die Oeffentlichkeit zil treten; eine Folge vor
allem der Konkurrenz auf Leben und Tod, in
ivelcher die mvderilsten Richtnugen mit den
modernen, die niodernen mit koilservativen und
reaktionären, in welcher neuauftauchende Namen
und junge Kräfte sich messen mit den erbgesessenen
Meistern, ivelche ihr Schäflein im Trockenen
haben und sich eines Namens rühmen können,
der alle Erzeugnisse ihres Pinsels, and) minder-
werthige, mit seinem Nimbus deckt, der ihnen
überreich für das sorgt, lvovon die Kunst lebt, für
Ruhm und für Abnehmer und Käufer.

Wenii man aber glauben wollte, daß die in
der Zwischenzeit eingetretenen Scheidungen inner-
halb der Künstlerwelt selbst, daß die von den
„Genossenschaften" abgelösteil „Sezessionen" in
Paris, Düsseldorf, Berlin und München die
Klärung der Strömungen tvesentlich gefördert
haben und Ueberblick nnb Urtheil erleichtern,
so ivülde man schiver enttäuscht werden. Auch
die Sezessionen sind zunächst lediglich verursacht
durch die Ueberprodnktion, durch die Uebcrsetzuug
dieses Schaffensgebietes mit Arbeitskräften, Folgen
und Mittet des Konkurrenzkampfes. Sie be-
deuten eine Scheidung liicht der Geister, sondern
nnr der materiellen Interessen, nicht eine Aus-
einandersetzung bezüglich der Ideen und Ideale
und der Prinzipienfragen der Kunst, sondern
nnr in Rivalitüts- und Geschäftssragen. Zu-
gestandenermaßen findet sich in den Ausstellungen
der Genossenschaften und der Sezessionen Gutes
uild Minderwerlhiges, Brauchbares nnb Abge-
schmacktes in ungefähr gleicher Zahl und Misch-
ung; höchstens dort noch etwas mehr Konser-
vatismus, hier noch mehr lvilder Neologismus.

Und doch — Eines erleichtert uns diesmal
unsere kritische Aufgabe wesentlich. Wir be-
dauerten es in unseren früheren Aufsätzen sehr,
daß die Aesthetik die Führerschaft auf dein
Gebiete der praktischen Kunst, ihr wohlthätiges,
freiheitrettendes, nicht freiheitraubendes Regi-
ment so ganz eingebüßt habe. In dieser Hin-
sicht ist nun ein entschiedener Fortschritt zu ver-

1) Erstmals erschienen in der „Zeitschrift für
christliche Kunst", heransgegeben von A.Schnütgen.
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