Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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zeichnen. Die Aesthetik ist niit Eifer und Energie
bestrebt, ihre verlorene Stellung zurückzuer-
kümpfen. Ans manche unsicher tastende, dilet-
tantische Versuche, tvie jede Ausstellung sie als
Schweif nachzieht, ist endlich ein Werk gefolgt,
welches wir am Eingang unserer Betrachtung
in Ehren nennen und im Verlauf derselben
immer wieder berücksichtigen, die „A e sth e tisch eu
Zeitfragen" von I. Volkelt.') Nicht in
allweg theileu wir den Standpunkt des Ver-
fassers, aber tvir sind ihm das Zeugnis; schuldig,
daß er die großen Fragen der Kirnst prinzipiell
erfaßt und männlich nach Klarheit ringt. Daß
er sich nicht mit der bildenden Kunst speziell
befaßt, sondern seine Untersuchungen ans alle
Künste ansdehnt, besonders ans die Dichtkunst
und Belletristik, ist ein Vorzug. Denn kirr
näherer Zusammenhang, als man gewöhnlich
annimmt, besieht zwischen den Strömlingen auf
dein Gebiete der Malerei und denen in der
schönen Literatur. Den Freilichtereien, dem
Naturalismus, Impressionismus und Symbolis-
mus der modernen Malerei laufen parallel die
seltsamen, extravaganten Tendenzen rind Er-
zeugnisse der neuesten Dichtkunst, tvie sie nament-
lich in deiii „Modernen Musen-Almanach"
sherausgegeben von O. I. Bierbaum, München,
1892 ff.) einen Sammelpunkt gefunden haben.
Noch sitid die gesunden Anschauungen Volkelt's
nicht in die Welt der Künstler eingedrnngen,
— dazu wird es längerer Zeit bedürfen; ab er-
ste werden eindringen, da sie mit großer Gründ-
lichkeit und Ueberzeugnngskraft ausgesprochen
werden und sie werden, soweit sie richtig sind,
nur klärend und lnstreinigend wirken können.

Möglichst genaue Wiedergabe der Natur,
Wiederholung der Wirklichkeit ohne jeden Neben-
gedanken und ohne jede Nebenabsicht, mit dem
einzigen Ziel, die Erscheinungen und Eindrücke
derselben so objektiv und so genau als möglich
ztl reproduziren, kann nicht Aufgabe und Zweck
der Malerei sein. Das wäre ein Ziel, das sie
immer irnr sehr unvollkommen und stümperhaft
ztl erreichen vermöchte. Denn Natur und Kunst
ist und bleibt durch eine tiefe Kluft geschieden.
Die Natur ist lebendig, das Kunstwerk hat im
günstigsten Falle nur einen Schein voll Lebell
und Beseelung. Die Natur ist bewegt, die Kunst
ist unbewegt, stationär gebannt und vermag nur
Ansätze einer Bewegung, oder ruhende Punkte
inmitten einer Bewegung, oder das Resultat
einer zu Ende gekommenen Belvegung wiederzu-
geben. Die Natur ist ein Organismus, die
Kunst kann nicht das organische Ganze der
Dinge und Erscheinungen, nur deren äußere
Formen und Linien, deren Oberflächen und
Farben fixiren. Das Reich der Natur erstreckt
sich durch alle Dimensionen des Raumes, die
Malerei hat nur die Dimensionen der Fläche zur
Verfügung und vermag mit aller perspektivischen
Kunst bloß den Schein einer Tiefenerstreckung

') Beck, München 1895. Inhalt: I. Kunst
und Moral; II. Kunst und Naturnachahmnng;

III. Kunst als Schöpferin einer zweiten Welt;

IV. Die Stile in der Kunst: V. Der Naturalis-
mus; VI.Die gegenwärtige Aufgabe der Aesthetik.

zu erzielen; die Natur hat Farben, tvelche die
Malerei auch nach größter Bereicherung der
Palette durch das Freilicht nicht einnial annähernd
richtig wiedergeben kann. Die Natur ist nie
ganz stumm, die Malerei ist lautlos und tonlos.
Alle Reproduktionen der Natur durch die Kunst
sind bloß Abbreviaturen, Auszüge, Ausschnitte,
Fragmente der Wirklichkeit, erstarrte Einzel-
momente ohne Umgebung, ohne Vorher und
Nachher. Sie sind nothwendig Komposi-
tionen, nicht Kopien der Wirklichkeit, — Kom-
positionen, welche den Stempel ihres individuellen
Urhebers tragen, denn dieser kann die Natur-
bloß wiedergeben, wie sein Auge sie schaut,
wie sein Sinn sie erfaßt, tvie seine Hand sie
nachzubilden vermag, — Kompositionen, bei
welchen die Auswahl, Zusammenstellung, Be-
tonung der Züge der Wirklichkeit durch besondere
Zwecke bestimmt ist. Ans all' dein ergibt sich
der zwingende Schluß, daß die Malerei nicht
möglichst genaue Nachbildung, sondern eine ganz
tvesentliche Umformung der Natur ist und daß
gerade darin ihre Bedeutung und ihr Vorzug
gründet. Damit wird die Knust von der Wirk-
lichkeit und Natur nicht losgerissen, denn die
Malerei soll den Schein der Wirklichkeit, deir
Schein natürlichen Lebens und natürlicher Lebens-
fähigkeit erwecken. Aber es wird ein Riegel ge-
schoben den thörichten modernen Versuchen, die
Formenwelt der Natur abzuschreiben und ganz
unverändert in's Reich der Kunst zu übertragen;
das kann der Maler nicht, er kann nur diese
Formenwelt in sich aufnehmen, „sich von ihr
befruchten lassen und ans dem so empfangenen
Samen lebendige Gestalten heransgebären", sie
durch Auge, Geist und Herz zu seinem inneren
Eigenthum machen und sie dann in neuer, idealer
Schöpfung wieder ans sich heranssetzen.H

Diese elementaren Wahrheiten, welche freilich
sehr selbstverständlich sind, aber durch das blinde,
führerlose Anstürmen der modernen Malerei in
Frage gestellt, ja als altmodische Vornrtheile
belacht worden waren, tvieder zu Ehren gebracht,
nnwidersprechlich begründet und als Fundamente
aller theoretischen und praktischen Aesthetik er-
wiesen zu haben, ist das große Verdienst von
Volkelt.

Er bleibt aber hierbei nicht stehen. Er fragt'
weiter; wozu schafft die Kunst diese neue Welt
der nmgefornrten Natur, der entstofflichten, ent-

i) Vgl. Albrecht Dürer's tiefsinnige, ost
so jämmerlich mißverstandene und verkannte
Worte: „Wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur;
Iver sie heraus kann reißen, der hat sie . . .
Darum ist es beschlossen, daß kein Mensch ans
eigenem Sinnen nimmermehr fein schönes Bild-
niß kann machen, es sei denn, daß er davon
durch vieles Nachbilden sein Gemüth voll
gefaßt habe; das ist eben dann nicht mehr-
eigenes genannt, sondern überkommene und ge-
lernte Kunst geworden, die sich besamet und er-
wächst und ihres Geschlechtes Früchte bringt.
Daraus wird der er sammelte heimliche
S ch atz des Herzens offenbar durch das Werk
und die neue Kreatur, die einer in seinein
Herzen schafft in der Gestalt eines Dinge?."
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