Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 56
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hinallffahren; oft wird er von einer zahl-
losen Engelschaar umgeben, die Apostel,
in ihrer Mitte die heilige Jungfrau, knieen
und stehen gewöhnlich im Kreise herum;
oft fehlen auch die beiden Engel nicht.

Meister Fugel hat nun in Obereschach,
wie wir ans beigegebener Abbildung sehen,
die Komposition einfacher gegeben: wir
sehen bloß den anfschwebenden Heiland
und unten die hl. Jungfrau sannnt den
Aposteln. Er hat sowohl von der Bei-
gabe , der den Heiland gewöhnlich um-
schwebenden Engel, als der zwei, eigent-
lich nach der Erzählung der hl. Urkunde
geforderten „Männer in weißen Kleidern"
ganz abgesehen, offenbar in der Absicht,
die Gestalt des göttlichen Heilandes um
so wirkungsvoller hervortreten zu lassen.
Und eS ist ihm dies auch vollkommen ge-
lungeu: hoch oben sehe» wir den göttli-
chen Heiland von goldenem Lichte um-
flossen, dem Beschauer ganz zugekehrt und
die Hände mit den Wundmalen ausbrei-
tend, schweben; sein hoheitsvolles, wahr-
haft göttliches Angesicht, von goldstrah-
lendem Nimbus umgeben, ist den zurück-
gebliebenen Aposteln zugewendet; seine Ge- !
statt in dem weißen, weit ausgebreiteten
Ober- und gleichfarbigen Untergewand ist
eine hochfeierliche, wahrhaft majestätische >
Erscheinung. Großartig ist auch das Aus-
schweben des göttlichen Meisters gegeben:
göttliche Kraft und Würde zeigt sich in
den herrlichen Motiven dieser anfschweben-
den Bewegung, aber auch die künstlerische
Freiheit der Darstellung ist zu ihrem Rechte
gekommen, indem wir zwar in der ent-
schwebenden Gestalt die volle Wahrheit des
Lebens erkennen, sie aber doch ätherisch
leicht zum himmlischen Throne emporskeigeu
sehen.

Die untere Gruppe der zwölf Apostel
mit Maria ist bezüglich der Art ihrer
Komposition nicht, wie gewöhnlich geschieht,
in die Kreisform gebannt, sondern frei
aber gut geordnet; die Aktionen sind sehr
mannigfaltig und lebhaft: Staunen und
Verwunderung, Wehmnth und Trauer,
innerliche Ergriffenheit und Anbetung zeigt
sich abwechselnd in den Gestalten. Wenn
wir diese ganze Gruppe sowohl als jede
einzelne Gestalt näher ins Auge fassen,
müssen wir unbedingt die große Gewandt-

heit und durchgehende Korrektheit in der
Zeichnung anerkennen, wir müssen die ent-
schiedene und große Begabung des Mei-
sters für klaren, künstlerischen Bau in der
Komposition, für freie, charakteristische
Formengebung bewundern. Auch dem kraft-
vollen, aber noch gesunden Realismus in
den Figuren, bei dem man gewahr wird,
daß der Meister sichtlich die moderne Kunst
stark ans sich hat wirken lassen, können
wir unser Lob nicht vorenthalten. Aber
doch müssen wir gestehen: dieser Realis-
mus hat einen Grad erreicht, den wir
den Meister nicht überschritten sehen möch-
ten. Wenn auch die Formen, der Stil
und die Haltung nirgends in Spannung
kommen mit den religiösen Ideen und
Zwecken, wenn wir auch seine Auffassung
— ganz der Persönlichkeit des jungen
Künstlers entsprechend — als durchaus
glanbensvoll und dem dargestellten My-
sterium angemessen erkennen, so könnten
wir doch ein weiteres Fortschreiten in sol-
chem Realismus als mit der ernsten, wahr-
haft christlichen Kunst nicht in Einklang
stehend betrachten. Es sind und müssen
der kirchlichen Malerei Grenzen gezogen
sein, deren Ueberschreiten ohne Schaden
für die christliche Kunst konsequenter Weise
nicht gedacht werden kann. Wenn aller-
dings für romanische und gothische Kirchen
und für eigentliche Altarbilder strengere
stilistische Art und Formengebung verlangt
werden muß, die Bilder der Renaissance
aber und vollends solche an dem Plafond
des Schisses eine freiere Behandlung er-
tragen , da sie ja nicht Andachtsbilder im
eigentlichen und strengeren Sinn des Wor-
tes sind, so könnte doch auch hier einem
ungesunden Realismus niemals das Wort
geredet werden. Dornum Dei decet sanc-
titudo! Wir sagen also nicht, daß der
Meister die Grenze überschritten hat, wenn
auch einzelne Figuren, wie z. B. die vor-
der hl. Jungfrau und namentlich diese
selbst, sehr unmittelbar das Studium des
Aktes und Modelles im Atelier zeigen,
aber wir möchten doch nicht, daß der Ein-
fluß der Modernen mehr als nöthig in
unfern Gotteshäusern sich gellend mache,
wir müssen vielmehr ailch bei unserer fort-
geschrittenen Technik noch wünschen, daß
unsere christlichen Künstler bei ihrem un-
verdrossenen Weiterschreiten in der Der-
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