Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 57
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vollkommnnng, uametttlich auch die Schule
der Alteu ftubiren.

Das Gesagte soll also uuserer Anerken-
iluug der herrlichen Obereschacher Him-
melfahrt Christi keinen Eintrag thuu. Jeder
Sachverständige wird mit uns urtheileu, daß
eö hier dem Meister Fugel vollauf gelungen
ist, ohne Gesuchtheit und Künstelei und
ohne dem religiösen Gehalt einen Abbruch
zu thuu, eine Komposition, die schon so
oft und von so großen Meistern in An-
griff genommen wurde, nicht minder s e l b-
ständig und originell in so hohem
und erhabenem künstlerischen Gewände zu
gestalten, und liamentlich eine zum Himmel
hinanffahrende Christnsgestalt 31t schaffen,
die in ihrer idealen erhabenen Auffassung
und in ihrer künstlerischen Durchbildung
ein Kunstwerk ersten Ranges der Neuzeit
genannt werden darf. Der Zauber der
Farbe, der über das ganze Bild gelegt ist,
entspricht vollkommen der Erhabenheit des
dargestellten Gegenstandes.

An den vier Ecken des großen Himmel-
fahrtsbildes zu Obereschach . schließen sich
die Darstellungen der vier lateinischen
Kirchen v ä t e r an. Auch ihre Allsfassnng
ist ebenso originell wie selbständig gedacht
und die technische Durchführung bekundet
die gleiche Meisterschaft wie das Hanpt-
bilv. Der hl. Augustin ns, als Bischof
und Kirchenlehrer mit einer anfgerollten
Schrift, hält in seiner Rechten ein bren-
nendes Herz zur Bezeichnung der glühen-
den Gottesliebe, welche alle seine Schriften
durchweht; es könnte auch, wie es gewöhn-
lich der Fall ist, das Herz von einem
Pfeile durchbohrt sein mit Anspielung auf
seine Confess. IX. (cor charitate divina
sagittatum). Der hl. A m b r 0 s i n s,
der große Bischof von Mailand, deutet
schon durch seine erhobene Rechte an,
welch herrliche Redefülle ihn einstens ans-
zeichnete; die Linke hält eine Schriftrolle,
während zu seiner Seite sein Attribut, der
Bienenkorb, steht. Ihm soll ja, da er als
Kind in der Wiege lag, ein Schwarm
Bienen sich ans den Mund gesetzt haben,
ohne ihn 311 verletzen; nach andern solleil
Bienen Honig (Sinnbild der Beredsamkeit)
in seinen Mund getragen haben. Der hl.
Papst Gregor I., wegen seiner hohen
Vorzüge und Verdienste um die Kirche von
der dankbaren Nachwelt der Große ge-

nannt , richtet seinen Blick znm Himmel,
woher die Taube kommt, in deren Gestalt
nach der Legende ihm der hl. Geist er-
schienen ist, sich ans seinem Haupte nieder-
gelassen und ihm die Gedanken und Worte
eingegeben hat. Im liennten Jahrhundert
schon gibt Johannes Diaconns vom Aenßern
seiner Persönlichkeit eine Beschreibung nach
einem Bilde, welches er selbst in einer
Nische des St. Andreasklosters zu Nom
gesehen und das wahrscheinlich noch zu
Lebzeiten des hl. Gregor gemalt wurde.
Darliach hatte er eine hohe Stirne, eine
Habichtsnase nebst hervorstchendem Kinn,
also das ansdrnckvolle, markirte Profil
eines echten Römers. Fngel malte ihn
als höchsten christlichen Priester mit mehr
sanftmüthigem, aber geistreichem Ausdruck;
er hält ein anfgeschlageneö Buch in Hän-
den und ist mit einem prachtvollen, weißen
Plnviale angethan, einet* künstlerischen
Leistung der neueren realistischen Mal-
weise ersten Ranges. Eine etwas eigen-
thümliche Situation nimmt der hl.
Hieronymus ein: er ist auch wie die
übrigen Kirchenväter sitzend dargestellt,
schlägt aber weit seine Beine übereinander
und liest in einer anfgewnndenen Papier-
rolle; in der Rechten hält er die Feder,
zu seinen Füßen ist der Toten topf. Die
Figur ist technisch sehr vollendet, nament-
lich ist der Kopf des Heiligen eine Pracht-
leistung. Besser aber hätte nach unserer
Ansicht der Meister gethan, wenn er den
Heiligen, wie es im Mittelalter so oft
geschehen, als Kardinal dargestellt hätte,
weil er sich so harmonisch besser in den
Rahmen der drei anderil Kirchenväter-
einfügen läßt. Schließlich noch die Be-
merkung, daß über der Orgel eine hl.
Cäcilia angemalt ist, die dem Be-
schauer eine etwas andere Auffassung
zeigt, als er sie in den übrigen Figuren
sieht.

Miltheilungen über die Merke des
Ulmer Meisters byans Mueltscher.

Boi: Pfarrer Di-. Prob st in Essendorf.

(Schluß.)

Sein Naturgefühl, fährt Bischer
fort, ist nur mittelmäßig; doch hat er
Züge von Großheit in der Zeichnung.
In der Färbung, welche jetzt hart und
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