Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 58
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sllniipf erscheint, neigt er zum Noth. Der
Ted Mariä ist die bedeutendste Dar-
stellung. Einer der Apostel hält beide
Hände vor die Augen; Maria tu vor-
nehmer Lage, vorn zwei Apostel, sitzend
lind knieend. GiotteS'ke Nachwirkungen."

Es sollte jedoch durch den Ausblick ans
das ferne Cterzing, wo sich glücklicher
Weise Werke des Mneltscher noch erhal-
ten haben, die Aufmerksamkeit von der
heiniatlichen Gegend selbst nicht abgelenkt
werden. Es ist vielmehr jetzt mehr als
früher die Aufforderung gegeben, jenen
einheimischen Werken der Scnlptnr und
Malerei, die dem Anfang des 15. Jahr-
hunderts mit gutem Grund zngetheilt
werden müssen, ob sie nun in der Nähe
von Ulm sich noch befinden, oder weiter
im Süden (Bodenseegegend), eine erneute
Sorgfalt znznwenden; denn Hans Mnelt-
scher war ans Neichenhofen (Lentkirch)
gebürtig und wird durch seine Nieder-
lassung in Ulm die Fühlung mit der hei-
matlichen Gegend nicht verloren haben.
Ebenso wenig spricht die Wahrscheinlich-
keit dafür, daß auch schon im Anfang des
15. Jahrhunderts eine größere Anzahl
von Werkstätten in Oberschwaben über-
haupt bestanden haben werden; insbeson-
dere ist die Werkstätte eines Christoph
Keltenoser in Ravensburg um 1437 hin-
fällig geworden. Die Geschichts-
schreiber von Ravensburg: Eben und

Hafner haben Veranlassung gegeben zu
der irrigen Aufstellung derselben. Kleinm
hat in seinem Buch: Württembergische
Baumeister und Bildhauer, S. 129, sich
zuerst ans ihre Angaben gestützt; nachher
auch der Verfasser in mehreren Abhand-
lungen zur Kunstgeschichte von Ober-
schwaben. Neueste Untersuchungen haben
aber die Jrrthümlichkeit erkennen lassen.
Um so mehr concentrirt sich nun das
knnsthistorische Interesse ans die Mnelt-
scher'sche Werkstätte. Sicher verloren ist
ein Werk desselben in Ulm selbst: der
Karg'sche Altar im Münster daselbst vom
Jahr 1430, worüber wir jedoch ans die
näheren Angaben bei Klemm (l. c., S. 79)
verweisen. Beachtenswerth ist aber auch
eine andere Angabe von Fr. X. Kraus
in Freibnrg (Knnstdenkmäler des Groß-
herzogthnms Baden I., S. 595), welche
besagt: „Im Jahr 1430 stiftete der Kir-

chenpfleger Heinrich Rudolf mit seiner
Hausfrau Margaretha Amort eine Chor-
tasel in das Münster zu Ueberlingen,
welche von einem Meister ans Ulm
um 160 fl. gefertigt und an Mariä
Geburt 1430 vollendet wurde. Eine Klage
des Meisters wegen des ansbednngenen
Lohnes hat uns in dem Rathsprotokoll
S. 28 diese Notiz überliefert." Leichtlich
könnte dieses verschwundene Werk ans der
Werkstätte des H. Mneltscher hervorge-
gangen sein. Wenn das aber auch nicht
zntresfen sollte, so ist damit doch ein wei-
terer Anhaltspunkt geliefert für den Be-
stand einer Produktion in unserer Gegend
überhaupt schon in der ersten Hälfte des
15. Jahrhunderts. Wichtiger, weil noch
bestehend, ist eine Anzahl von sehr
schätzenswerthen Statuen, deren vier jetzt
in der Lorenzkapelle zu Rottweil (Samm-
lung Dnrsch) sich befinden. Da dieselben
ans Eriskirch am Bodensce stammen, so
wird die Werkstätte sich ohne Zweifel in
Oberschwaben befunden haben. Die ganz
charakteristische Behandlung des Falten-
wurfs der Gewänder und besonders auch
der Schleier weisen ans den Anfang des
15. Jahrhunderts hin. Ich habe ander-
wärts schon die Gründe entwickelt, weß-
halb ich dieselben als kluge und thörichte
Jungfrauen aufznfassen geneigt bin. Außer
diesen sind am ursprünglichen Fundort
(Eriskirch) noch zwei Madonnenstatnen
und in St. Christina bei Ravensburg eine
Statue der Mutter Gottes, die, wenn sie
auch theilweise hinter den obengenannten
vier Statuen znrückstehen, doch ans unge-
fähr die gleiche Zeit Hinweisen.

Ein besonderes Interesse nimmt ferner
eine fragmentarische Gruppe der Frauen
und Töchter von Jerusalem in Anspruch,
welche dem Heiland ans seinem Kreuzweg
begegnen. Diese Gruppe befindet sich
ebenfalls in der Sammlung Dnrsch in
Rottweil (Nr. 80) und stammt ans Nog-
genbenren bei Salmannsweiler. Die Zipfel
der Gewänder sind ganz übereinstimmend
behandelt wie bei den vier Jungfrauen
von Eriskirch, auch der Schleier; aber,
während der Faltenwurf der Mäntel bei
letzteren noch ganz den fließenden rund-
lichen Wurf zeigt, ist derselbe bei Nr. 80
schon eckig, gebrochen, dabei aber
nicht tief und kräftig heransgearbeitet,
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