Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 59
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wie es in der zweiten Hälfte des Jahr-
hunderts in so charakteristischer Weise zn
geschehen pflegt, sondern nur seicht und
so zu sagen schüchtern. Man gewinnt
ganz den Eindruck, daß hier ein noch
tastender Versuch vorhanden sei, der, von
dem Faltenstil der älteren Zeit nur theil-
weise sich abwendend, den Anforderungen
der neuen Zeitströmung gerecht zu werden
sich anschickte. Mit dem Zeitraum, in
welchem die Werkstätte des Mueltscher in
Ulm bestand (1427 — ^ 1467), würde das
jedenfalls ganz gut übereinstimmen; denn
in diesem Zeitraum vollzieht sich, beson-
ders im südlichen Deutschland, ein wich-
tiger Umschwung, ans den besonders
F. v. Neber (Kunstgeschichte des Mutel-
alters, S. 557 und 558) mit vollem Recht
ansmerksam macht. Man hat vielleicht
bisher zur Erklärung desselben allzu aus-
schließlich ans die Oelmalerei hingewiesen.
So bedeutend unleugbar der Einfluß der
Oeltechuik war, so stellt sich ihm doch noch
ein anderer an die Seite, der nicht we-
niger bedeutend war. Mit dem 15. Jahr-
hundert gewinnt durch Herstellung der
Altäre itub Chorgestühle rc. die Holz-
plastik eine so große Bedeutung, „daß
diese jetzt nicht nur vorherrschend,
sondern wie Reber sagt, sogar tonan-
gebend und st i l b ed i u g e n d" wurde;
denn „die plastische Ausstattung klammert
sich jetzt weniger au die Portale als viel-
mehr au die Altäre und Chorgestühle,
strebte damit nach einer Leichtigkeit, wie
sie diese Gegenstände erfordern unb nach
einer farbigen Wirkung, wie die farbig
erleuchteten Räume erheischten". „Den
figürlich en Th eilen insbesondere muß-
ten ans der vermehrten Schnitzarbeit jene
Eigenschaften erwachsen, die mit der Schnitz-
technik, wie mit der umfangreichen Bema-
lung und Vergoldung znsammenhingen.
Das geschah zunächst durch eutsprecheude
Schärfe aller Formen, welche allein
unter den veränderten Farbbedingnngen
eine entsprechende Wirkung sicherte; sodann
durch die weniger fließende als knitterige
Behandlung der Drapirung, welche
der Textur des Materials wie dem Schnitz-
messer ebenso entsprechend war, wie der
langgezogene Schwung dem Stein ititb dem
Meißelzng; auch hätten ruhige Flächen
und Schwingungen die Farbe und nament-

lich die Vergoldung weniger glänzend er-
scheinen lassen, als dies durch gebauschte
Bildungen geschah". (I. c. S. 557.)

Begreiflich ist, „daß unter solchen Um-
ständen, wie Reber (l. c. S. 558) weiter
bemerkt, die Rückwirkung der polychromir-
ten Schnitzwerke auf die Malerei viel
bedeutender war als umgekehrt und schließ-
lich konnte sich auch die Steinplastik dem
Einflüsse der Holzsknlptnr nicht mehr
entziehen". (Zn vergleichen: Reber, Ge-
schichte der Malerei, S. 127.)

Das sind so wichtige uub, nach unse-
rem Dafürhalten, so zutreffende Anschau-
ungen, besonders für Gegenden, welche
wegen Mangels an guten Werksteinen
ans die Holzschnitzerei sich vorzüglich an-
gewiesen sahen, daß wir nicht umhin konnten,
dieselben in der Hauptsache wiederzngeben.
Genauere Untersuchungen über Werke aus
der Werkstätte des Haus Mueltscher in
unserer Gegend sind gewiß wünschcns-
werth; aber, wenn dieselben vielleicht auch
zn keinen positiv sichern Resultaten führen
sollten, so ist doch nicht zn zweifeln, daß
eine aufmerksame Beschäftigung, beson-
ders mit den Holzschnitzereien in unserer
Gegend, geeignet sein wird, manche Er-
gänzungen zur Kunstgeschichte zn liefern.

Literatur.

DieKilianskirche inHeilbronn. Rach
alten und neuen Quellen dargestellt von
W. S t e e h l e, Stadtpfarrer. Heilbronn,
Salzer 1895, 28 S. Preis 50 Ps.
Nachdem mil rühmenswerther Opferwilligkeit
die Stadt Heilbronn ihre schöne Hanplkirche
griindlich und — abgesehen von dem Ausbau
der Chorthiirme mit seinen fast polizeiwidrig nüch-
ternen Formen und klanglosen Verhältnissen —
glücklich restaurirt hat, war es ganz am Platz,
für eine kurze Beschreibung derselben besorgt zu
sein, welche den Besuchern Führersdienste leisten
könnte. Der Verfasser erledigt sich dieser Auf-
gabe mit Geschick, wenn auch seine Darstellung
der Wärme und des feineren ästhetischen Gefühls
entbehrt und mehr die nüchterne registrirende
Haltung eines Inventars zeigt. Nächst der
Bangeschichte und Banbeschreibung berücksichtigt
sie besonders den berühmten Hochaltar, von
welchem im Archiv 1891 S. 58 ff. die Rede war,
wo fälschlich das Entstehungsjahr ans 1398 statt
1498 datirt und auch die Inschrift des Kilian-
brustbildes im Sakramentshaus falsch gegeben
ist; sie lautet in der Broschüre richtig; clate et
claditur vobis Lucae VI. Der Papst im Mit-
telschrein ist sicher St. Petrus; die vom Verfasser
geäußerte Vermuthung, daß der Diakon neben
Kilian nicht Laurentius, sondern Totnan sei,
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