Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 66
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selben verdienen sogar eine um so größere
Aufmerksamkeit, weil gerade hier eine
ansehnliche Kluft in der Kunstgeschichte
sich fühlbar macht. Die Verhältnisse liegen
für den Anfang des sechszehnten Jahr-
hunderts ganz ähnlich wie für den An-
fang des fünfzehnte». Nur das halbe
Jahrhundert 1450 bis 1500 ift, wie für
andere Gegenden, so auch für die nnsrige,
nicht blos sehr fruchtbar, sondern auch
relativ befriedigend durchgearbeitet, obwohl
auch hier das Sprichwort „Eulen nach
Athen tragen" keineswegs Altwendung
fittdet. Aber sehr unbefriedigend ist der
Staitd der Kenntnisse, was das halbe
Jahrhundert vorher it n b n a ch h e r be-
trifft. Hier müssen erst die Fundamente
gelegt werden tind muß jeder brauchbare
Baustein willkommen sein.

Anffallender Weise liegeit die Verhält-
nisse selbst für die Zeit der dnrchge-
drnugeneu Nenaissance (1550 bis znm
dreißigjährigen Krieg) kaum günstiger.

Bode spricht in seiner Geschichte der
deutschen Plastik mit eisiger Kälte und
Kürze von der Plastik der deutschen Re-
naissance; denn die Werke dieser Zeit
seien meist von Ausländern, Niederländern
tiitd Italienern, ansgeführt worden. Nur
das Kunstgewerbe und die Kleinkunst seien
würdig vertreten. Für Oberschivaben aber
können auch in dieser Zeit nicht blos Namen
von Meistern angeführt werden, sondern
auch Werke derselben nachgewiesen werden,
welche diese Gegend sogar in einem recht
günstigen Lichte erscheinen lassen. Wir
beschränken uns hier ans die Namen, da
schon iit einem früheren Artikel (Archiv
1893 S. 18) itäher ans den Gegenstand
eingegangen wurde. Die Namen und
Werkstätten des Thomas Heidelberger
(Plastiker in Holz) zu Memmingen, des
Hans Morink in Konstanz (Plastiker
in Steiir), ferner die Gießer Hans All-
gäuer und Wolfgang Neid hart beide
in Ulm verdienen alle Beachttlng. Was
den letzteren betrifft, fügen wir miv noch
hinzu, daß daö prächtige Epitaph der
Grafen von Helfenstein in Nenfra, OA.
Niedlingen, sehr wahrscheinlich von dieser
Werkstätte ansgegangeu ist. Auf den
ersten Blick erkennt man die überraschende
Uebereinstimmnng desselben mit dem Epi-
taph von Mößkirch für den Grafen Wil-
helm von Zimmern-Wildenstein 1599, als

dessen Verfertiger von F. £. Kraus in
Freibnrg der Meister W o l f g a n g 9c e i d-
hart ermittelt wurde.

Für die Plastik des gesamten 16. Jahr-
hunderts erweist sich somit Oberschwaben
als ein noch wenig durchforschter, aber
fruchtbarer Boden!

Gedanken über die moderne ilUalerei.

(Fortsetzung.)

Wenn die oben angeschriebenen elementaren
Prinzipien sich »'jeder Bahn brechen, so werden
sie allein schon im Stande sein, viele bedauer-
liche Ausschreitungen der modernen Malerei in
Schranken zn weisen und eine geordnetere
Weiterentwicklung anzubahnen. Vor ihrenr Fv-
rnm kann jene Malerei nicht bestehen, lvelche
verwegen und selbstmörderisch die Grenzpfähle
zwischen Natur und Kunst ansreißt, über die
zwischen beiden liegenden Klüfte mit akroba-
tischen Salti mvrtali wegsetzt, — welche rück-
sichtslos, roh itnd brutal eie Wirklichkeit wieder-
gibt, angeblich um völlige Intimität mit der
Natur herzustellen, die Natur vergewalligt, —
lvelche sich in den Sümpfen des gemeinen Lebens
ivälzt, so daß von einem Schauen rrichl mehr
die Rede sein kann, — lvelche das Gefühls-
leben, anstatt es zu beleben uitd zu reinigen,
durch raffinirte Mittel reizt und überreizt, an-
statt es anzuregen, es krankhaft aufregt, anstatt
es zu läutern, es verunreinigt unb vergiftet
durch Ekel unb geschlechtliche Begehrlichkeit, —
jene Malerei, lvelche trivial lvirb und lvirkt,
nicht das Bedeultlugsvolle im Leben kultivirt,
sondern das Bedeutungslose, mit Quark und
Tand und Schmutz, mit dem Nebensächlichen,
Läppischen, Gemeineir ei neu götzendienerischen
Kult treibt, — welche kein anderes Ziel kennt,
als einer ungezogenen, lilauenhaft stolzen Künst-
ler-Individualität mit Fausten und Ellenbogen
und wüstem Geschrei zum Durchbruch zit ver-
helfen, welche kvkettirt mit den unsinnigsten
Abstrnsitäten unb Bizarrheiten, nichts Eiligeres
zn thuit iveiß, als sie nachzumachen und wo-
möglich noch zu übertrumpfen, welche ängstlich
darauf achtet, woher der neueste Wind weht, um
sofort den Mantel nach ihm zu hängen und zit
allen Rohheiten unb Schlechtigkeiten fähig ist,
mir um Eindruck zit machen, um Lärm zu
schlagen, um Absatz zu finden.

0 Selbst von einer für die Sezession und
moderne Malerei hvchbegeisterten Seite wird
doch das Bekenntniß abgelegt: „Man hat sich
vielleicht in allzugroßer Liberalität über alle
Extravaganzen der Jungen und Jüngsten hin-
weggesetzt mit Rücksicht auf das reiche Ta-
lent, das oft gerade aus solchen Extravaganzen
sprach, man sah das alles als Schlacken an,
welche den Fluß des reinen Metalls in die edle
Form schließlich nicht hindern würden. Man
sagte sich, um das schon zum Ueberfluß ange-
wandle Bild noch einmal zu brauchen, daß der
Most sich sogar absurd geberden müsse,
nahm ihre Wechsel auf die Zukunft wie
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