Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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Wahrlich, es bleibt für jene Prinzipien noch
viel zu thnn und aufzuräumen. Mögen sie bald
sich in Geißeln und Stricke, in scharfe Besen
verwandeln, welche den massenhaft anfgeschichteten
Unrath und Unfug ails dem Tempel der Kunst
hinausfegen. Sind anch die ersten, ivildesten
Flegeljahre der moderneir Entwicklung der Malerei
vorüber, noch ist die Zahl der tollen Buben-
streiche, der Purzelbäume, der Gedankenlosig-
keiten und Bosheiten sehr groß. Das bevorzugte
Lieblingskind der modernen Malerei ist die
Landschaft. Der ganze Zug der Zeit, das
Vorstürmen der Naturwissenschaften, die im
Siegesrausch mitunter beit letzten Nest von Be-
scheidenheit, Mäßigung lind Vernnnst einbüßten
und sich befugt hielten, die Philosophie unter
die Füße zn treten, ja den Thron der Religion
zn vccnpiren, die voriviegend diesseitige Richtung
des modernen Weltlebens, die Schärfung der
Sinne für Auffassung der Wirklichkeit, die Fort-
schritte der Technik, der disferenzirtere Farben-
sinn, — all' das drängt immer noch die Malerei
nach diesem Gebiete hin. Und ans ihm entfaltet
sich ihr bestes Können; hier hat sie in mancher
Hinsicht die frühere Kunst überflügelt und wirk-
lich Neues an die Stelle von abgelebten Altem
gesetzt. Das Prinzip der „Schöngegendmalerei"
ist verlassen. Das Streben geht dahin, die
Natur zn schildern ohne künstliche Appretur, ohne
nivellirende Glattmalerei, ohne abschleifende Nach-
hilfe, ohne Eintragung eigener Reflexion und
Komposition, in sorglos keckem Wurf, in raschem,
breitem, derbem Farbenauftrag, im Milien von
Lust und Licht, in ver,zitternden, verschimmernden
Konturen, in flüchtigen Momentaufnahmen.
Diese neue Art der Landschaftsmalerei sucht
nicht mehr wählerisch besonders interessante oder
großartige Natnrscencn heraus; sie bevorzugt
sogar das Unscheinbare, Wenigbeachtete, Herbe,
Rauhe, Abstoßende im Natnrleben, tvill gerade
diese Seiten desselben zur Geltung und Wirkung
bringen, die bescheidenen Reize, die „latente
Poesie" der einförmigen Gegenden, der Flach-
landschaften, der in Eis und Schnee erstarrten,
verstummten Gefilde, der einfachsten Thiermvtive,
der in der Sommersonne dampfenden Wiesen
ltnb Saatfelder, der im Mittagslicht badenden
Fluren unb strahlenden Wasserflächen, der von
Sonnenstrahlen durchirrten und durchflirrten
Bäume, der wehenden Morgennebel, des wehen-
den Zwielichtes, der dunstigen Gewitteratmos-

Geld entgegen. Nun hat die Würdigung ihres
genialen Anhauches aber viele zu einem Genial-
thnn gebracht, das alles eher ist, als gesund.
Schlacken thürmen sich auf Schlacken, Most,
immer Most und wenig Wein — und immer
noch Wechsel auf die Sterne! Man hat sich
erst rückhaltslvs gefreut darüber, wieviel von
der glänzenden Technik der Ausländer sich unsere
jungen aneigneten, wie hoch das Niveau des
allgemeinen Könnens dadurch stieg, welcher
frische Luftzug durch die Hallen unserer Kunst-
tempel wehte. Aber damit kam nun leider auch
ein krankhaftes Haschen nach Wunderlichkeiten,
eine Auffallsucht und eine Bethätignng des
Nachahmungstriebes, die allenthalben verstimmt."
(„Allgcm. Kunst-Chronik" München 1894, S. 167.1

Phäre zu entbinden. Stoff und Thema ist ganz
gleichgiltig geworden; die Parole heißt: „Natur
ist überall, Stimmung ist überall, Licht und
Farbe ist überall."Z

Darin hat nun die moderne Malerei tvirklich
Großes, Bleibendes, Erfreuliches geleistet. Mit
Genus; imb mit dankbarer Anerkennung wirk-
licher Fortschritte betrachtet man die Landschafts-
bilder der Karlsruher Maler G. Schönleber,
H. Baisch, Kallmorgen, Kampmann, Volkmann,
des Hofmalers G. A. Amberger in Baden-
Baden (Motiv ans Syrakus, Norwegen, die
Oceanide, Sonnenuntergang am Tiber, Palmen
von Bordighera), des Weimarer Gleichen-Ruß-
wurm, der Münchener Ludwig Dill (Lagunen-
bilder), Leopold Kalckrenth, Hans Olde, F. Kn-
bierschky, P. P. Mütter (Buchenwald), die
Dachauer-Bilder von Wilhelm Keller-Reutlingen,
die Thierbilder von Heinrich Zügel und Viktor
Weishanpt, die Marinen von Auguste Musin,
Petersen, P. Höcker, das venetianische Nachtbild
von Zanetti-Miti n. a. Und man freute sich, im
vorigen Jahr im Glaspalast namentlich spanischen
und italienischen Meistern zn begegnen, ivelche
Freilicht, Zeichnung und seine Detailansführnng
ganz tvohl zn verbinden verstanden, lvie dem
Mariano Barbasan (Piazza, del Pizudo) und
Jose Gallegos (am Brunnen in Venedig).

Aber freilich anch ans keinem Gebiet spreizt
sich widerwärtiger ein modernes Malgigerlthum
als eben ans dem der Landschaft. An die Seite
der guten Leistungen drängen sich in großer Zahl
und mit unverschämter Ausdringlichkeit die zahl-
losen Mißbildungen moderner Technik, die
Karrikatnren der modernen Naturanschaunng
und Natnrwiedergabe. Der Jnlimismus ist
vielfach in Trivialismns ausgeartet, der nur
mehr für das Platte, Nichtige, Uninteressante,
Reizlose und Eintönige schivärmt und in den
schmutzigsten und schmierigsten Farben schwelgt,
die Schönheit geradezu perhorreszirt als täuschende
Lüge und das Wesen der Natur verdeckende
Maske, Welt und Natur verhüßlicht und Geist,
inneren Gehalt und künstlerische Form im gleichen
Grad vernachlässigt. Dabei geht die Ruhe, die
wohlthnetide Frische, der zarte Duft, der kräftige
Bodengeruch, das schöpferische Leben der Natur
völlig zn Schändet!. Es tvird mit der Technik
und Farbe, besonders mit dem Freilicht ein
unkünstlerischer Sport getrieben. Je roher und
derber man malt, um so sicherer glaubt man aus
die Spur der Natur zn kommen. Deßwegen
malen manche nicht mehr mit dem Pinsel, sondern
mit der Tüncherqnaste, mit Daumen und Spachtel,
mit der Kelle; sie tragen in unerhörter Klexerei
Farbengebirge ans der Leimvand ans, anznsehen
ivie Reliefkarten. Sie schmieren Farbe neben
Farbe, die eine schreiender, dröhnender, brüllen-
der als die andere, und sie glauben damit die
Farbenmusik der Natur erreichen zn können.
Das Streben, das im vollen Sonnenlicht
prangende Grün der Wiesen und Bäume nach-
znmalcn, hat die Landschaftsmalerei mit Arsenik
vergiftet. Die modernen Ausstellungen sind nach
einem Worte Lenbachs vielfach Ausstellungen

i) R. M nt her „Geschichte der Malerei im
XIX. Jahrh." München 1894, Bd. III S. 424.
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