Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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geisteskranker Aniliufärber geworden. Man hul-
digt einer unnatürlichen Schlehmihlmalerei und
malt ein Licht, das keinen Schatten wirft; mau
spielt mit dem Licht, >vie die Kinder mit dem
Feuer. „Das Licht", sagt Lenbach, „hat in der
Malerei den Ziveck, das Wesentliche stark her-
vortreten zu lassen, aber das Licht als Selbst-
zweck ist Spielerei, nicht Kunst." Der Indivi-
dualismus wird zum ungebundensten Sub-
jektivismus, der keinerlei Regel und Gesetz mehr
anerkennt, nicht mehr Interpret und Organ der
Natur sein null, sondern sie zur Sklavin seiner
Willkür nnb Laune, zum Opfer seiner wahn-
sinnigen und tollhäuslerischeu Einfälle macht.
Jede Individualität, — so wird verkündigt*) —
auch die tollste, ist berechtigt, meint sie nur
künstlerisch und ächt ist; aber toll und tollst und
künstletisch und ächt sind doch wohl einander
ausschließeude Begriffe.

Das; diese Schilderung übertrieben sei, wird
Niemand sagen, der mit normalem Auge die
letzten Münchener Ausstellungen durchwandert
hat. Er hat sich gewiß mit uns geärgert und
entsetzt z. B. über die sonneudurchblitzte „Linden-
allee" von Eugeuie Dillmann (Berlin) mit ihren
verschiedenen Grün, welche alle gleich giftig,
todt und stumpf sind, über die große Milchsuppe
von Georg Burmester (Kiel), benannt: „Nach-
mittag an der Schlei", über die Farbeuklexberge
des Julius Wentscher (Berlin), welche Wellen-
berge und einen „Abend an der Ostsee" dar-
stellen sollen, über die „Dämmerung" von
A. Egersdoerfer (München), in tvelcher ein ab-
scheuliches Schwarzgrün in ein Schmutzigblau
überdämmert, über „das Meer" von H. Heimes
(Düsseldorf), das man ohne den Katalog für
ein Schneefeld halten würde, über Th. Heines
(München) „Abeudlandschaft" mit ihrem unde-
fiuirbaren Grün, über den grünlich-gräulich-
bläulichen „Frühling" von K. v. Ferenczy
(München), über die weißen, blauen, grünen
Klexe, welche bei W. Hamacher (Berlin) das
Ät'eer bedeuten, über die Chokoladebrühe des
H. v. Bvlkmann (Karlsruhe), benannt: „Wald-
einsamkeit"; noch mehr aber über die in der
Secession. prangenden Spachtelmalereien der
Münchener B. Buttersack, F. Eckenfelder, L. Her-
terich, H. Heyden, Th. Hummel, G. Jauß,
P. Schultze-Naumburg, welche nicht den Eindruck
von Gemälden machen, auch ivenn man sie auf
fünfhundert Schritte Distanz betrachtet.

Die durch die Landschaft in den Hintergrund
gedrängte Figuren Malerei, das Genre-,
Charakter-, Sittenbild ist von ersterer
kaum mehr genau abzulösen. Sie haben ihre
selbständige Bedeutung eingebüßt. Die Gesetze
der modernen Landschaftsmalerei herrschen auch
auf diesem Gebiet. Auch hier gilt der Inhalt
und der Gedanke nichts mehr. Die Parole
heißt: keine Programm-Malerei mehr, keine

Jllnstratiouskunst, keine gemalten Geschichten nnd
Anekdoten, keine Novellen und Gedankeutverthe
— bloß Malerei schlechthin, unter Verzicht auf
jeden erzählenden Inhalt, bloß wirkliches Leben
ohne jede eingetragene Reflexion?) Auch hier

*) „Atlgem. Kunstchronik" 1894, S. 167.

2) Vergl. Muther n. a. O., S. 406 ff.

eine ausgesprochene Vorliebe für die untersten
Klassen, für das Alltägliche, Geivöhuliche, Triviale.
Inauguriert wurde diese Richtung durch Adolf
Menzel, der erstmals mit dent kalten, zer-
gliedernden stechenden Blick eines Anatomen
oder Phisiologen die Menschenwelt tnusterte und
mit herzloser Objektivität wiedergab, — durch
Wilhelm Leibl, der mit erschreckender Rea-
listik den Menschen schildert, nnd „die ganze
Einwohnerschaft Aiblings, Jäger, Bauern, Weiber
als beängstigende Doppelgänger der Natur in
einer Aehnlichkeit von niederschlageuder Wirkung"*)
in seine Bilder herübernitnmt. ■— durch den
Matador dieser Richtung, den „Bringer des
Prometheus-Funkens", Max Lieb ermann,
der in seinen Gänserupferiunen, Rübenfeldarbei-
terinnen, Netzflickerinnen, Flachsspinnerinuen, in
der Frau mit der Ziege (Pinakothek München)
auch das Leben in den untersten Schichten auf-
sucht, aber ihm doch durch ein inniges Eingehen
durch Betonung des Wesentlichen und Charakte-
ristischen, durch psychologische Tiefe einen inneren
Werth zu retten sucht. Man ntacht große Worte
über diese moderne Richtung und hat ihre Ge-
burt und ihr Wachothum mit Trompetenschmettern
begrüßt. Das Publikum steht ihr bis zur Stunde
skeptisch gegenüber nnd der gemeine Menscheu-
verstand wird jetzt und künftig sein Urtheil da-
für abgeben; allen Respekt vor dieser genauen
Belauschung, Behorchung und Wiedergabe des
Menschenlebens; aber sollte denn wirklich voll-
kommener Verzicht auf geistigen Inhalt und
Gehalt, auf Geist, Poesie, Humor die condicio
sine qua non einer vollkommenen Wiedergabe
des Menschenlebens sein? steckt nicht ein klein
wenig Geist und Vernunft schließlich in jedem
Menschen, auch dem der untersten Stände, et-
was Sinn und Poesie schließlich im Volksleben,
wo man es faßt? und ist etwas mehr klare
Zeichnung und künstlerische Umformung hier
absolut vom liebet? Selbst von einer Seite,
welche für die moderne Richtung enthusiastisch
schwärmt, muß man doch zugeben: „Als drittes
Axiom (nach der Forderung des malerischen
nnd des höheren, Stimmung erzeugenden Ele-
mentes") darf nunmehr wieder auch der geistige
Gehalt in sein Recht treten. Er soll keineswegs
stets gefordert werden, er kann und darf sehr
wohl auch dem vollendetsten Kunstwerk fehlen (?),
- aber er ist au sich auch kein gefährliches
Accidenz, das der ächte Künstler, ivie uns unsere
modernsten Genremaler glatiben machen wollen,
möglichst zu vermeiden hat. Man kann „male-
risch denken" und gleichzeitig „Gedanken ver-
körpern"?) Und Volkelt stellt mit Recht die
Forderung, daß die Kunst auch das Gleichgiltige
Triviale, Kümmerliche, durch Zufall Zerstückelte
und Entstellte, das Absonderliche, Launenhafte
int wirklichen Leben zur Darstellung bringe,
nachdem sie es auf die Stufe des Menschlich-
Bedeutungsvollen erhoben?) Das kann aber
nicht gesagt werden von einer großen Zahl
moderner Genrebilder, deren Meister, übereifrige

') a. a. O. S. 407.

2) „Kunst-Salon" von Amsler und Rut-
ha r d t, Berlin 1893, S. 235.

*0 „Aesthetische Zeitfragen" S. 157.
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