Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 70
DOI Heft: 10.11588/diglit.15912.40
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15912.43
DOI Seite: 10.11588/diglit.15912#0079
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1895/0079
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Wer freut sich nicht aufrichtig über dieses
mannhafte ethische Glaubensbekenutuiß? Aber
freilich dessen Festigkeit und Entschiedenheit in
theoria kommt in praxi in ein bedenkliches
Schwanken, sobald es sich darum handelt,
tvelchcr Moral und Sittlichkeit die Kunst sich
uuterzuordneit habe. Klar ist dem Verfasser hier
nur soviel, das; man die sittlichen Ideale nicht
in engherzigem oder schulmeisterlichem Sinne
ausfassen, nicht als starre, unduldsame, hoch-
müthige Normen nehmen dürfe ;S. 8 f.). Kon-
kreter gesprochen heißt das, man dürfe die
Moralität „nicht nur im christlichen Sinne oder
in der Weise der Kantischen Philosophie" ver-
stehen, denn dann „ivürde Mißtrauen, Feind-
schaft und Kampf gegen die Sinnlichkeit int
weitesten Umfang, Unterdrückung des Natürlichen
durch bcnt Geist, Triumph der Vernunft über
die gefährlichen, versuchungsreichen Triebe und
Neigungen zum Wesen der Sittlichkeit gehören"
(S. 35). Alle „eintönige, magere moralische
Schablone" müsse fallen; der Tugend „sollen
die griesgrämigen Runzeln genommen werden,
tvelche Christenthum und Kantische Moral ihr
ins Antlitz gegraben haben" (T. 184). Wenn
man dann wißbegierig fragt, welches denn die
ideale Moral sei, tvelche der Verfasser im Auge
hat, tvelche nicht mehr gegen die Sinnlichkeit
kämpft, tvelche nicht mehr durch die Vernunft
über die gefährlichen Triebe imb Neigungen
triumphirt, so erhält man zivar keine klare,
positive Antivort, aber großartige Phrasen,
tvelche aller sittlichen Erfahrung und allen That-
sachen Hohn sprechen ' „Sittlichkeit ist nach meiner
Ueberzengung auch dort vorhanden, tvo die Eut-
scheidung nach denr Maßstab des Guten dem
Menschen zur zweiten Natur geivorden ist (>vv-
durch? doch tvvhl durch Bekämpfung der Sinn-
lichkeit, durch Untcrdrücknng der gefühilichen
Triebe); hier sind durch sittliche Selbstzucht (also
doch Selbstzucht) und vielleicht (!) auch unter
Mitwirkung einer glücklichen Anlage die Triebe,
Neigungen, Gewohnheiten so gestimmt und ge-
richtet worden, daß das Gute aus dem ganzen,
sinnlich-geistigen Wesen des Menschen heraus-
wächst. Ter bloßen Achtung vor dein Guten
bat sich die Freude am Guten zugesellt, und diese
Freude ist auch für unsere Triebe, Neigungen,
Geivvhnheileu zu einer umvillkürlich führenden
Macht geivorden" (S. 36). „Hochgestimmte
Lebcnsbejahung, Verlangen nach Beglückung des
ganzen, ungetheilten Menschen, tapferes Auf-
sichttehmeii von Lust und Leid des Erdendaseins
soll zur sittlichen Lebenshaltung gehören" (Seite
185) u. s. f.

Diese unglattbliche Verschtvommenheit der
ethischen Anschauungen höhlt nun freilich das
Mark der oben angeführten gesunden Grund-
sätze bedenklich aus; sie vermögen, so tvenig wie
Langes „Alleinherrscher auf dem Kunstgebiet",
der Jllusivusreiz und der Verguiigungszweck,
eine irgendivie energische und genügende Sitten-
polizei mehr auszuübeu. Will doch Volkelt nicht
einmal die Kunstwerke unbedingt verwerfen,
tvelche „in sittlicher Beziehung schädliche Wir-
kungen auszuübeu geeignet sind" (S. 10), und
sogar Bocaccios „Decamerone" retten, der ztvar
„reich sei an verletzenden, ja anwiderudeu Scenen,

aber doch das Geschlechtliche in so naiver imt
selbstverständlicher Weise erscheinen lasse, daß
angesichts dieser aufrichtig heiteren Welt das
strenge Sittengesetz sich lächelnd und unverletzt (!)
zurückziehe" (S. 12 f.). Er glaubt, daß man
Dichtungen und Kunstiverkeir gegenüber sogar in
den Fall kommen könne, zil sagen: „Freilich sei
es ein Mangel an ihnen, daß sie moralisch auf-
lockernd, moralisch verführend wirken können;
allein auf der anderen Seite gehe von ihnen
in überwiegendem oder doch reichlichem Maße
eine frohstimmende, die Seele zu Spiel und
Lächeln und Gleichgelvicht befreiende Wirkung
aus, daß man sich freuen müsse, solche Dichtungen
zu besitzen."

Gleichivohl -- so wenig konsequent die obigen
Leitsätze durchgeführt tverdeu, sie sind wenigstens
einmal ausgesptochen worden und zwar nicht
durch Priester nnb Prediger, sondern durch einen
dem Christenthum fremd tiud vcrstäudnißlos
gegenüberstehenden Aesthetiker. Sie iverden stehen
bleiben und Einfluß gewinnen, sobald sie Inhalt
geivinnen und einen festen Boden wahrer, d. h.
christlicher Moralität unter sich bekommen. Das
ivird geschehen, — wir hoffen: bald. Denn daß
mit jenen imaginären Utopien im Leben nichts
anzufangen ist, tvi'.d sich bald zeigen; die
modernen Kulturethiker tverdeu in kurzer Frist
als sittliche Bankerotteure entlarvt sein, denen
Niemand mehr das werthvollste Kapital der
Gesellschaft, die öffentliche Sittlichkeit, ivird an-
vertrauen tvvllen; die moralische Decadence der
Fin-de-siecle wird solche Tiesegrade erreichen
und solche Miasmen alt die Obetfläche treiben,
daß man gerne darauf verzichtet, ihneir mit
Riechfläschchen und modernem Parfüm ztt be-
gegnet!, sondern zttm wohlthütigen Besen der
„starren, unduldsamen, hochmüthigen" christlichen
Sittennormen zurückgreifen ivird.

Solange diese Phase noch nicht erreicht ist,
müssen ivir allein entschiedenen Protest einlegen
gegen die leider noch immer nicht verschwundene,
höchstens ein klein wenig zurückgedrängte Un-
zuchtmalerei, für tvelche nicht die Tempel der
Kunst, sondern die Bordelle der richtige Aus-
stellungsplatz wären. Bouguereau's „Perle",
Simon Glückliches „Frühlingshymne", Bitte-
Charle's„Delila", Fabbi's„Verkanf einer Sklavin",
Fvubert's „Melancholie", Khnopff's „Sphinx",
Leroy's „Junges Mädchen", K. Masek's „Deko-
ratives Gemälde", Sandreuter's „Frauenschölt-
heit", die „Psyche" und ,?K^ut und Liebe" von
G. F. Watt's, Dottcests, „Studie", Schad's „Am
Wasser", K. Lassou's „Evas Tochter", Aublet's
„Am Morgen", L. Hofmann's „Frühling" und
„Am Scheidetveg" — alle diese und noch manche
andere Erzeugnisse der modernen Malerei sind
nichts als Prostitutionen des menschlichen Körpers
und traurige Zeugnisse, wie tief diese Kunst ge-
sltnkeu ist, seit sie sich von der Moral emanzipirt
hat, und in tvelchem Grade sie die ohnehin au-
gesaulte Sittlichkeit der Völker bedroht?) Wahr-

H Doch konstatireu wir mit Freuden, daß
die Mehrzahl der hier alt den Pranger gestellten
Nuditäten noch den Münchener Allsstelluugen
von 1893 angehörten nnb daß die von 1894 lveit
tveniger Schmutz auflvieseu, tvvhl in Folge
loading ...