Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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niffe und mit ungeheurem künstlerischem Ge-
staltungsvermögen intb unerhörter koloristischer
Kraft citirt er ans den Abgründen der Phantasie
mit Zuhilfenahme antiker Mythik und in freier,
originaler Erfindung einen Schwarm der selt-
samsten Wesen, von Centauren, Satyren, Sirenen,
Tritonen, Nixen, lvelche er zu Lebewesen ver-
dichtet, mit Körpern umgibt und mit Blnt durch-
strömt und zu Typen und Symbolen der in
Wasser, Lust und Erde lebenden und webenden
Natnrkräfle erhebt.

Auch Franz Stuck treibt sich mit Vorliebe
in der Centauren- und Nixenwelt Böcklin's um-
her und ivagt sich nebenbei auch auf das reli-
giöse Gebiet, tvo wir ihnr noch begegnen iverden.
Aber seine Form und Farbe ist stilistisch ge-
bannt und sein Symbolismus dringt in keine
Tiefe hinab. Mail merkt es seinen Werken zu
sehr an, daß sie ihre Vorwürfe rein nur als
künstlerische und malerische Probleme anffassen
und durchführen, das; Geist und Gefühl nicht in
sie eingegangen. Sein „Krieg" in der Secession
1894, der nackte Imperator, der auf müde ge-
hetzter Mähre in dem von Feuer und Brand
gerötheten nächtlichen Dunkel über ein Dutzend
nackter Menschenleichnanie wegreitet, hat Furore
gemacht, ist aber mit gänzlich verrohtem Gefühl, oder
mit brutaler Gefühllosigkeit gedacht und gemalt.

Seelentiefer ist M ax Kling er, wenn er die
Zeit personificirt als gepanzerte Gestalt mit
schwerem Eisenhammer, welche die weibliche
Gestalt des Ruhmes mit derbem Fuße nieder-
tritt. oder im Sterbeziunner, von welchem man
in eine überaus düstere Landschaft hinansschant,
das Kind auf der Brust der todt im Sarg
ruhenden Mutter hocken läßt, die mit ihrem Leben
das des Kindes zahlen mußte, oder in seinem
Hymnus an die Schönheit den Menschen von
Freud und Weh dnrchschüttert niedersakleu läßt
vor den Geheimnissen des großen Meeres, oder
in seiner „bsure bleu6" die Dämmerung in
menschliche Gestalten verkörpert.

H er m a n n H en d r i ch ivandelt in seinen Meer-
nttd Wogenbildern in den Bahnen Stuck's und leis-
tet hier manches Tiefsinnige und Tiefergreifende.

Der Farbenmagie und der Farbensymbolik
huldigen L ndtv i g v on H osm an n und Julius
Exter. Nicht mehr das Farbenspiel der Natur
wiederzugeben, ist hier das Ziel, sondern die
Farben frei, rein dichterisch, symbolisch zu be-
handeln. „Wie die Phantasie ans der nüchternen
Wirklichkeit in ein wnndSrbares Jenseits flüchtet,
träumt das Auge andere, subtilere oder inten-
sivere Farben, als sie rings in unserer armen
Welt zu schauen. Die Naturfarben werden nur
als Mittel zu Farbenorgien oder schwerinüthigen
Stimmnngsdichtungen verwendet. Die einen
schwelgen in Lichteffekten, in vollen, brausenden
Tönen, in allen erdenklichen, überirdischen kolo-
ristischen Reizen. Die anderen dekvloriren, ver-
meiden jeden Glanz und alle Kraft des Tones,
um als ächte Decadents nur noch in weichen,
gebleichten, feinschmeckerisch blasseir, nebelhaft
verschwommenen Tönen zu baden.'")

Ein Leo Samberg er rückt sogar (in seiner
„Dame mit dem Blitz", der „Römerin", dem

Z Math er a. a. O. S. 455.

„Priester", seinem Selbstbildnis;) das menschliche
Porträt in diese symbolisch-phantastische Be-
leuchtung. in die vierte Dimension hinüber;
scharf tritt ans einem räthselhaften Farbenge-
woge der Kopf heraus, alles übrige verschwimmt
nnb versalbt sich in der Farbensauce des Hinter-
grundes. Das Sondermenschliche, Individuelle
soll hineingesteigert werden in's Typische, All-
gemeinmenschliche, ja Unheimliche und Dämo-
nische. Das Körperhafte, die Form, die Wirk-
lichkeit tritt zurück. Etwas Uebersinnliches, die
Ahnung einer anderen rmbekannten Welt, in die
die Gestalten Hineinschweben, oder ans der sie
Herkommen, soll den Betrachter umfangen. Traum-
haft, tvie ans Nebelschleiern schimmern die Fi-
guren hindurch — „wie man ferne, liebe Personen
sieht, tvenu man die Augen schließt und sich im
Geist zu ihnen versetzt/")

Diese Führer der „Ritter vom Geist" halten
sich im Allgemeinen noch gut im Sattel und
vollbringen kühne Thaten. Aber hinter ihnen
stürmt drein eine sehr schlecht disciplinirte Rotte
von genial anfgepntzten malenden Abenteurern,
von halb wahnsinnigen Don Quixote», welche
die seltsamsten Steckenpferde leiten und die
drolligsten Evolutionen ansführen, welche sich
furchtbar ivilo und großartig gebärden, aber statt
Schrecken nnb Staunen bloß Gelächter in die
Reihen der Gegner und des Publikums tragen.
Bis zu welchen Tollheiten und Excentricitäten
sie sich versteigen, zeigt Jan Toorop, von
welchem der Glaspalast 1893 nicht tveniger als
siebzehn Bilder herbergte, die in der Zeichnung
gar japanische Anklänge zeigten. Zn seinem Bilde
„Dämmerung" gibt er selber folgenden Kommen-
tar: „Diese Zeichnung ist eine Komposition von
Linien, die in der ganzen Arbeit dnrchgeführt
sind. Gebete, Klänge, schmerzliche, ermunternde
und lachende Linien. Die ermunternden Linien
(NB. alle gezeichnet!) spinnen sich ans der
grüßenden Seraphim überreichem Haarschmucke,
ankommend und anrollend tvie Wellen bei Flnth
und nahendem Abend, die dann in Geläute los-
brechen in stets auf- und niedergehenden Be-
wegungen der allzeit anfsteigenden Lach- nnb
Zncklinien; diese ertönen aus dem Munde der
Seraphim, die die noch schlafende wollüstige,
sinnliche Welt umfangen und aufwecken. Diese
noch schweigende sinnliche Welt ist symbolisirt
durch einen Baum, der mit ermüdeten Blättern
und Blüthen steht und in eine schlafende Figur
endet, deren Haargelock in eine geschlossene Blüthe
und ztvei Schlangen ausläuft. Die Schlangen
wiederum sprühen Gift gegen die geiveihten
Klänge (abermals mit parallelen Linien gezeich-
net), die ans einer großen weiß-grauen Glocke
schallen, die an weiß-grauen Dornen hängt;
weiß-grau nicht von Staub, sondern non ver-
flossenen Jahrhunderten, von Alter und Sorge;
so Bäume als Figuren. Diese geweihten Klänge
brausen niederwärts (NB. man sieht sie auf
Toorvp's Bilde wirklich „niederbransen") und
geben die geistige Nahrung an die suchende, er-
müdete, lebende nnb schmerzfüllende Welt, deren
, Bewohner ans einem dick mit Dornen besäeten
Boden tvandern. Ihr Haargelock fällt in schmerz-

Z Mnther a. a. O. S. 456.
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