Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 83
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„Golgatha" von Ludwig Glötzle,
lesen wir im Kataloge. Welch ein Gegen-
satz ! Hier sieht die hl. Jungfrau ihren gött-
lichen Sohn von Wunden zerrissen, mit
Blut übergossen, vom Vater im Himmel
verlassen und unter unsäglichen Schmerzen
mit dem Tode ansgerungen. Groß wie
das Meer ist ihre Betrübniß. Dort die
verherrlichte Gottesgebärerin im Anfänge
unaussprechlicher Freuden! Ein guter Ge-
danke auch, diese beiden Bilder einander
gegenüber zu stellen! Ludwig Glötzle,
1847 zu Jmmenstadt im Allgäu geboren,
ist kein so unbekannter Meister mehr ans
kirchlichem Gebiete. Seine Arbeiten in den
Seitenkapellen und an der iunern Portal-
wand des - Domes zu S a l z b u r g im
Anstrage des verstorbenen Fürsterzbischofes
Albert Eder und des jetzigen Oberhirten,
die Deckengemälde in der Pfarrkirche zu
Scheid egg im Allgäu, die Gemälde in
der Münchener Pfarrkirche znm hl. Geist
n. a. bekunden zur Genüge, wie der sehr
thätige Meister unbekümmert um die Mode
des Tages das Studium Raphaels sich
zur Aufgabe gemacht und dadurch zu einem
großen, edlen Stile gelangt ist. Sein
„Golgatha" ist ein neuer Beweis hiefür.
Es ist der Moment gewählt, da Christus
mit dem Tode schon ansgerungen und sein
Leichnam sich tief vom Kreuze nach vorne
herabgesenkt hat. Die Soldaten und die
Menge des Volkes haben sich bereits von
der Schädelstätte zurückgezogen, nur der
römische Hauptmann wendet noch einmal
sein Angesicht dem Gekreuzigten zu und
erhebt seine Rechte gegen ihn, als riese er
znm zweitenmale ans: „Wahrlich dieser

war Gottes Sohn!" An der Tranerstätte
sehen wir nur noch die heiligen Frauen
und den Lieblingsjünger Johannes, die
dem Kreuze jetzt näher getreten sind.
Maria voll der Schmerzen ist vor ihrem
gekreuzigten Heiland ans die Knie gesunken
und erhebt ihre Hände gegen ihn, während
sie leicht non Johannes gehalten wird, eine
ungemein ergreifende Gruppe. Welch' un-
säglicher Schmerz und welch' tiefe Ergriffen-
heit liegt in diesen Köpfen! Weniger gut
hat uns die Situation der hl. Magdalena
gefallen. Allein die ganze Auffassung ist
eine großartige, tiefernst durchdachte zu
nennen, und wenn auch die Lage des Ge-
kreuzigten im ersten Anschauen manchem

als ungewohnt, vielleicht als ;n realistisch
Vorkommen mag, so wird man doch bei
längerer Betrachtung dieses in seinem
Leiden ansgernngenen Heilandes einer in-
nerlichen, tiefen Ergriffenheit sich nicht er-
wehren können.

Glötzle hat außerdem noch zwölf Blätter
Tnschzeichnnngen ans einem in Arbeit
begriffenen Cytlus „Die Wunder
Christi" ansgestellt, der ans etwa 24
Blätter berechnet ist. Die Reproduktion
dieser klassischen Kompositionen, die eine
durch und durch künstlerische Hand und
eine selbständige, durchaus würdige Auf-
fassung zeigen, wäre eine ebenso dankens-
werthe als schöne und überaus praktische
Gabe unseres Diöcesanknnstvereins! Hof-
fen wir, daß eine unserer katholischen
Verlagshandlungen die Originale, resp. das
Reprodnktionsrecht erwerben wird!

Ein drittes Altarbild, das ebenfalls ganz
kirchlich gehalten ist und doch noch die
neuere Technik hinlänglich zur Geltung
kommen läßt, ist das „Rosenkranzgemälde"
von Emannel Walch. Nun begegnen
uns aber zwei Meister, die, je nachdem
man sie von der Kunst- oder Laienwelt
kritisiren hörte, eine ganz entgegengesetzte
Beurteilung fanden. Der Schweizer Maler
Severin Benz hat eine „Rast ans der
Flucht nach Aegypten", eine sog. Riposa
gemalt, die in diesem Saale mit Recht ein
Lieblingsbild der Nichtmalerwelt ist, und
die auch im Tepte der Mappe vom vorigen
Jahre reprodnzirt wurde. Benz hat dieses
besonders in früheren Zeiten von vielen
Malern gewählte Thema wirklich ans
eine neue, herzerquickende Art gelöst. Es
ist ein liebliches, weihevolles Idyll, das zum
Herzen spricht, schön gemalt und in allen
seinen Theilen sorgfältig ansgearbeitet ist.
„Schönmalerei", aber sagen unsere „Mo-
dernen" und zucken die Achseln davor.
Dagegen stehen sie voll Bewunderung vor
den „Propheten" Leo Samberger's,.
als der allein echten, weil „naturwahren"
Kunst, während die Laienwelt den einen
der Propheten als den reinsten Kleider-
ständer bezeichnet und man sogar ein lautes
„Pfui" vor der gewaltigen Gestalt des
alttestamentlichen Mannes hören konnte.
Beide Kritiken gehen 311 weit und für beide
gilt das schöne Wort des Professors Dr.
Schlecht in der Einleitung zur Henrigen
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