Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 85
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Zeugnis; dafür, daß zu einem ch rist -
l i ch e u Künstler eben nicht bloß die Vor-
schule des akademischeil Studiums gehört,
sondern daß dazu noch etwas anderes er-
forderlich ist: es muß sich der iu christ-
lichem Sinne schaffende Künstler schon
während der Studienjahre und nach den-
selben iu die hl. Schrift, iu den christlichen
Glaubensinhalt, iu das kirchliche Leben,
iu die rauhe Wirklichkeit und iu die ideale
Welt, insbesondere aber iu die Reli-
giosität hineinvertiefen. Wir können uns
die ungewöhnliche Schönheit des Bildes und
seine tief religiöse Auffassung nur damit
erklären, daß der Meister an die Aus-
arbeitung seines Werkes erst nach langer,
tiefinniger Meditation gegangen ist.

Ein zweites Werk von ebenfalls tief reli-
giöser Auffassung ist ein „Crnzifixus" von
L n d w i g G a m p. Das lebensgroße Bild ist
in Thon modellirt, fand auf Ausstellungen
zu München und Berlin Anerkennung und
wurde schließlich durch den bayerischen Staat
erworben, der es in Broncegnß für die neue
Sankt-Panlskirche in München ausführen
ließ. Der Künstler hat jenen Augenblick
znm Vorwürfe gewählt, da das Opferleiden
des Erlösers seinen Höhepunkt erreicht har.
Christus hat den Kelch bis zur Neige ge-
leert und da erhebt er nun das verglühende
Auge zum Vater mit einem Blick voll der
kindlichen Liebe und Hingabe — und im
nächsten Augenblicke wird sich die brennende
Lippe zum letzten Worte öffnen: Consum-
matum est! Es ist vollbracht! „Gamp's
Cruzifixus, heißt es in der diesjährigen
Mappe, die eine vorzüglich gelungene Ab-
bildung enthält, wirkt ergreifend nicht nur
durch den hohen Gegenstand, sondern auch
durch die fein verwertheten künstlerischen
Kontraste: eine königliche Gestalt — in
dieser schrecklichen Verlassenheit an dem ent-
setzlichen rohen Marterholze; ein bis auf
das äußerste angespannter und erschöpfter
Körper — voll der harmonischen Vollen-
dung und Schönheit in allen Gliedern;
die tiefste Schmach und Erniederung, aus-
gedrückt durch die Blöße, Nacktheit und
menschenunwürdige Stellung — und der
höchste Adel, Empfindungen göttlicher Art:
Liebe, stilles Dulden, Verzeihen,Begeisterung,
Anbetung im Antlitze, das von dem Leideil
unberührt scheint und bereits vom Strahl
der Verklärung getroffen wird." Der dritte

Bildhauer, der in unserem Saale vertreten
ist, Balthaser Schmitt, hat im Auf-
träge des Prinzregenten den monumentalen
Sankt-Kiliansbrunnen in Würz bürg
modellirt, der am 8. Juli d. I. feierlich
enthüllt wurde. Das Gipsmodell des hl.
Kilian ist hier ausgestellt und zeigt allein
schon das hohe schöpferische Können des
Meisters. B. Schmitt ist ein Plastiker
ersten Ranges, wie auch die modellirten
kleineren Apostelgestalten und besonders die
in Marmor ausgeführte herrliche Madonna
vom Marienaltar der St. Bennokirche
in München zeigen.

So sehen wir denn in diesen: ersten'Saale
die christliche Plastik von einer ächten
Künstler-Trias vertreten: von Wadere
die Mystik, von Gamp die Passion,
von Schmitt die Kir ch enh ist o r i e.

Wir betreten nun den zweiten Saal
und begegnen hier mehr Werken von klei-
neren Dimensionen. Vor allem fesselt uns
da ein farbenprächtiges Gemälde von Mar-
tin Feuerstein „Christus als Kinder-
sreund", frisch im Colorit und ungemein an-
ziehend in der Auffassung. Das Bild ist
im Privatbesitz und für Reproduktion be-
stimmt. Wir kennen den Meister schon aus
den Mappen, wo seine herrlichen Compo-
sitionen „St. Magdalena und ihre Gefährten
landen in der Provence" und „St. Panta-
leon, die Kranken heilend" mit Recht all-
gemeine Aufmerksamkeit und Freude erregt
haben; die Farbenskizze zu ersterer Dar-
stellung sehen wir in unserm Saale.
Der in Paris geschulte Meister dürfte nach
allem, was wir bisher itub insbesondere i.n
dieser christlichen Kunstausstellung von ihm
gesehen, eineil der ersteil Plätze unter den-
jenigen Malern einnehmen, welche treffliche
Composition, nioderile, aber solide Technik,
Frische der Erfindung mit Tiefe der Auf-
fassung lind ächter Religiosität z>l verbin-
den verstehen. Als eine zweite Perle in
diesem Saale erkennen wir das „Erinner-
nngsbild an deil f Grasen Ludwig von
Arco-Zilliieberg" von Franz CarlBau-
ili e i st e r. Auch dieses Bild zeigt eine wun-
dervolle Färbung nild ist nnniaturartig frei
durchgeführt. Was sich in den Banmeister'-
schen Arbeiten vorzüglich auszeichnet, das
ist neben einer vollendeten Technik nament-
lich die geistige Größe, die alls alleil [einen
Compositionen herausleuchtet. So auch in
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