Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 93
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zu haben. Welch'klare und deutliche Sprache
reden dagegen die religiösen Bilder unserer
Ausstellung; sie sprechen nickt nur, sondern
sie erbauen auch. Der Beschauer versteht
was sie wollen und wird durch ihre Sprache
innerlich angezogen und ergriffen.

Die seltsamste Erscheinung in der neueren
Geschickte der Malerei ist aber der förm-
liche Kult des H ä ß l i ch e u, der mit der
Kunst getrieben wird, eine Erscheinung, der
nichts Analoges ans irühern Zeiten an die
Seite gesetzt werden kann. Ekelerregende
Anblicke von Krankheiten, von Siechthnm,
von moralischer mib physischer Herabge-
kommenheit, von Kretinismus mib Idiotis-
mus waren in den letztjährigen Ausstellungen
keine Seltenheit mehr. Da konnte man
z. B. einen alten blinden Mann im Freien
auf einer Bank sitzen sehen, gerade dein
Besckaner zugekehrt, der mit solch sckmutzi-
ger Farbe, mit solch unsagbarer Häßlich-
keit und abschenerregender Weise gemalt
war, daß man unwillkürlich sofort seinen
Blick abwendete und weiter ging. Oder
man sah ein Paar „Tagediebe", zwei be-
soffene Schnapsbrüder, aber nicht in einer
Weise gemalt, daß sie etwa absckreckend
wirken sollten, sondern bloß, damit das
Häßliche n m s einer selb st willen zur
Erscheinung kommen sollte. Es war nicht
das Mitleiden und die Liebe zu dem armen,
blinden Mann, nicht der heilsam erregende
Abscheu vor den Schnapsbrüdern, der ver-
irrteu und verkommenen Menschen, das
dem Maler sich als Objekt seines Schaf-
fens darbot, sondern es war die helle
Freude an dem Häßlichen, welche seinen
Pinsel führte. Es ist aber diese Freude
am Schaffen des Häßlichen nicht so aufzn-
fassen, wie schon früher von Professor Dr.
Keppler in diesen Blättern gesagt ist, als ob
es bloß eine Herablassung zum Niedrigen,
zum Elend, zu Arbeit und Noth, überhaupt
eine Vorliebe für den vierten Stand wäre,
nein, cs ist eiujig die Freude am Häß-
lichen als solchem. Dasselbe wird viel-
mehr mit solcher Gefühllosigkeit und Rück-
sichtslosigkeit geschildert, daß dadurch die
soziale Frage nur verschärft werden kann.

Das Fluchwürdigste aber ist, daß dieser
Kult des Häßlichen sogar an religiösen
Thematen getrieben wird. Als vor Jahren
bei den Münchener internationalen Aus-
stellungen dev Versuch gemacht wurde, zu

den modernen, realistischen Darstellungen
auch biblische Stoffe zu verwenden, wurde
dies Beginnen mit Ausnahme der Wiener
Judenpresse und ihrer Asfiliirten all-
gemein als ein großer Stein des Anstoßes
mit Recht getadelt. Man erinnert sich
noch wohl der frivolen, schmutzigen Kari-
kirnng des 12jährigen Jesusknaben und
anderer Sujets, die das religiöse Gefühl
empörten und ein entschiedenes, allgemeines
Verdammnngsnrteil unter den Christen
hervorriefen. Eine ähnliche Behandlung
lassen den religiösen Stoffen auch unsere Mo-
dernen zu teil werden und versprechen sich so-
gar von dieser Art ihrer „religiösen Kunst"
eine große Zukunft. Wenn auch unsere
Zeit, meinen sie, die Naivität nicht mehr
besitze, um eine solche Uebertragung bib-
lischer Darstellungen in die Formen und
Sitten der Gegenwart erbauend zu finden,
wenn das Volk sich auch daran gewöhnt
habe, die biblischen Gestalten, besonders
Christus, die heilige Jungfrau mib die
Apostel in den ihm geläufigen Formen der
alten Meister sich vorznstellen, so werde
die Zukunft der religiösen Malerei doch
den Modernen gehören; es dürfte bloß
ein großer künstlerischer Genius erscheinen
und dann sei der biblischen „Schönmalerei"
mit einem Male dev Garaus gemacht.
Nun ein solcher „Genius" ist erschienen,
— Uh de heißt der Mann —, es scheint
aber nicht, daß er die Zukunft dev reli-
giösen Malerei für sich gewinne. So
lange die Gesellschaft für christliche Kunst
in ihrer Mappe und in ihrer jährlichen
Ausstellung — wir hoffen eine solche ■—
Leistungen an sw ei st, wie bisher, wird das
Volk sich nicht so bald an die Modernen
gewöhnen. Vollends wenn wahr ist, was
die öffentlichen Zeitungen in den letzten
Wochen geschrieben — und es ist bisher
nicht bestritten worden —, braucht man
für diese moderne religiöse Malerei keine
große Zukunft zu fürchten. Möge man
sie nur allerorts an den Pranger stellen!
Wir thnn es auch hier, indem wir zum
Schlüsse die Worte citiren, welche die
„Angsb. Postztg." über die „moderne Kunst
in München" geschrieben hat. „Ans dem
letzten deutschen Katholikentag," sagt sie,
„hat in der Nebenversammlnng der .deut-
schen Gesellschaft für christliche Kunst'
Dr. Dittrich-Braunsbevg n. a. bemerkt,
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