Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 96
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Dabei aber ist er ein fester, ehrlicher
Charakter; er hält an seiner Ueberzengung
unentwegt fest, wenn auch fast ganz isolirt;
erst da er sieht, daß der Boden unter den
Füßen ihm entzogen ist, weicht er der Ge-
walt, schüttelt den Staub von den Füßen,
sagt der Heimat Lebewohl, lebt und stirbt
in seiner freiwilligen Verbannung.

Ganz anders der Anonymus. Auch
er steht fest ans dem Standpunkt des
Glaubens seiner Väter; aber mit einer in
so bewegter Zeit überaus seltenen Mäßi-
gung enthält er sich jedes Ausfalls und
jeder Schmähung. Er ist eine treue, aber
resignirte Natur und nur wie ein leises
Wehklagen zieht es durch die ganze Schrift
unzählige Mal hindurch „da ist geseilt" rc.

Was uns aber noch besonders an ihm
angenehm berührt hat, ist seine Vorliebe
für die bildende Kunst. Freilich macht sich
auch bei ihm die religiöse Theilnahme an
den dargestellten Gegenständen in erster
Reihe geltend; aber damit verbindet sich
bei ihm auch eine Freude an der Dar-
stell u n g s e l b st, freilich nur durch
naive wiederholte Ansrnsnngen des leben-
digsten Wohlgefallens ausgedrückt. Sein
Liebling ist der „hüpsch Martin". Er will
keinen Beitrag zur Kunstgeschichte in Ober-
schwaben geben, solche moderne Anwand-
lungen sind ihm fremd; er hat vielleicht
keine Ahnung davon, daß die Periode der
Kunstübnng, an deren Schluß er selbst lebte
und deren Werke er täglich vor Angen
hatte, einstens als eine Blütezeit der christ-
lichen Kunst geschätzt werde; aber er hatte
eine herzliche Freude an diesen Skulpturen
und Gemälden, und wie man hinznfügen
darf, auch ein ästhetisches Verständniß der-
selben.

Persönlichkeiten wie die des H. v. Pslnm-
mern mögen in so bewegten Zeiten da und
dort anftanchen; aber äußerst selten wer-
den so edle, geläuterte Persönlichkeiten ge-
funden, wie die des Anonymus war.

Gedanken über die moderne Malerei.

(Fortsetzung.)

in.

Die religiöse Malerei — wie mag es
dieser edlen Jungfrau ergehen in den modernen
Ausstellungen, in dieser seltsam gemischten Ge-
sellschaft von Erd- und Feldarbeitern in farben-
verbrämtem Malerkittel, von blöden Bauern
und ivildeu Sozialdemokraten, von rasenden

I Bacchanten und entsprungenen Tollhäuslern, von
Centauren und Nixen, von ausgeschämten Ver-
treterinnen der Halbwelt?

Ließe mau sie wenigstens draußen aus diesen
Kuusttenipelu! Aber sie tvird hereingezerrt mit
Getvalt. lind besonders der neuerdings er-
tvachte heiße Drang nach überirdischen und über-
sinnlichen Genüssen und Effekten nöthigt sie, sich
zu zeigen und ihren Schleier zu lüften. Viele
Augen und viele Pinsel tuenden sich wieder ihr
zu. Sie wird scharf gemustert mit raffinirt ge-
schliffenen Gläsern; die einen machen sich daran,
ihr schlichtes Erdenkleid mit all' seinen Falten
und Nnnzeln zu kvpiren und durch möglichst
derbe Formen unb Farben zu beweisen, daß sie
doch auch tiur eine erdgeborene Tochter der Kunst
sei und kein Recht habe, höhere Ansprüche zu
erheben und eine Sonderstellung zu verlangen.
Die anderen sehen das Leuchten ihres Antlitzes
und ihres Auges als Wirkung hysterischer Krank-
haftigkeit und hypnotischer Suggestionen an;
wieder andere meinen, sie stehe mit dem Spiri-
tismus in heimlichem Bunde; einige tvenige
wagen cs sogar, tvie früher mit Entsetzen kon-
statirt wurde, niit frecher Hand ihr Gewalt an-
znthnn; nur einzeine sind es, welche sie ehr-
fürchtig betrachten und in Denucth ihreit höheren
Offenbarungen und Zivecken ihre Kunst lveihen.

Das Leben in solcher Uutgebung tvurde natür-
lich mehr und niehr für sie znnr Martyrium.
Sie tvurde auch bereits todtgesagt. „Früher gab
es eine „religiöse Malerei", es gab Nazarener
und Nachahmer aller gläubigen Maler der katho-
lischen uitb protestantischen Urzeit. Als Kunst
existirt das Alles nicht mehr, seitdem wir ans
der Imitation vorgeschritten sind zu einem neuen
individuellen Schaffen. Die Künstler der Gegen-
wart — Uhde gab den Altsschlag — kümmern sich
mit keinerlei dogmatische Typen mehr und ent-
nehmen dem christolvgischen Stoffgebiet nnrmehr
Symbole, Motive, welche sie zu freier Gestaltung
ihrer eigenen, eigensten mystischen Empfindungen
oder rein mythologisch verwerthenü") Ja sie
hat in der That die ganze Passion ihres Herrn
und Meisters nachgelitten, der Kleider beraubt,
gegeißelt, verspottet und angespieen, mit Dornen
gekrönt und gekreuzigt, und sie ist mit ihm ge-
storben, — aber deswegen doch nicht tobt, son-
dern lebendig, wie Er, der Gekreuzigte und Ge-
storbene lebt, lind es wird nicht gelingen, sie
ganz zu vernichten, da sie zehrt vom unsterb-
lichen Leben ihres Herrn.

Unfern prinzipiellen Standpunkt bezüglich der
religiösen Malerei haben wir in dieser Zeitschrift
Jahrg. 1892 S. 241 ausführlich dargethan; die
nicht kleine Zahl der inzwischen öffentlich ans-
gestellten religiösen Gemälde oder Gemälde mit
religiösem Borwurf, zerlegt sich in Kategorien
je nach der Richtung und Schule der betreffen-
den Meister oder nach der Auffassung der heiligen
Themata.

Wir begegnen zunächst einem zahlreich ver-
tretenen religiösen Genre, das sich ans dem
Grenzgebiet zwischen Profanem und Religiösem
bewegt und Kundgebungen und Erscheinungen

) „Allg. Kunst-Chronik" 1893 S. 600.
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