Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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des religiösen Lebens oder Züge der heiligen
Geschichte und Legende mit mehr oder weniger
Aufwand von moderner Technik nnd Freilichterei
schildert. Das Gebet versuchen nicht weniger
als vier Meister *u peisonifiziren: P. Wagner
nnd Max Nonuenbruch, je in einer weiblichen
Figur mit zum Himmel gerichteten Aug' und
Antlitz, I. A. Benlliure in einer Gruppe, durch
eine Mutter mit Kindern, — alle drei Ver-
suche sehr würdig nnd ansprechend; W. Sei)*
manowski macht daraus ein Riesengemälde und
eine Parodie; die barbarisch rohe Charakterisi-
ruug aller Köpfe verhöhnt das Gebet als Aber-
glauben und Blödsinn. Dann folgt eine Reihe
von Madonnenbildern; H. König kleidet die
seinige in milchweiße Laken und läßt sie unter
Bäumen sitzen, sie kiudhaft jung und traurig,
das Kind von blödem Gesichtsausdruck; E. Haus-
mann -gibt ihr ein selisames Kolorit und ein
nichtssagendes Antlitz; R. Schuster-Woldan affek-
tirt eine liefere Innigkeit und höhere Weihe,
aber das Modell und die harte, stumpfe Farbe
läßt es nicht dazu kommen; die von van Horn
ist zart in der Farbe, aber durchaus tveltlich ge-
dacht ; die von Clara Walther spielt mit Licht-
effekteu, tvelche sie aber nicht verklären, nur noch
mehr versüßlicheu; Marianne Stockes zeigt die
Mutter mit dein Wickelkind auf einem Haufen
Heu und weißer Tücher, durch zwei rvlhe Eugel-
knabeu in Schlaf musicirt; bei G. von Höslin
sehen wir eine Mutter ait der Wiege ihres
todten Kindes niedergesunkeu; ihr erscheint Maria
mit dem Kind und das Kind legt der Trauernden
die Hand sanft auf's Haupt; aber während das
Kind als lichte Erscheinung verschwebt, steht die
Madonna derb körperlich und sehr an's Modell
gemahnend, daneben; Z. von Zuchodolski endlich
malt mit großer Sorgfalt einen gewöhnlichen
Bauernstall und bettet die Mutter in wenig an-
ständiger Weise in den großen Fultertrog.
Marienlegenden erzählen zart und sinnig J.Scheu-
renberg und P. Stachiewicz. Kauur noch als
religiöses Genre kann trotz des eminent reli-
giösen Vorwurfs bezeichnet werden „Die Kreuzi-
gung" von W. Trübner; der Maler bringt sehe
geschmackvoll nicht lveniger als fünf Pferde in
die Seene, tvelche ihnr die Hauptsache zu sein
scheinen; eirres bäurnt unmittelbar neben deur
Kruzifixus sich hoch auf, vier gehen im Vorder-
grund durch. Nur originell! E. Wante verlegt
den „Kreuzigungszug" in eine tiefe Gasse, an
deren unterem Ende der Herr am Boden liegt;
vorne höhnen die Soldaten Maria nnd Johannes,
mib Magdalena rutscht höchst unmvtivirt um die
Ecke und verliert dabei ihr Obergetvand. An-
sprechend und würdig ist „Die 'hl. Cäeilia" vorr
W. Bolz mit ihrem Engelchor; durchaus profan
gedacht, aber seelisch und koloristisch gut gestimmt
die drei Bilder von W. Fiele zum Vaterunser;
edel, grvßgedacht nnb tiefempfunden sein Glaube
(Weihnachtsbild und Mater dolorosa). Von
Eh. Sottet war ein Prozessiousbild zu sehen
(„Der Johannesablaß iir Landaudec, Bretagne")
— poesielos bis zum Exzeß.

Nicht so unschuldig ivie diese Bilder sind
jene, tvelche die ausgesprochene Absicht inspirirt,
das Heilige in die gemeine Wirklichkeit herabzu-
ziehen und mit dem Schmutz der Gasse zu be-

werfen. F. von Uhde ist hier immer noch der
Bannerträger?) Sein „Noli-me-tangere“ ist
besser als manches, was er gemalt; der Heiland
kommt dabei wenigstens anständig weg; seine
„Flucht nach Aegypten" ist trivial tvie manche
früheren Bilder, und seinen „Gang nach Bethle-
hem" sah er sich selber geuöthigt umzutaufen in
„Nach kurzer Ruhe"; in öder Schneelandschaft
und tiefer Dämmerung erblicken wir einen alten
Handwerker neben einem Weibe, das beit Wehen
nahe nicht mehr weiter kann nnb sich an den
Straßenzaun gelehnt hat; das soll St. Joseph
und Maria auf denr Wege nach Bethlehem sein.
Sein „Auszug des jungen Tobias" ist mit er-
freulicher Einstimmigkeit verurtheilt worden; er
ist zwar durchaus rricht die schwerste Versündi-
gung Uhde's an heiligen Gegenständen, aber er
wirkt erschütterrrd komisch: neben der spießbürger-
lichen Familie nnb dem Jüngling mit Spazier-
stock und Reisetasche ein ätherisch-durchsichtiger,
mit Schnurrbart geschmückter und mit großen
Gansflügeln versehener Bauernbursche als Engel.
Möchte Uhde je eher je besser zu seinen Soldaten
zurückkehren, sei es als Major, sei es als Maler,
und seine Bibelstudien aufstecken'?)

Sein Beispiel und sein Erfolg hat Schule
gemacht. In seinen schmierigen Bahnen wandelt
E. Zimmermann mit seiner „Rast auf der Flucht
nach Aegypten" und seiner „Anbetung der Hirten"
(Maria mit unsäglich dummblödem Gesicht, von
schwarzen Schleiern verhüllt, hält das Kind in

1) S. Jahrg. 1892 S. 243 ff. O. I. Bier-
bau m „F. von Uhde". München 1893. Muther
„Gesch. der Malerei im XIX. Jahrh." S. 630 fs.

2) Obige Sätze waren schon niedergeschrieben,
als ich auf der — im Ganzen herzlich unbe-
deutenden — Frühjahrsausstellung der Seeces-
sionisten in Stuttgart 1895 Uhde's neuestes Bckd
„Die heiligen drei Könige" sah. Ist nicht etwa
bloß eine vorübergehende Anwandlung die 'Mutter
dieses Werkes, so bedeutet es den vielverheißeu-
deu und freudig zu begrüßenden Anfang einer
gründlichen Bekehrung Uhde's als religiösen
Meisters. Aus dunklem Tannenwald heraus-
reitend haben die heiligen Könige, ehrwürdige
Gestalten aus viel besserer Familie als alle bis-
herigen heiligen Personen in Uhde's Gemälden,
eben die letzte Anhöhe vor Bethlehem erreicht,
und sie machen freudig erregt Halt beim ersten
Anblick des Städtchens, das vor ihnen liegt im
Dunkel und Schweigen der Nacht, unter stern-
besäetem besonders von einem blinkenden, komet-
artigen Gestirn erhelltem Himmel. Den Ort
der Geburt des Herrn verräth ein hellflammen-
des Licht. Die Gesichter und die ausgebreiteten
Arme und Hände der Reiter sprechen tiefste Be-
wegung, freudige Rührung, aubetende Ehrfurcht
und ein mächtiges Sehnen aus. Eine gemessen
an sich haltende, fast mittelalterlich streng stili-
sirte Formgebung hält alle störenden Neologis-
men fern, und keine Linie und keine Farbe des
Bildes beeinträchtigt die hehre Weihe des Ge-
sammteiudruckes. Wollte Uhde auch in Zukunft
bei Behandlung religiöser Themata sich in solchen
Bahnen halten, so wären wir gerne bereit, den
oben ausgesprochenen Wunsch öffentlich zurück-
zunehmen.
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