Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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das Antlitz Jesu weniger häßlich und gemein
wäre. H. Sandreuter's „Vor der Himmels-
Pforte" hat gute Zeichnung aber oberflächliche
Auffassung; der Reigentanz der Seligen ist nicht
ohne Anmuth; vor dem modernen Schmiede-
eisengitter steht ein kleines Amorchen, draußen
eine Schaar armer und reuiger Sterblichen; die
Geste des theatralisch dastehenden Petrus läßt
es ungewiß, ob sie herein dürfen oder nicht;
Poesie und Prosa, Realismus und Idealismus
stoßen hier hart aufeinander; zu eigentlicher
Ueberzeugung und Erwärmung kommt es nicht.

Auf einen vollen, reinen religiösen Ton ist
gestimmt das ergreifende Bild von Jose
Benlliure y Gil das ben hl. Franziskus auf der
Todteubare darstellt, die „Hl. Elisabeth von
Ungarn" (mit Gefolge in der Kirche betend) von
Theophile Lybaert, auch die „Hl. Lucia" von
Roberto Bvmpiani, ferner Otto Brausewetter's
lebensgroßer „Kruzifixus" und August Holm-
berg's im Auftrag des bayerischen Staates für
die Stadtpfarrkirche irr Obernburg a. M. ge-
maltes Altarbild: das Kreuz mit lebensgroßem
Kruzifixus erscheint in den Lüften, umschtvebt
von zwei Engeln in weiß mit buntem Gefieder;
der eine fängt das Blut der Seitenwunde im
Kelch auf; unten ist die Stadt Obernburg sichtbar.

Nur erwähnen, nicht eingehend besprechen
können wir hier die sechs großen Wandgemälde
(St. Thomas überreicht der Kirche seilte Werke,
die Siege des hl. Thonias auf dem geistigen
und moralischen Gebiet, die Vermählung der
antiken und christlichen Kutist, die Versöhnung
der Wissenschaft mit dem Glauben, die Verherr-
lichung der christlichen Arbeit, der Rosenkranz
als Waffe im Kampf der Kirche gegen ihre
Feinde), mit welchen unser Landsmann Ludwig
Seitz die Galleria dei Candelabri im Vatikan
schmückte und tvelche mit einem gutgeschriebenen
Text von G. Seues (Galleria dei Candelabri,
affp’schi di Ludovico Seitz. Roma Tipograüa
poliglotta della S. C. de propag. fide 1891)

auf photographischen Tafeln ptlblizirt wurden.
Die allegorisch-symbolisch - historischen Kompo-
sitionen, welche sich an die tvichtigsten Encykliken
Leos XIII. auschließeu, sind von grandioser Kon-
zeption und bewältigen ihre schwierigen Auf-
gaben und Themate mit unleugbarer Genialität.
Der Stil ist noch freier als der Raphaelsche und
man kann sich nicht genug verwundern, daß eilt
und derselbe Meister diese Gemälde entwerfen
und in einem so ganz andern Stil die Aus-
malung der Kapelle in Loretto besorgen konnte.
Bei Beurtheilung des Stiles der Galleriefreskeu
ist natürlich wohl im Auge zu behalten, daß
dieselben nicht für eilte Kirche bestimmt sind,
sondern für einen Palast, unb daß sie mit der
malerischen Ausstattung der übrigen Säle sich
iu's Einvernehmen zu setzen hatten.

Die katholische kirchliche Malerei, welche mit
Recht mehr und mehr die großen Gemäldeaus-
stellungen flieht, hat ein neues Heim und Asyl
gefunden in der 1893 in München gegründeten
„Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst".
Die schönen Tafeln ihrer bis jetzt ausgegebenen
beiden Jahreshefte sind Werkelt der kirchlichen
Architektur, der (durch H. Wadere, G Busch,
A. Heß, S. Eberle) vortrefflich vertretenen Skulp-

tur und der Malerei eingeräumt. Hier begeg-
nen ivir vor allem Karl Baumeister, dessett ge-
danken- und seelentiefe, genial eutlvorfene Bilder
aus der Legende des hl. Christophorus Wand-
gemälde und Tafelbilder im Schlosse Moos bei
Lindau, Fresken tit der Wallfahrtskirche auf dem
Bussen, Altargemälde für Hochaltiugen im Ries,
Burgkirchen a. d. Alz, Haunstetten bei Augs-
burg tmd in der Kapuzinerkirche in München
rühmlichst bekannt sind. Sein Erinnerungsbild
an den Tod des Grafen Ludwig von Arco-
Zinneberg in der Jahresmappe von 1894, nicht
für den Altar, sondern für das Haus beüimmt,
ist eine großartige unb ergreifende Darstellung
der Verklärung des Todes der Christen ditrch
seine heilige Religion; Glaube, Hoffnung, Liebe,
zart nnb sprechend persvnifizirt und glücklich
charakterisirt, befehlen die Seele des eben auf
dem Sterbebett zur ewigen Ruhe Entschlum-
merten dem göttlichen Kind und der Mutter der
Gnade, welche auf Wolken herabschwebt, begleitet
von ben Engeln, deren Posaunen einst zur Auf-
erstehung rufen tuerben.

„Die Flucht nach Aegypten" von Severin Benz
(Jahresmappe 1894) athmet Raphael'schen und
Overbeck'scheu Geist, ist von reinster Formgeb-
ung und tiefer Beseelung. Franz v. Defregger's
Altarbild für seine Heimath Stronach int Puster-
thal: „Thronende Madonna mit Kind und St.
Joseph" hat etivas auffallende Anordnung (die
Madonna sitzt auf hoher Estrade, an welche St.
Joseph rechts mit dem Arm sich aulehut) nnb
verräth in den Köpfen, namentlich dem des Kin-
des, den Genremaler, entbehrt aber nicht der Würde
und des religiösen Ernstes. Martin Feuerstein's
Legeitdenbilder: „St. Magdalena landet mit

ihren Gefährten in der Provence" (aus dem
Cyklus in der Magdalenenkirche in Straßburg;
Jahresmappe 1893) und „St. Pantaleon, die
Kranken heilend" (aus dem Cyklus in Querbersch-
weier in Oberelsaß; Jahresmappe 1894) sind
voll der reinsten Poesie; Gedanken ttud Formen
gehen ohne Bodensatz in einanbev auf. Der
Meister arbeitet jetzt an einem Cyklus von 10
Bildern aus dem Leben des hl. Antonius von
Padua für die neue St. Annakirche in München
und an zwei großen Wandgemälden: „Christus
im Tempel und Darstellung Mariä" für die
Kollegiumskirche Maria-Hilf in Schwyz. Gleichen
Geistes Kind ist August Müller-Warth's „Mar-
tyriunc des hl. Vitus" (Jahresmappe 1894).

Mit größtem Interesse verfolgt man den Ent-
wickeluugsgang des unleugbar großen Talentes,
über welches Gebhard Fugel verfügt. Die

Jahresmappe voit 1893 bringt vvit ihm eine
Grablegung, die von 1894 ein Abendmahl; auf
der Jahresausstellung tut Glaspalast von 1893
war eilt „Jesus der Kinderfreund" ztt sehen. In
allen diesen Werken offenbart sich eine hohe
Originalität, welche ben schwierigsten Aufgaben
gewachsen ist, eine Fülle großer künstlerischer
Gedanken, eine stauneustverte Kraft psychologi-
scher Durchdringung des Gegenstandes nnb eine
völlige Beherrschung der Technik, and) in deren
modernsten Errungenschaften. Aber in allen
dreien schlägt der Geist der modernen Malerei,
ein subjektivistischer Zug, ein Absehen von der
Tradition ttud eilt Verzicht auf die klare Sprache
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