Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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der Linien und Konturen zu Gunsten rein
malerischer Auffassung so sehr vor, das; zwar der
heilige Gegenstand nicht gerade schwer darunter
leidet und der Verwendung der Bilder sür's
Halls und den Privatgebrauch nichts im Weg
steht, das; man aber Bedenken tragen müßte,
denselben einen Platz in der Kirche und ans denl
Altar anzinveisen. Ans letzteren Ehrenplatz re-
flektirte wohl auch der Meister nicht, sonst hätte
er sicher feinen Kinderfreuud in dem überailS
lieblichen, fein durchdachten lind durchgeführten
Genrebild viel entschiedener über die Linie eines
frommen, lvohlwollenden Missionärs oder 9Ais-
sionars emporgehvben; sonst hätte er in seiner
Grablegung besonders die schrecklichen Nasen ge-
ändert, welche dem Antlitz des Leichnams unb
der Madonna ei» so unerquickliches, derb reali-
stisches Aussehen geben; sonst hätte er in seinem
durch psychologische Tiefe und innere Weihe aus-
gezeichneten Abendmahlsbild ans die auffallenden,
gestreiften Beduinenmäntel voll sehr zweifel-
haftcr historischer Berechtigung verzichtet ilnd den
Aposteln ihre herkömmliche Gewandung belassen.
Hat er doch in für die Kirche bestimmten Werken,
ivie in deil Fresken für Liebeilau (das Chor-
bogenbild in der Jahresmappe 1894), in dem
ebendvrthin gefertigten Hochaltarbild: „Mariä
Krönung", iil deil Altarbildern für Ebingen,
seinen Stil lveseilllich mvdifizirt und dem der
Frührenaissance und der Nazarener angenähert.
Sein Talent hat dadurch sicher keine Einbuße
erlitten, sa es ivird, so hoffen wir zuversichtlich,
durch solche freilvillige Selbstbindung »nb Selbst-
beschränknng sich erst zur vollen geistigen Frei-
heit durchringen. (Schluß folgt.)

Literatur.

Das alteFreiburg. Ein geschichtlicher Führer
zu den Knnstdenkmälern der Stadt von Or. Karl
Schäfer. Freiburg i. B., Lorentz und Wätzel
1895. 112 S. Preis: 2 M.

Der Verfasser vermittelt einen raschen und
doch hinlänglich eingehenden Ueberblick über Frei-
bnrgs Knnstleben und Kunstschaffen vom 12. bis
in's 16. Jahrhundert, wie sich dasselbe namentlich
um das Münster als Brennpunkt cvncentrirt.
Seine Form ist nicht die streng tvissenschaftliche,
sondern auf die breiteren Schichten der Gebildeten
berechnet, meist geschmackvoll und anziehend; die
Folge ist streng chronologisch. Neben der Archi-
tektur des Münsters, welche selbstverständlich am
meisten Raum beansprucht, kommen auch die
andern wichtigeren Bandenkmale der Stadt zur
Besprechung, sodann auch die Chorausstattung,
die Werke von Hans Baldung Grien, die Glas-
gemälde, der Lettner des Hans Böringer als
Spezimen der Nenaissance » a. So geleitet der
Führer durch eine reiche und interessante Welt
und er leistet seine Dienste im Ganzen in an-
sprechender und bescheidener Weise, sich nicht
vermessend, große strittige Fragen endgiltig zu
entscheiden, aber in allem tüchtige Studien be-
knndend. Nur einigemal nimmt er den Mund
etwas voller als ihm ziemt. Die Schilderung
des einstigen Lebens nnb Treibens im Münster
S. 47 f., das in seiner Buntheit nnb Farbigkeit
von der „feierlichen Tvdtenstille eines heutigen

Gottesdienstes" (?!) sich charakteristisch soll unter-
schieden haben, hätte man ihm gerne geschenkt;
der 'stadlknecht, der zwischeir Hochamt und Doktor-
promotion hinein mit der Trommel auf Ver-
steigerungen aufmerksam macht — NB. im Innern
des Münsters — ist eine Figur von fragwürdiger
historischer Realität. Der „Jemand", der beim
Himmelfahrtsspiel an Stricken durch die Oeffnung
im Gewölbe emporgezogen wurde, lvar doch
tvohl eine Statue. Daß „jene inhaltsschweren
Ereignisse (die Thatsachen der Heilsgeschichte)
als greifbare, angeschaute Thatsachen im Be-
wußtsein unseres Volkes so gut wie gai:z zu
leben aufgehört haben" (S. 49), ist znm Glück
eine Uebertreibung. Der kulturhistorische Ein-
gang zu Kapitel IV wäre wahrhaftig auch besser
weggeblieben; „air Stelle jener in's Große
gehenden religiösen Begeisterung erfaßte ein
bitterer Fanatismus die Massen und schuf die
Judenhetzen und die Züge der Geiselbrüder"
lesen wir S. 52; soll damit der Geist des
14. Jahrhunderts gezeichnet sein? und was haben
denn Judenhetzen und Geislerzüge und bitterer
Fanatismus mit dem Ausbau des Münster-
chors zu Freiburg zu thun? —

Albrecht Düre r. Sein Leben, Wirken
und Glauben von Anton Weber. Mit
11 Abbildungen. Ziveite vermehrte und
verbesserte Auflage. Negensburg, Pustet
1894. 148 S. 'Preis: 1,20 M.

Eine sehr lesenswerthe Arbeit, die, wenn sie
auch nicht auf Vollständigkeit Anspruch macht,
Dürers Leben und Charakter richtig zeichnet und
unter lichtvollem Hervorheben seiner Hauptwerke,
wozu die Abbildungen das Ihrige beitragen,
das Wesentliche seines Entwicklungsganges an-
schaulich schildert. Die Schrift tvird besonders
denjenigen Dienste leisten, welche in Betreff des
Glaubensbekenntnisses unseres Altmeisters sich
ein selbstständiges Urtheil bilden möchten.

Annonce.

Herder'sche Verlagshandlung, freiburg
lin Breisgau.

Durch alle Buchhandlungen zic beziehen:

Ecschichtc Ar christl. Nalcm.

Boic vr. E. Frantz Drei Bände
(zivei Bände Text und ein Band Bilder),
gr. 8°. M. 60; in Original-Einband:
Leinwand mit Lederrücken und Rothschnitt
M. 68. Geb., die Bilder im Text vcr-
theilt, 3 Bände. M. 69.

Erleichterte Anschaffungsweise bietet die
eben begonnene bleue Ausgabe in zehn
Lieferungen 5 z, wovon die erste Lie-
ferniTö; in jeder Buchhandlung zur Einsicht
erhältlich ist. — Die Bilder find bei
dieser Ausgabe im Text vertheilt.

Die „Blätter für litierar. Unterhaltung" Geizig
1895, Nr. 29) nennen das Werk „ein Denkmal deut-
schen Gclehrtenfleißes, fesselnd durch klare Form und
warme Empfindung für die Sache".

Stuttgart, Buchdrnckerei der Akt.-Gef. „Deutsches Vollsblatt".
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