Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 110
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Obwohl mm durch die Einstellung obiger
Meister für den Fortgang des Baues
trefflich gesorgt zu sein schien, finden wir
dennoch bei ?. Pankraz Nothelser gerade
in Bezug ans die Backsteinbeschafsnng eine
leise Klage. Er schreibt im August 1752:
„Unser neuer Klosterban wächst immer
mehr in die Höhe, allein es wollen die
Ziegelsteine ansgehen, obwohl wir so viele
Ziegler haben und ans sechs Plätzen
(Banken) Steine geschlagen werden. Uebri-
gens hat man auch noch ben Vortheil, daß,
wenn Ziegel fehlen, man unterdessen doch
an anderen Theilen des Baues die Fun-
damente i» den Grund bringen kann.
Dieser Mangel an Ziegelwaaren war ver-
ursacht 1. durch ungestümes, lang dauerndes
Regenwetter, 2. durch eine ansteckende
Sucht, welche unter den Zieglern einge-
rissen war und etwa 10 oder 12 Man»
in das Bett geworfen batte, 3. weil einige Ar-
beiter von selbstAbschied genommenhatten." ff

Gedanken über die moderne Utalerei.

(Schluß.)

Jedes in sich begründete Gesetz, das im
tiefsten Wesensgrunde der religiösen Kunst wur-
zelt, ist für die Weitcrentivicllung der religiösen ’
Malerei nicht als Heininniß, sondern als Wahl- ;
that anznsehen, bindet nicht die künstlerische
Freiheit, sondern entbindet sie, so >vie die enge
Nähre den Wasserstrahl tvohl geivaltsam ein-
zwäugt, aber nur mit ihn zit desto höherem
Steigen und freierem Aufwallen zu befähigen.

Die Benroner Malersehnle ist es, ivelche attf's
Nene den Beiveis für die Nichtigkeit dieses Satzes
durch eine Großlhat erbringt. Vor uns liegt ein
Prachtband in Qnerfolio: Ans dem Leben Un-
serer Lieben Frau. Siebzehn Kitnslbläller nach
den Originalkartons der Malerschnle zu Benron
zu den Wandgemälden der Klosterkirche zu Emans-
Prag. Mit 17 Sonetten von N. Fritz Esser 8. J.
(Verfasser der „MarienmiuneZ und einem Vor-
tvort. München-Gladbach, Kühlen 1895. Ein
stilvoller Originaleinband birgt die Bildtafeln,
Meisterlverke feinster Photvtypie; ztt jedem Bilde
gibt ein eigenes Blatt mit Texten ans der hl.
Schrift und mit einem stimmungsvollen Sonett
den biblischen und poetischen Kommentar. Die
frisch und anregend geschriebene Einleitung orien-
tirt über Wesen und Ziele der Benroner Malerei
und zählt als deren Charaktcrmerkmale auf die
Feierlichkeit und Ruhe, die Abgemessenheit und
Strenge, den Sieg des Geistes über das Fleisch,
die erbauliche Tendenz und Wirkung; sie definirt
dieselbe mir Fug und Recht als eine durch und
durch priesterliche und monumentale Knust.

Das Verständlich für dieselbe beginnt langsam
sich zu klären. Daß die bisherigen landläufigen

Z D. N. Seite 247 und 330. BKV. Seite 8
und 13. Schnssenrieder Todtenregister 1750—82.

klrtheile nicht richtig und nicht abschließend sein
können, ist doch schon daraus zu ersehen, daß
sie zwischen zivei Vorwürfen hin und her schwankeil,
welche unmöglich beide zutreffen können. Alan
beschuldigt sie des Eklekticismus, der überallher
Elemente entlehne und man beschuldigt sie gleich-
zeitig einer rigorosen Starrheit und einer gegen
fremde Einflüsse hermetisch sich abschließenden
Selbstgenügsamkeit. Das eine schließt doch wohl
das andere aus. Es ivird die Zeit kommen, >vo
man einsichtsvoller und gerechter über sie m*
theilt. Alsdann ivird man vor Allem anerken-
nen, daß dieselbe eiiies in vollem Maaße hat,
ivas der moderneil Malerei so sehr abgeht, eine
umfassende Kenntnis; der Entwickelnngsgeschichte
der Kunst unb ihrer klassischen Epochen. Und
man ivird es ihr hoch anrechnen, daß sie mit
ihrem souverän beherrschenden Blick imd mit ihrer
sicheren Hand aus vergangenen Knustivclteu ge-
rade jene Elemente, Gesetze, Formen heranszn-
lösen verstand, ivelche vvii universaler Giltigkeit
und bleibeiidem Werth sind und besonders ge-
eignet, mit christlichem Geist erfüllt zu werden
und christlichen Ziveckeii zu dienen. Und daß sie
diese Elemente zii einer geschlossenen Einheit zu
verbinden verstand uiid einem Elekticismns im
schlimmen Sinn eben iiicht auheimfiel, das ivird
als Beweis ihrer ureigenen schöpferischen Kraft
Anerkennung finden. Die Befürchtung, ivelche
mau vielfach hegte und äußerte, daß ihre For-
mensprache dem Heilligen chiistlichen Volk unver-
ständlich sein und bleiben möchte, ist nach reich-
lichem Ausweis der Erfahrung völlig grintdlos.
Diese Malerei ivird sofort der Liebling des
Volkes, wo sie iyiii uahetritt. Mit großer
Leichtigkeit und mit Freude lebl und betet das
Volk sich in ilne Bilder ein. Ihre Weltsprache
ist ihm durchaus verständlich; mit ihren elemen-
taren und monuiitentalen Urformen, in welchen
doch ein so hehres religiöses Leben, eilt so un-
ergründlich tiefer Geist und ein so warmes Herz
pulsirt, macht sie viel nachhaltigeren Eindruck ans
das Volksgeniüth, als die moderne Kunst, ivelche
oft soviel Worte braucht, soviel Umstände macht,
so großen Apparat in Bewegung setzt, um im
Grunde so lvenig zu sagen. Ganz verständnis-
los stehen ihr nur jene gegenüber, ivelche auch
auf künstlerischem Gebiet absolitt kein Gesetz gel-
ten lasseit wollen, als das Gesetz eines darivini-
stischen Evolutionismus, kraft dessen eben je die
letzte Enlwickelnngsphase nolhivendig auch die
beste sein muß. Sie reden der unbedingten
Freiheit der Kunst das Wort, aber eben nur der
Freiheit, die sie meinen; im Grunde sind sie so
intolerant und freiheitsseindlich als möglich;
nur ihre Richtung, nur ihr Stil soll gelten, je-
der andere hat kein Existeuzrecht; ihre scheinbare
Weitherzigkeit ist Herzverschrumpfnug und klein-
licher Pedantismns.

Wer Freiheit für sich tvill, soll sie auch an-
dern einräumeu nnb auch denen nicht vertveigern,
welche ein anderes Ideal christlicher Kunst im
Herzeit tragen und in ernstem, demüthigcut
Schaffen und Streben 311 realisiren suchen. Man
sollte meineit, auch >ver ein so verwöhntes und
scheeles Auge hat, daß er mit dieser Formen-
weit sich absolut nicht befreunden kann, müßt^
ztliu mindesten die geistige Schönheit, den idea
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