Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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len Gehalt und die seelische Tiefe dieser Male-
reien achten und werthen. Wer sich an diesen
Formen nicht erfrenen kann, erfreue sich an dem
Geist, den sie bergen, an den Blitzen, die ans
ihnen sprühen, gehe den Lichlspnren höherer
Inspirationen nach, welche ans obigen siebzehn
Bildern allenthalben zu finden sind. Wie hoch
weiß hier der von Meditation und Contem-
plation getragene künstlerische Geist und Takt
die Darstellung der Geburt Mariens über die
gewöhnlichen Kindbettscenen in die Sphäre des
wahrhaft Religiösen eniporznheben. Wie herz-
erquickend und vom süßen Duft freudigen Opferns
nmivogt ist die Gestalt und das Antlitz des
Kindes Maria bei ihrer Darstellung im Tempel.
Wie lieblich ernst die Feier der Verlobung.
Wie wunderbar ehrfürchtig der Blick des Engels
auf die Jungfrau bei der Verkündigring. Wie
verständnißinnig und himmlischer Freude voll
die Augenzwiesprache der beiden heiligen Frauen
bei der Heimsuchung. Wie ergreifend rmd rvie
reich an Glaubens- rmd Andachtsgehalt das Weih-
riachtsbild. Wie großartig bei aller Schlichtheit
die Huldigung der Könige. Was für unergründ-
liche Geheimnisse fassen sich zusannnen in den
Gesichtern Simeons, der Mutter und des Kin-
des bei der Darstellung im Tempel. Kann die
Flucht nach Aegypten rührender erzählt tverden,
als diese vier Gestalten sie erzählen, der sorgen-
voll aber gotiergebcir voranschreitende Joseph,
die auf den» Lastthier sitzende Mutter, welche mit
sinnigem sorgsamem Auge den Schlaf des un-
beschreiblich lieblichen Kindes bewacht, der Ge-
leitsmann aus der Engelwelt, welcher hinteir-
dreinschreitet rmd mit einem Wink seiner Hand
das Götzenbild von seinem stolzen Piedestal
wirst? Auf denr Bild Jesus im Tempel weiß
man rricht was mehr zu bewundern ist, der den
Lehrberuf anticipirende Knabe, oder die Gruppe
der Schriftgelehrten, oder der staunende, fragende,
ahnende Blick der Mutter rurd des Nährvaters.
Irr derr Passionsbildern steigert sich die lyrische
Kraft irr's Dramatische; die Kreuzabnahme alh-
mel Fnsole's Geist. Jnr Pfingstbild ist Antlitz
für Aiulitz garrz dnrchftamint vom Feuer des
hl. Geistes; der Tod Mariens ist vielleicht noch
rue mit solch erhabener Würde geschildert ivvr-
deu, und das Schlnßbild der Krönung Akariens
ist ein aus Majestät und Anmut zusammenge-
dichlelcr Jubelhymuus, der zu den höchsten
Triumphen religiöser Malerei zählt.

Wer für solche geistige und ideale Schön-
heiten kein Auge mehr hat und mit dem Ver-
dikt : „steif und hart" sich von diesen Tafeln ab-
wendet , der stellt seinem eigenen Geist und
Herzen ein trauriges Armntszeugniß aus. Wir
fordern für diese ernsteste llächtnng religiöser
Malerei mit allem Nachdruck mindestens dasselbe
Recht luib dieselbe Freiheit, welche heutzutage die
freiesten Richtungen für sich verlangen. Wir
seheir das Bestehen und Blühen dieser Malerei
als einen wahren Segen für die Zitknnfl unserer
religiösen Kunst an; sie ist das pochende, mah-
nende, warnende Gewissen, von der Vorsehung
unserer Kunst eingesetzt 51t einer Zeit, wo sie
wahrlich eines Führers und Mentors im höchsten
Grade bedarf.

Freibnrg i. B.

Aunftfchrankou zwischen Steinmetzen und
Holzschnitzern im späteren Mittelalter.

Von Pfarrer K- A. Bnsl in Hochberg.

lieber diesen Gegenstand geben Akten des
Ravensburger Stadtarchivs*) sehr instruktive
Aufschlüsse.

Es war dort im Jahre 1582 ztvischen einem
Steinmetzen, „der sich des Bildschneidens nnler-
fangen" und der Schreinerzunft, zu welcher auch
die Bildschnitzer gehörten, eine Irrung entstan-
den, welche der Rath von Ravensburg entscheiden
sollte. Zu diesem Behnfe eiließ derselbe im
März genannten Jahres Anfragen an die Städte
Ulni, Kempten, Augsburg und Rtem-
min gen, wie diese Sachen von den dortigen
Zünften behandelt würden. Die Antworten der-
selben sind noch erhalten.

1. Der Magistrat von Ulm antwortete den
26. März 1582: Die vernommenen Vorgesetzten
der Schreiner und Steinmetzen haben erklärt:
Jeder Steinmetz habe, was ihm beliebe, ans
Stein zu Hanen, Macht und Gewalt; doch soll
er sich alles Holzwei ks daraus zil schneiden
enthalten, tvie in gleichem auch die Schreiner
alles Steinhauens müssig gehen sollen, es wäre
denn, daß einer das Bildhanerhandiverk erlernt,
demselben wäre unbenommen, ans Stein und
Holz zu hauen oder zu schneiden.

2. Kempten den 27. März 1582. Auf die
Anfrage des Raths zu Ravensburg, ob das Bild-
schneiden und Hanen eine freie Kunst und deß-
wegen jedem, er sei Steinmetz oder anderen
Handwerks, erlaubt, oder den: Schreinerhand-
werk zuständig sei, antwortet der Magistrat
von Kempten: Es sei bei ihrem Gedenken und
zur Zeit kein fand erb arer (besonder) Stein-
metz (hier) geivesen, tvohl aber jetzt noch ein
Bildhauer, der nicht bloß Grabsteine gehauen,
sondern auch gepflegt, ans Holz die Bilder,
Eruzifixe, Hirsch-, Reh- und Gemsenköpflein zu
schneiden und einznfassen und haben sich die
Schreiner dessen bisher sonderlich nicht beladen,
noch unterstanden. Allein was sie von Laub-
tverk und Bildern, ihr selbst Schreinerarbeit damit
zu zieren, zu schmücken und aufznputzen, haben
formieren und znbereilen können, das ist ihnen
alliveg erlaubt und zugelassen worden. Die

j Schreiner, Bildhauer und andere Meister zeigen
auch an, es fei das Holzschneiden und Bilderhauen
gleichwohl eine freie Knust, aber die iverde Nieman-
den vergnnut, dann welcher sie ordentlich bei einem
Bildhauer erlernt und gebühr nil jedem Hand-
werksmann, sondern allein den Bildhauern, da-
neben auch diesen Steinmetzen, welche das Bild-
hanerhandwerk und also nicht allein das Hauen,
sondern auch das Schneiden bei einem Bild-
hauer recht und ordentlich gelernt. Doch ihres
Erachtens, wo kein Bildhauer in einer Stadt,
noch ein Steinmetz, welcher bei einem Bildhauer
gewesen und also sieben Jahre lang das
Hanen und das Schneiden gelernt, nicht wäre,
sondern allein ein gemeiner Steinmetz, so nur
fünf Jahre das Steinhauen gelernt, daselbst

x) Schrank 27a, Fasz. 812a. Der Text der
Anfragen und der Entscheidung des Rathes ist
nicht mehr vorhanden.

Paul Keppler.
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