Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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Pharisäern. Nur handhabt Petrus mit
solcher Wucht das Schwert, als gälte es,
dem Malchus nicht das Ohr abzuhauen,
sondern seinen Kops zu spalten.

3. Ehrt st ns vor Pi latn s. Auch
diese Scene bekundet wieder eine einfache
und klare Komposition: Pilatus sitzt ans
dem Richterstnhle und erhebt sprechend seine
Rechte. Christus steht in majestätischer
Haltung da und hat ebenfalls die Rechte
redend erhoben. Während so der Heiland
eine hochfeierliche Haltung angenommen
hat, läßt schon die Bewegung der rechten
Hand des Pilatus wie feine ganze Haltung
Mangel an Mnth und eine gewisse Un-
sicherheit erkennen. Seitwärts vom Richter-
sttihle reden zwei Pharisäer als Attkläger
lebhaft dem Pilatus zu. Der Kopf des
Heilandes ist gilt erhalten nnb von großer
Schönheit, während der des vorführenden
Soldaleti zerstört ist.

4. Die Dornenkrönung ist das
letzte Bild in der oberen Reihe der öst-
lichen Wand. Aus einer an der vorderen
Seite verhängten, breiten Bank, die ans
einem Snppedanenm ruht, thront Christris,
das Opferlamni. Seine ganze Gestalt —
nur Brust und Hände sind freigelassen —
ist von dem Pnrpnrmantel bedeckt, der in
ganz trefflich fließenden Draperieen selbst
die Füße bis auf den Boden herab bedeckt.
Die Hände halten den Rohrstab, während
zwei Schergen, je eilt Knie ans die Bank
stutzend, zwei gekreuzte Stäbe über das
Haupt des Erlösers legen, um so gleich-
sam mit Hebelkraft die Dornen festzndrncken.
Wir seheit hier, wie and) bei dem folgenden
Ecce domo-Bild schon, wie das in der
späteren mittelalterlichen Kunst ganz be-
sonders prägnant ansgedrückt ist, bei dem
Künstler das Bestreben, diese entmetrschten
Ungeheuer als Widersacher Christi bezüg-
lich ihrer äußeren Erscheinung, ihres körper-
lichen und geistigen Attsdrnckes in den denk-
bar schärfsten Gegeitsatz ztl der Hauptperson
der Komposition, dem gedtildig und frei-
willig leidettdett Heilande, zu bringen. Die
Antwort Jesu an Pilatus (Joh. 18, 37):
„Du sagst es: ein König bin ich," ist
zum vollen Ausdruck gekommen, in all
seiner Erniedrigung nnb Schmach ist der
Heiland als wahrer König dargestellt.
Jeder Zoll ist Majestät an ihm nnb seine
überirdische Ruhe läßt nits mit überzeu-

gender Gewalt empfinden, wie freiwillig
seine Leiden sind.

Wir kommen z>t der oberen Bilderreihe
der südlichen Waitd und betrachten zuerst:

5. D i e G e i ß e l n n g. Bei dieser sehr
einfachen Komposition macht der sonst gut
gezeichitete, an die Säule gebundene Körper
des Heilandes, wenn man nnr die Füße
betrachtet, den Eindruck, als hänge er an
der Geißelsänle. Allein man sieht deutlich,
wie der Zeichner an den Füßen corrigirte,
um diese bis an den Boden gelangen zu
lasseit und so den Heiland als an der
Säule stehend darznsteüen. Doch war ihm
hiesür die Säule ztt lange nnb hätte er
die Füße übermäßig gestreckt halteit müssen.
Wie bei der Dornenkrönung sehen wir auch
bei diesem GeißelnngSbilde nntev der Wucht
des Schmerzes nnb der Schmach doch die
Hoheit nnb Majestät des göttlichen Dulders
nicht erdrückt, sondern von einem verklären-
deit Strahle übergossen. Der Körper ist
aufrecht geblieben nnb das Haupt hat sich
etwas geiteigt nnb gegen den linken Scher-
gen gerichtet. Wir seheit mtv zwei Peiniger,
die eben ihre Rechte ztim Schlagen erhoben
habeit; jede weitere Beigabe fehlt. Es ist
also diese Passionsscene ebeitso einsacb als
würdig gegeben, werth, auch heute noch
nachgezeichnet zu werdeit.

6. Ecce homo! Die Verspotinngs-
scene ist eine der sigtlretrreichsten Dar-
stelltingeit tltiseres Cyklns. Im Vorder-
grund steht Christus der Herr, angethan
mit dem Verspottnngsmantel nnb der Dor-
nenkrone ; das Rohr hat er tlicht in Hän-
den, sondern diese sind tiach vorne kreuz-
weise gebunden. Pilatus zerrt ihn, indem
er den Pnrptirmantel mit seiner Linken
ergreift, zu sich hin, so daß der Heilatid
einen Schritt zur Seite macht. Seine
Rechte erhebt Pilatlis gegen das Volk, inbem
er die Worte spricht: Ecce homo! und
es sind diese .Worte im Mtinde des Pi-
lattis auch der Ausdruck mitleidiger Theil-
nahme, um die Jndeti zum Erbarmen nnb
zur Rücknahme ihres Verlaitgeits nach dein
Tode Jestl zu bewegen. Aber beit Inden
ist das nicht genug; lebhaft sehen wir den
Vordersten, den Anführer der jüdischen
Rotte, der eine jüdische Mütze mit großer
Spitze nach oben trägt, beide Hände ge-
stiknlirend gegen Pilatus erheben und
den Tod am Kreuze fordern. In
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