Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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wand erhalten ist, aber auch nur frag-
mentarisch. Man sieht nur noch eine an-
mutige Frauengestalt mit Kopftuch, welche
die Arme ausbreitet, während eine männ-
liche Gestalt kummervoll mit der linken
Hand das Haupt stützt. Beider Angen
sind aus eine Stelle gerichtet, die zerstört
ist, aber offenbar den Leichnam Christi
enthalten hat.

Zur künstlerisch-technischen, sowie knnst-
historischen Würdigung der Bilder führen
wir nach Angabe des Herrn Malers
Haaga, der die Bilder gereinigt und Copieu
davon gefertigt, folgendes an: Der Mal-
grnnd ist an vielen Stellen ganz uneben,
was den Künstler aber nicht hinderte,
flotte Pinselstriche zu führen. Die Zeich-
nungen sind frei auf die Wand conturirt
mit einein Rötel (terra bozulli). Dann
und wann, z. B. an den Füßen Christi
bei der Geißelung kommen Korrekturen
vor. An Farben sind noch vorhanden:
violett, hauptsächlich für das Gewand
des Heilandes; roth, für Landschaften ver-
wendet; gelb, stellvertretend für Gold;
man sieht letzteres nur noch am Krenzes-
nimbus; d u n k e l r o t h b r a n n, mehrfach
als Hintergrund benützt. Die gelbe, blaue
und ziunoberrothe Farbe ist meist oxydirt
d. h. schwarz geworden. Ganz schwarz
sind auch die Umrahmungen der Bilder,
die früher wohl blau waren; am öftesten
erscheint die weiße Farbe des Malgrnndes.

Die Zeichnungen (wohl in Tempera)
sind fließend mit weichen Coutureu ans-
geführt: mit wenigen Strichen erzielte der
Meister eine oft erstaunliche Wirkung;
man beachte diesbezüglich z. B. nur die
heilige Jungfrau bei der Heimsuchung. Die
Figuren selbst sind sehr schlank, tragen
kleine, ovale Köpfe und eö zeigt sich viel-
fach das spitze kleine Kinn. Die Hände
sind länglich, die Schultern schmal und in
laugen, linearen Falten fällt meist das
Gewand herab, zeigt aber vielfach and)
eine weiche, großartige Draperie. Die
Gesichtszüge sind fast alle weich und an-
mutig; Ernst und Würde, besonders auf
denen des leidenden Heilandes, lagert sich
ans ihnen; selbst die Kriegsknechte tragen
eine mehr ruhige Haltung zur Schau und
zeigen nichts von dem oft übermäßig rohen
Wesen der spätern mittelalterlichen Bilder.
Die Nebenpersonen treten meistens im

Kostüme der Zeit als Rittergestalten mit
langen Schnabelschnhen, Beinschienen u.s.w.
aus; doch ist das Judenvolk wieder besonders
gekennzeichnet, wie z. B. bei dem Ecce
llomo-Bild.

Der Hintergrund der Bilder hat zumeist
landschaftliche Motive, Berge mit pilzartig
gestalteten Bäumen; oft sieht man auch
bloß sternbesäten Goldgrund. Von eigent-
licher Perspektive ist noch wenig wahrzn-
nehmen: in figurenreichen Darstellungen
sind die einzelnen Gestalten eng an ein-
ander gestellt, Berge und Bäume erscheinen
in unmittelbarster Nähe. In der Kompo-
sition dagegen waltet Symmetrie, indem
die Hauptfiguren meist zweckmäßig und
hervorgehoben aufgestellt sind; auch die
Gesichtsausdrücke findet man schon theil-
weise individnalisirt.

So stehen wir denn vor einem Ge-
mäldecyklns, der sicherlich noch der Früh-
gothik zugetheilt werden darf, vielleicht dem
Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahr-
hunderts. Welche Künstlerhand die Kompo-
sitionen entworfen, wird wohl nie ans Tages-
licht mehr kommen. Die knappe unb doch
anschauliche, von heiligem Ernste getragene
Darstellung läßt auf einen Meister schließen,
der die Kölner Schule gekannt haben mag.
Das röthliche Haar mancher Gestalten ver-
räth wenigstens den Typus dieser Schule.
Mehr als wahrscheinlich stammen die Bil-
der von einem Mönche und es weisen
vielleicht die heilige Scholastika und der
heilige Benedikt in den gothischen Fenster-
chen ans einen Benediktiner hin. Ans das
oben angegebene Alter der Gemälde dürf-
ten auch zwei über dem Fenster der öst-
lichen Chorwand angebrachte, an einander
angelehnte Wappenschilde weisen, wovon
der eine zweigetheilt ist mit übereckigen
Linienmnstern, der andere drei Schüsseln (?)
im Felde trägt: DaS Wappen der Herren
von Späth (?). Der Helmschmuck, der erst
gegen Ende des 13. Jahrhunderts als das
in das Auge fallende Hanptstück in das
Wappen anfgenommen wurde (cfr. Dr.
Leist, Urknndenlehre Seite 295), fehlt,
was zur Annahme berechtigt, daß die Bil-
der noch im 13. Jahrhundert entstanden
sein mögen.

Schließlich bemerken wir, daß von Herrn
Kunstmaler Haaga in Stuttgart ergänzte
Leinwandcopien gefertigt wurden, die ans
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