Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 19
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Schon vorher waren die sehr hohen Chor-
stühle des Prälaten und des Priors so
nahe neben einander gerückt worden, daß
für die im Langhaus anwesenden Gottes-
dien stbesncher nur ein drei Schuh breiter
Raum znm Ausblick ans den Choraltar
übrig blieb. Hinter diesen Stühle»,
zwischen welchen schon bisher nur ein
minimaler Zwischenraum ein Schauen in
das Presbyterium gestattet hatte, ließ der
Prälat eine Mauer von links nach rechts
bis an das Gewölbe ansführen. (Das
damalige Kirchengewölbe war weit höher
als das gegenwärtige.) In dieser Quer-
maner wurde eine Oeffnnng gelassen. Der
sie verschließende Laden wurde bloß unter
dem Hochamt ansgemacht; dem Volke war
nur der aus dem Hanptaltar celebrirende
Priester, sonst aber im Gebetsraum der
Mönche niemand sichtbar?) An die gegen
den Hochaltar hin gewendete Seite der
Qnermaner ließ Abt Heinrich einen Mnsik-
chor (für die Patres und Fratres) sammt
einer hölzernen Gallerie (Lettner) bauen.
Von dieser Gallerie konnten die Religiösen
wohl in den Chor, nicht aber znm Volke
hinabsehen. Ueber der unter dem vorderen
Mnsikchor befindlichen Zwischenmaneröss-
nnng befand sich gegen das Langhaus hin
das in Rorschacher Stein gehauene Wappen
des Abtes Heinrich. Oberhalb dieses stei-
nernen Wappenbildes war der Name des
Erbauers und das Jahr der Errichtung
der Qnermaner zu lesen. Prälat Oester-
reicher ließ auch in den Seitenschiffen,
wo jetzt der St. Magnus- und Michaelö-
altar stehen, je eine mit einer Thüre ver-
sehene Qnermaner ziehen. Durch die Thüre
der Mauer im linken Seitenschiff ging
man znm Apostelaltar und in den Thurm.
Die Thüre, welche in die Zwischenmauer
des rechten Seitenschiffes gemacht war,
diente dem Gebrauch der Mönche. Diese
traten durch dieselbe in das Langhaus,
um dort für das Volk die heilige Messe
zu lesen. Außerdem war etwa beim der-
zeitigen St. Valentinsaltar »och eine Thüre
angebracht, welche in den Mönchschor
führte. Durch sie gelangten die Religiösen
unbemerkt vom Volke in den Priesterranm
und von da zurück.

(Fortsetzung folgt.)

Z Hanschronik. Anmerkungen. Seite 18.

Zur Baugeschichte der Aarthause
Güterstein.

(Schluß.)

Nasch giengen die Klostergebäude imb die Klo-
sterkirche dem Untergang entgegen. Schon am
13. Juni 1551 ivar die Karthause in Abgang
gekommen uitb vor dem 1. September 1552
war dieselbe abgebrochen und das Gemäuer hin-
weggcfnhrt worden. Im Jahre 1554 stand be-
reits zu besorgen, daß dieselbe ganz abgehen
wurde und die Leichname Graf Ludwigs 1.,
seiner Gattin und seiner zwei Söhne, sowie von
Christophs Schwester unter freiem Himmel ver-
wahrlost bleiben mußten. Daher ließ Herzog
Christoph sämmtliche Leichname dort erheben und
in Begleitung seiner Näthe, Amtleute und Hof-
dienerschaft auf drei mit schwarzem Sammet be-
deckten Wägen in die Stiftskirche nach Tübingen
führen und dort beerdigen.

Am 13. Dezember 1554 ergieng dann ein Be-
fehl an den Keller zu Urach, daß er die Scheuern
unterhalb Gütersteins, worin die jungen Fohlen
seien, zur Stallung Herrichten lasse und über
der Stallung eine Heubnhne mache. Die Stal-
lung solle zwölf Schuh hoch sein und der Forst-
meister zu Urach ihm das nöthige Holz liefern.
1575 iuuvbe Güterslein ein herzoglicher Fohlen-
hof und so heißt es denn auch in einem Bericht')
von 1583: „bei dem abgegangenen Kloster steht
! ein Vieh- und Fohlenhaus sammt Scheuer und
Bezirk, alles von einer Mauer umfangen". 1596
meldet dann Crnsins: von dem alten Kloster
Gnterstein ist fast nichts mehr übrig, als Mauern,
Weinkeller und ein wheil der Kirche. Im dreißig-
jährigen Krieg (1618—1648) wurde der Hof
abgebrannt, 1674 — 1677 durch Herzog Wilhelm
Ludwig ivieder hergestellt. Im Jahre 1770 ver-
legte Herzog Karl die Fohlenstülle nach Urach.
Doch war nach Sattler noch 1784 eine Stuterei
in Gnterstein. 1817 wurde es ivieder Fohlenhof
und 1819—20 ein ganz neuer Hof daselbst von
j Grund ans aufgebaut.

Der Brand des Fohlenhvfes während des
dreißigjährigen Krieges, sowie der 1819—20 er-
; folgte Neubau desselben haben sicher zur weitern
Zerstörung der Nuinen der Karthanse und der
j Kirche beigetragen, da ja in Trümmer liegende
(und leider auch oft nicht zerstörte) Burgen und
Klöster von unfern sparsamen Bordern als ein
billiger Steinbruck) nur zu gerne benutzt und
Stein auf Stein aus dem alten Gemäuer ge-
schleppt und zum Neubail verivandt wurden.

G. Schwab meldete 1823: jetzt sind nur noch
wenige Spuren dieses Klosters (Güterstein) zu
sehen. Die 1831 erschienene Oberanitsbeschreibung
Urach gedenkt nicht einmal der Trümmer Güter-
steins unter der Abtheilnng: „Burgen und

Ruinen". Es ist das Verdienst E. Naegele's,
in neuester Zeit in den von ihm trefflich redigirten
Albblättern 1894, S. 104 und 1895, S. 199, nach-
gewiesen zu haben, daß heute doch noch mehr von
Karthause und Kloster vorhanden ist, als man bis-
her annahm, nämlich 1. eine Höhle mit einer
Außenmauer, >vvhl der Nest der Kapelle unten

Z E. Schneider in Württ. Jahrbüchern 1884,
S. 161, 164.
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