Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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„gar zu grober, eicheubuchener Kloster-
küfer", Namens Jakob Schwarz gewesen.
Dieser gebürtige Sattenbenrer batte dem
Schnssenrieder Dorfschnllehrer, einem ge-
borenen Meersburger, im Gotteshaus eine
„so stark qualifizierte Maulschelle" ver-
setzt, daß sehr viel Blut ans Ohr und
Nase herausfloß. Beim Fliehen und Um-
herlanfen des Verletzten wurde die Kircbe,
der Kreuzgang und der Friedhof besudelt
und exsekrirt. H

Nachdem Abt Heinrich Oesterreicher die
Stiftskirche tu der angegebenen Weise er-
weitert und eingerichtet hatte, gelaugte bald
nachher eine Wallfahrt zu einem in der
von ihm restaurirten Liebsrauenkapelle be-
findlichen Mariäschmerzenbilde zu großer
Blüthe. Die Fraueukapelle stand im so-
geuauuteu Konventöhofe zwischen der Klo-
sterkirche und den Wohuräumen der Mönche.
Sie war also aus einem Terrain, welches
nach den Postulaten der strengen Klausur
für die Laien hätte völlig unzugänglich
sein sollen. Leider zeigten sich mehrere
Aebte mit Rücksicht auf die in der Ma-
rienkapelle errichtete Siebeuschmerzeubruder-
schaft und die im genannten Mnltergottes-
heiligthum florirende Wallfahrt als zu
nachgiebig und gestatteten den Eintritt in
die Klausur. Sie duldeten, daß das Volk
beiderlei Geschlechtes massenbaft zu bem
innerhalb des Konventshofes stehenden
Wallfahrtskirchlein strömte. Die Laien-
pilger durften den Weg durch die Ordens-
kirche und durch die oben schon erwähnte,
in der Qnermaner des rechten Seiten-
schiffes angebrachte Thüre nehmen, um in
die mariaitische Druderschafts- und Wall-
fahrtskapelle zu gelangen?) Dieses Ein-
dringen des Laienelementes führte zu Un-
znträglichkeiten, so daß spätere Prälaten
tlnd namentlich Klostervisitatoren mit Recht
dagegen eiferten. Besonders unter dem
in der späteren Periode seiner Regiernngs-
zeit zu wenig energischen Abte Martin
Dietrich (1606—21) war die Benützung
der erwähnten Thüre in der Kirche von
Seiten des Visitators Abt Joachim von
Roth beanstandet worden. Auch bemängelte
dieser, daß die den Mönchschor vom Lang-
haus rechter Hand abschließende Thüre

0 Hauschronik. 2. Theil. Seite 203.

Hauschronik. Anmerkungen. Seite 18.

und die entsprechende ans der linken Seite
nur gegittert sei. Er forderte „ans nicht
zu verachtenden Gründen", daß beide
Thüren ans ganzem Holz oder Brettern
bestehen müssen, damit die Klausur der
Religiösen ans das genaueste gewahrt sei.
Alle angedenteten Mißstände wtirden aber
durch den seeleneifrigen Prälaten Matthäus
Rohrer (1621 — 53) mit einem Schlag
beseitigt. Denn er ließ ans mehrfachen
Motiven die Marienwallfahrtökapelle im
Konventshof niederlegen.

Die Gestalt, welche Abt Heinrich der
Klosterkirche hatte geben lassen, ver-
blieb ihr im großen intb ganzen bis
zum Kirchenbrand im 30sährigen Krieg.
Das Gotteshaus aus Abt Oesterreichers
Zeit war ein gothisierendcr Ban, welcher
übrigens abgesehen von romanischen Resten
atich schon Formen des Ueberganges in
die Renaissance anfwies. Das damalige
Aenßere der Kirche macht nach einer vor-
dem Kirchenbrand entstandenen, ans hie-
sigem Rathaus altsgehängten Ansicht den
Eindruck eines Bauwerkes der Gothik. Die
Westfront hat vollständig diesen Stilcha-
rakter. Die Feilster der über bem Vor-
zeichen befindlichen Abtei sind gleichfalls
. gothisch. Die beiden Erker, welche rechts
nitd links von der Westsassade thnrin-, be-
ziehungsweise treppenhansartig sich erheben,
sind mit Fialen itnb Kreuzblumen ge-
schmückt. Der Hatiptgiebel ist getreppt
nitd gezackt. Die drei Kirchenschiffe lind
die das zweite und dritte Stockwerk über
der rein gothischen Vorhalle bildende Abtei
haben ein gemeinsames Dach. Die da-
malige Sakristei war nach der erwähnten
Abbildung mir ein bescheidener, niedriger
Ban. Um die Kirche wölben zu können,
ließ Abt Heinrich zur Manerverstärknng
an der Nordanßenseite des Langhauses
drei massige Strebepfeiler anbringen. Alls
der Südseite dagegen bekam er durch Fe-
stigung und Wölbung des Kreuzganges
tNtd der über demselben erbauten Biblio-
thek auch einen Halt für die Wölbung
des rechten Seitenschiffes und für dieseitige
des Mittelbaues. Der Chor hat gegen
Norden drei kräftige, hohe mit Sandstein-
platten gedeckte Strebepfeiler; südlich stützen
ihn wegen des ehemaligen Sakristeibaues
bloß zwei Pfeiler. Die rundbogigen Fenster
des Presbyteriums sind hoch. Die reinste
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