Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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IV. Die Periode der A ende r IIII gen i m
Geiste des B a rock- u n d R o k o k o -
sti l es.

Das Aussehen, welches die Kirche zur
Stunde noch aufweist, ist derselben größ-
teutheils im vorigen Jahrhundert verliehen
worden. An ihrer Umgestaltung in ein
Spätrenaissancegebände haben mehrere Prä-
laten gearbeitet. Besonders drei Aebte
sind es, welche ihre Vorliebe für den Ba-
rock- und den Zopfstil in unserem Hei-
ligthum zum Ausdruck gebracht baben, näm-
lich Jnnocenz Schund (1710—19), Di-
dakns Ströbele (1719—33) und Siard
Jrick (1733—50). Die in der vierten
Periode der Geschichte der Stiftskirche
vorgenommenen Aendernngen am Gebäude
selbst sind zwar nur unwesentlich. Da-
gegen ist unter den klösterlichen Nepräsen-
tauten der Spätzeit die Jiinenansstattnng
des Neichsstiftsgotteshanses total gewechselt
worden.

Ende Januar 1714 reiste Abt Jnnocenz
nach Oggelshansen, um den Bau eines
neuen Psarrhoses daselbst einznleiten. Hier
unterhandelte er mit dem Maurermeister
Leonhard Albrecht von Bregenz und mit
Meister Michael Mohr von Schnssenried.
Er gab ihnen in Akkord den erwähnten
Pfarrhof zu Oggelshansen, die Reno-
v i r n n g d e r S ch n s s e n r i e d e r K i r ch e,
den Ban einer neuen Sakristei da-
selbst und die Erstellung einer Zehntschener
in Wattenweiler. Als Belohnung für
diese vier Aufträge versprach der Prälat
den Meistern, welche übrigens alle Maurer
und Handlanger selbst bezahlen mußten,
2550 sl?) — Bei Erledigung der pro-
jektirten Arbeiten wurde begonnen mit dem
Abbruch der alten Sakristei. Dieselbe
war südlich hart an die Kirche angebant
gewesen und hatte sich erstreckt von dem
Platz, wo man Mitte des vorigen Jahr-
hunderts „beim schwarzzinnernen Weihkessel
in den Chor hineinging, bis zu dem zwei-
ten Chorfenster". Nach ihrer Beseitigung
wurde eine neue Sakristei erstellt. Auch
zwei in den Chor führende Thüren wur-
den gemacht, nämlich diejenige, welche den
Thurm mit dem Chor verbindet, und eine
andere, durch die man von der Sakristei
beziehungsweise vom Konvent und Krenz-

') Hauschronik. 3. Theil. Seite 534.

gang in den Mönchschor gelangte. Es
wurde ans diese Weise die alte, ans dem
15. Jahrhundert stammende Chorthüre
beim Valentinsaltar überflüssig und des-
halb entfernt. So gewann man Raum,
um mit dem damals bestellten, großartigen
Chorgestühle') weiter vom Sanktuarium
herab- und in das Mittelschiff hineinzu-
rücken. Unter Abt Jnnocenz wurde auch
ans beiden Chorseiten das dritte große
Kirchensenster eingesetzt. Das Presby-
terium war also früher nicht so hell, ivie
seit dem 18. Jahrhundert. Noch andere
Aendernngen würben an Thüren und
sonstigen Zugängen zum Gotteshaus um
diese Zeit getroffen. Der Prälat, wenn
er von der Kirche in die Abtei gelangen;
die Ofsiciales (Beamten), wenn sie ans
dem Gotteshaus direkt in das Hofgebände
kommen; die Sänger, wenn sie von außen
den hinteren Mnsikchor betreten wollten:
sie alle mußten die in der äußeren, rech-
ten Seitenschisfwand befindliche Thüre auf
der Männerseite passiren, welche um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts mit dem
sogenannten neuen Beichtstuhl wieder ge-
sperrt wurde. (Dieser Beichtstuhl ist
anno 1885 beseitigt und anno 1887 an
seinem Standort eine Lonrdesgrotte er-
richtet worden.) Damit nicht mehr so
verschiedene Persönlichkeiten ans einen ge-
meinsamenKircheneingang angewiesen wären,
wurde für das Mnsikpersonal eine beson-
dere Thüre in den Krenzgang gemacht,
durch welche es zur Orgel gelangen
konnte. Damals wurde desgleichen in der
oberen Sakristei von Zimmermann und
Maurer eine Oeffnnng und ein Durch-
gang geschaffen, welcher den Zutritt znm
Hofgebände durch die alte Bibliothek (das
jetzige Ehörle) hindurch gestattete?) — Unter
Abt Jnnocenz ist ferner der Name nebst
dem Standort einiger Altäre geändert und
eine Nenkonsekration sämtlicher acht Altäre
vorgenommen worden. Da nämlich der
Leib des hl. Valentin erst zur Regiernngs-
zeit dieses Prälaten nach Schnssenried

0 Siehe „Das Schnssenrieder Chvrgestühl
und dessen Meister". Bvn Kaplan Nueß. Zu
haben bei Buchbinder Eiscle in Schnssenried.
Der vom 27. April 1714 datirte Vertrag mit
dem Bildhauer Machein aus Ueberlingen wurde
neulich im Ludwigsburger Archiv vvrgefnnden.

H Hanschrvnik. Seite 13.
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