Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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£in berühmter Niederländer in
Württemberg.

Von Dr. B. Pfeiffer in Stuttgart.

Zu ben besten Gemälden in der K.
S ta a t s g a kl e r i e zählt ein in den 1870er
Jahren in München angekauftes, früher
im Besitz der Exkönigin von Westfalen
gewesenes geistreiches Brnstbild des
niederländischen Malers de Crayer in
mittlerem Lebensalter, nebst Wappen und
einem verschlnngenen Monogramm: 7XV1).
Der Katalog schreibt das Werk, Nr. 305
im dritten Saal, unbedenklich van DvckH
zu; und in der Thal hat dieser seinen
Zeit- und Kunstgenossen mehrmals, u. a.
ums Jahr 1630 gemalt, nud ein kleiner
Stichs) nach van Dyck, von Jacobns
Neefs 1649, gibt unser Bildniß im Spiegel-
bild genau wieder, uur das Wappen fehlt.

Caspar de Crayer, geboren zn
Antwerpen 1584, war Schüler von Raphael
Cocxie; im Jahr 1607 in die Malergilde
zn Brüssel eingeschrieben, ließ er sich
dort dauernd nieder, gelangte in den
Sladtrat und gewann auch die Gunst der
spanischen Regierung; er wurde u. a. Hof-
maler des Kardinal-Jufauteu Ferdinand
(y 1641) uiib vom König Philipp IV. selbst
ehrenvoll ausgezeichnet. Lange Jahre als
erster Künstler der Hauptstadt gefeiert,
siedelte er hochbetagt 1664 nach Gent
über und starb daselbst 1669, über 84
Jahre alt, ohne jemals, wie es scheint,
über die Niederlande hinausgekommen zu
sein. Cr hat nicht nur seinen älteren
Zeitgenossen Rubens sondern auch den
bedeutend jüngeren van Dyck um Jahr-
zehnte überlebt, aber nicht seinen eigenen
Ruhm: bis ins hohe Greisenalter hat er,
ein zweiter Tizian, Pinsel und Palette
mit Jugendfrische gehandhabt. Aus eigener
Kraft, ohne italienische Vorbilder, nur den
alten Meistern seines Volkes und im
Kolorit dem Rubens nacheifernd, hat er
sich einen vornehm gediegenen und aus-
drucksvollen Stil gebildet und steht den welt-
berühmten Nebenbuhlern wenig nach. Vor

J) Es wird behauptet, van Dyck habe sich über-
haupt keines Monogramms bedient, sondern ge-
gebenen Falls den Familiennamen ansgeschrieben.
G. K. Nagler, Die Monvgrammisten I (1858)
Nr. 1430; vergl. jedoch V (1879) Nr. 1008.

2) Bildfläche 14:11 cm; ein Exemplar im
Besitz des Herrn Galleriedirektors v. Nnstige.

einer von feinen großen Farbenschöpfnngen
soll Rubens mit Anspielung auf den Na-
men ausgerufen haben: De Crayer, de
Crayer, niemand wird besser krähen als du!

Er war eine genußfrendige aber in sich
abgeklärte Natur, aus deren Schöpfungen
heitere Würde hervorleuchtet. Es fehlte
ihm die feurige Phantasie, die dramatische
Wucht eines Rubens, aber auch dessen
Gewaltsamkeit und Ueberladung in der
Komposition. Ebensowenig findet man bei
ihm wohl jenen pathologischen Zug, durch
den van Dyck bald ergreifend wirkt, bald
ermüdet. Vom Reichthnm seiner Erfin-
dung zeugen über 200 große Gemälde;
eine Anzahl von Bildnissen, weltlichen
Historien und Allegorieen abgerechnet, sind
es meist A lt a r b lä tte r für die Kirchen
und Klöster von Flandern und Brabant;
viele noch an Ort und Stelle, andere
jetzt in den Museen von Antwerpen,
Brüssel, Gent u. s. w.

Deutschland besitzt von der Kunst
unseres Meisters nur wenige Proben; am
bekanntesten ist eine kolossale, für die
Angnstinerkircbe zn Brüssel gemalte, jetzt in
derM ü n ch euer allen Pinakothek anf-
geftellte,,53ntL Coiiver8mione": ein Grup-
penbild, hoch thronende Madonna,
von Heiligen verehrt, unten knieet der
Maler mit seinen Angehörigen; bezeichnet
und datiert 1646. Es ist eine reiche
Komposition mit edlen Charakterköpfen.
Die geniale Technik eines Rubens und
van Dyck, von denen Bilder im gleichen
Saal hängen, hat de Crayer hier aller-
dings nicht erreicht, weder die Weichheit im
Umriß, die Feinheit in der Farbenstim-
i mung, welche den einen, noch die glänzen-
den Lichter und warmen Schalten im
Jncarnat, die den andern auszeichnen.v)

In W ü vite m b e r g sind die Kory-
phäen der B r a b a n t e r Schule an-
scheinend mangelhaft vertreten; und wenn
wir von Rubens überhaupt kein hervor-
ragendes Original, von Autou van Dyck
kein eigenhändiges Historienbild besitzen,
auch Jordaens nicht eben glänzend auf-
lritt, so rückt de Crayer an die erste

0 Bon de Crayer ist in der Pinakothek noch
eine Grisaille-Skizze zum obigen Altargemälde
und ein männliches Bildniß, in der K. Gallerte zn
Schleißheim eine hl. Dorothea und ein Selbstbild-
nis; des Meisters von anspruchsloser Natürlichkeit.
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