Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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Stelle, sobald sich ein größeres Werk von
ihm in unfern Grenzen Nachweisen läßt?)

Die ersten Anhaltspunkte bot, wie in so
vielen Fällen, P. Kepplers grundlegendes
Buch über Württembergs kirchliche Knnst-
alterthümer, tvo S. 386 f. zwei Werke
eines I. D. Crayer von 1666 unb (an-
geblich) 1696 genannt sind. Hiernach er-
schien es sehr zweifelhaft, ob von Caspar
de Crayer die Rede sein könne; so ist denn
dieser in der Uebersicht p. XXXXIII weg-
geblieben. Schon vor Jahren war mir
ans einer Reise durch Oberschwaben in der
Kirche zu Wolfegg das Hochaltargemälde
ausgefallen, ich hatte aber damals versäumt,
es auf Namen und Datum zu untersuchen.
Inzwischen habe ich unter gütiger Beihilfe
von Herrn Pfarrer Er. Probst in Unter-
Essendorf, in dessen Kirche sich das andere
Bild befindet, folgendes ermittelt und durch
den Augenschein erhärtet: Beide Gemälde
stellen die Krön u n g M a r i ä dar mit
beigefügten Heiligen. Das Altarblatt in
Unter - E s s e n d o r f, gegen 3 m breit
und fast doppelt so hock, ist unten rechts
bezeichnet: I DCRAYER FEC : ANo
1666; auf dem noch bedeutend größeren
in Wolf egg liest man links unten:

A. 1660. C DCRAYER FECIT; das E>
und C sind beidemal verschlungen. Caspar
de Crayer schrieb nicht selten, z. B. auf
dem großen Geinälde in München, seinen
Vornamen auf gut Niederländisch Jasper
(vergl. seine Monogramme bei Nagler II,
Nr. 998). Nach diesen Erhebungen sind
unsere Bilder als Originalwerke des be-
rühmten Niederländers gesichert, wenn ihre
künstlerischen Eigenschaften ihm entsprechen.

In der 1733— 1736 nengebanten
Stiftskirche, jetzigen Pfarrkirche zu
Wolfegg, deren Räume durch geschmack-
volle, fein polychromirte Stnckornamente
ein vornehmes Gepräge tragen, erblickt man
am Chorabschluß das mächtige Gemälde:
oben die Dreieinigkeit mit der Krone über

Ein 93i(b be Erayers ,,S. Benedicti imago

B. V. Mariae rosarium offerentis“ erwarb ber
SS ein g artet P. Gabriel Bucelin (f 1681) als
Prior zu St. Johann in Felbkirch von Joh. Ernst
von Altmannshausen um 100 fl. Verschollen
gleich zwei Weingarter Gemälben van Dycks,
einer auf 1000 Nthlr. geschätzten Beweinung ani
Kreuz unb eine Pieta mit zwei Engeln, Geschen-
ken zweier Herrn von Linbenspnr (1653) und bes
Markgrafen gerbinand Maximilian von Baben.

dichtem Gewölk, dann in der Bildmitte
Maria, von einem Kranz emporschweben-
der Engelskinder umdrängt und gleichsam
ans den Wolkenthron gehoben, demüthig ge-
senkten Blickes, das volle Oval des Antlitzes
von blonden Wellen des Haupthaares nmflos-
sen, die Arme sanft über die Brust geschmiegt.
Unten erblickt tnan rechts vorne, kräftig
bewegt nach oben weisend, Johannes den
Täufer, das Lamm im Arm, hinter ihin
Franz von Assisi in der Ordenstracht;
links im Hintergründe zwei weitere Heilige;
im Vordergrund sitzen, prangend in echt
niederländischer Lebensfülle, zwei Franen-
gestalten, St. Agatha und St. Katha-
rina, letztere, die Patronin der Kirche,
in weißem Atlasgewande mit Palme und
Schwert, ihr zu Füßen das zerbrochene
Rad. Die Komposition ist bei allem Reich-
thnm in sich geschlossen, meisterhaft flüssig
ohne ängstliche Symmetrie; die beiden Bild-
hälften , zwischen denen freilich ein zwin-
gender Zusammenhang nicht besteht, sind
räumlich aufs beste vermittelt. Die Zeich-
nung ist tadellos, das Kolorit, wenn auch
etwas nachgedunkelt, bei bräunlich-grauem
Gesammtton warm, kräftig und har-
monisch verschmolzen, lieber diesem Ge-
mälde liegt ein Abglanz von der knltnr-
getränkten Atmosphäre jenes Brabanter
Landes, wo der Weltverkehr wogte, wo
spanisches und englisches, französisches und
niederdeutsches Wesen ineinanderflossen.

Das Hochaltarbild in Unter-Essen-
dorf hat namentlich in den untern Theilen
gelitten; eS wurde 1858 durch den Maler
Lang ans Ulm restanrirt und frisch auf-
gezogen. Die obere Gruppe zeigt, wie es
der Stofs mit sich bringt, Verwandtschaft
mit dem Bild in Wolfegg; doch hat hier
die wieder von Putten umschwebte Gottes-
mutter noch vollere Gesichtszüge und richtet
den Blick empor, ein Motiv, das sich
wohl besser für eine Himmelfahrt als für
die Scene der Krönung empfiehlt. Links
unten steht würdevoll der Kirchenpatron
St. Martin, über dem blinkenden Harnisch
mit bischöflichem Ornat angethan, dem
vor ihm kauernden Bettler die Mantel-
hälfte darreichend. Im Hintergründe hält
der Evangelist Johannes den Kelch mit
der Schlange. Ganz rechts vorne sitzt
St. Margaretha mit dem Kreuz, unter
sich den Drachen; hinter ihr sieht man
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