Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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•eine weibliche Gestalt, wohl St. Barbara,
und Johannes den Täufer. Dadurch, daß
dunkles Gewölk rechts tief herabhängt,
links dem blauen Himmel weicht, zieht
sich nickt gerade vortheilhaft eine schräge
Trennnngslinie durch das Gemälde. Die
Farbe erscheint stellenweise ziemlich schwer,
was vielleicht ursprünglich nicht der Fall
war. Wenigstens bemerkt de Ctayers
Biograph, SiretZ) der übrigens von Ge-
mälden de Crayers i» deutschen Kirchen
keine Kunde hat, der Meister habe gerade
in seinen letzten Lebensjahren in Weichheit
der Farbe und des Pinsels den Höhepunkt
seines Schaffens erreicht. Wir fanden
dies in Wolfegg bestätigt.

Noch ein (früheres) Altarblatt mit der
Krönung Mariä, nebst acht Heiligen, Namen
und Datum 1658, befindet sich ungünstig
beleuchtet in der gothischen St. Martins-
pfarrkirche in Am b erg , dem einzigen Ort,
wo bisher für Deutschland gemalte An-
dachtsbilder unseres Meisters nachgewiesen
waren. Es bleibt nach meinem Eindruck
hinter der monumentalen Geschlossenheit
und künstlerischen Rundung des Wolfegger
Bildes zurück. Ebenda: Enthauptung Jo-
hannis des Täufers, mit naturalistischem
Hündchen, und eine Farbenskizze zur Ma-
donna in der Pinakothek. In der Mal-
theserkirche eine Kreuzabnahme von feier-
lich schönem Linienfluß; im Kongregations-
saal des Ordens Mariä Himmelfahrt ein
wohlerhaltenes Meisterwerk: trefflicher Auf-
bau, lebendig geistvoller Vortrag, herrliche
Farbensymphonie. Waagen nennt deCrayer
einen ihm „besonders lieben Meister"?)

Wie kam nun aber der au hohe Preise
gewöhnte Niederländer zu Bestellungen ans
dem fernen und damals verarmten Süd-
dentschland? Prüfen wir nochmals das
Bild in Wolsegg; in der linken nntern
Ecke sieht nmn unter einer Krone zwei
ovale Schilde aneinander gelehnt; der erste
zeigt drei übereinander schreitende schwarze
Löwen in Gold, der andere drei goldene
„Mispelblüthen" in Roth. Es ist das
Allianzwappen des Maximilian Willibald
Truchseß von W a l d b u r g, Grafen zu

*) Biographie nationale ... de Belgique V,
1816, p. 27 ff.; Allgemeine deutsche Biographie IV,
1876, S. 571 ff. ’

2) G. F. Waagen, Kunstwerke und Künstler
in Deutschland, II, >1845, S. 133.

Wolfegg (1604 — 1667) und seiner zwei-
ten , 1648 ihm angetrauten Gemahlin
Jsabella Klara, Tochter des Franz Philipp,
Herzogs von Are nb erg. Diese /Prin-
zessin ans einem durch Reichthtlm nnd
Knnstsinn altberühmten, in Brüssel resi-
direnden Hanse hat de Crayer sicher persön-
lich gekannt; war sie doch ihrerseits Malerin
ans Liebhaberei, wovon u. a. ihr Selbst-
bildniß im Schlosse zu Wolfegg zeugt.
Ihr Gemahl, früher als Kriegsheld er-
probt, wird auch als eifriger Sammler
gerühmt?) 'Da sein Schloß 1647 durch
Wrangel niedergebrannt war — erst sein
Sohn Maximilian Franz hat es wieder
aufgebaut —, begab er sich nach dem
Westfälischen Frieden in kurbayerische
Dienste und übernahm ums Jahr 1650
die Stelle eines Statthalters der
Oberpfalz in A m b e r g, wo er nun
bis zu seinem Tode vorwiegend verweilte.
So ist es denn schwerlich ein Zu-
fall, daß gerade nach Amberg mehrere
Werke von de Crayers Hand gekommen sind;
noch weniger wird man sich wundern, wenil
das hohe Paar die heimische Stiftskirche
mit einem Altarblatt von ihm schmücken
ließ. Und gerade 1666, im Entstehnngs-
jahr des andern Bildes, besuchte der Truch-
seß zum letztenmale seine Herrschaften?)
Zn Wolfegg stand aber auch Unter-Essendorf
in Beziehung; die Kirche ließ laut Inschrift
1734 der Truchseß Maximilian Maria
erneuern, ein Enkel von Maximilian Willi-
bald, derselbe, welcher 1745 das Schloß
in Waldsee gebaut hat.

Endlich erinnern wir daran, daß die be-
rühmte Sammlung von Kupferstichen, Holz-
schnitten u. s. w. im fürstlichen Schloß zu
Wolsegg ebenfalls von der Arenbergerin
kommt.* 2 3) Ueber das Interesse, das man
unserem Niederländer schuldet, hinaus haben
wir hier einen jener kulturgeschichtlich be-
deutsamen Fälle vor uns, daß durch fremde
Fürstentöchter in Deutschland Kunst und
Wissenschaft Anregung empfingen.

0 M. v. Pappeuheiiu, Chronik der Truch-
sessen von Waldburg, II. Theil, Keniplen 1785,
S. 439.

2) Freundliche Mittheiluug von Herrn Pfarrer
Dr. Vochezer.

3) Vergl. H. Detzel, Aus .. der Mlterthurus-
sammlung zu Wolfegg. Württ. Vierteljahrs-
Hefte I 229 ff., II 140 ff.
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