Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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Einwirkung des Schauspiels ans die bil-
dende Kunst doch mitunter überschätzt und
die Kunst zu sehr nur als der empfangende
Teil betrachtet wird. —

Mittelalterliche ^olzsknlpturen aus
Oberschwaben im bayerischen Na-
tionalmnsemn.

Von den schönen Katalogen des baye-
rischen Nationalmnsenms in München ist
ein neuer Band erschienen und zwar der
sechste, enthaltend die „Gothischen Alter-
thümer der Baukunst und Bildnerei".
Unter den mitgetheilten Holzsknlptnren
befinden sich drei Stücke, welche ans
Oberschwaben stammen und unser In-
teresse in Anspruch nehmen.

Zunächst ein
kleines, rei-
zendes HanS-
altärchen mit
derKrenzignng
Christi in Lin-
denholz ge-
schnitzt undun-
bemalt. Eine
reiche Gruppe
von Reitern
umgibt die
Schädelstätte,
in perspektivi-
scher Ansteig-
ung, vorne links die znsannnengesnnkenen
Frauen; alles in einer reich mit Maaß-
werk verzierten Nische, über dem Erncifir
ein Baldachin. In der Mitte jedes der
vier Mäaßwerkfenster der Seitenwände
je ein bemalter Wappenschild; rechts oben
Freyberg, unten Stadion, die beiden andern
Wappen sind noch nicht bestimmt. Unter
den Fensteröffnungen links in geschnitzten
aufgelegten Buchstaben: »comnornbikur«,
rechts »llmeieulrm«.

Die Arbeit erinnert ganz an nieder-
rheinische Werke ans dem Anfang des
16. Jahrhunderts und dürfte ohne Zweifel
auch dort entstanden sein. Die Wappen
weisen jedoch entschieden ans oberschwä-
bischen Besitz.

Ein weiteres sehr anmutiges Werk ist
die Gruppe: Maria im Wochenbette,

ebenfalls in Lindenholz geschnitzt, ans dem

Kloster Heggbach stammend (s. die Ab-
bildung).

Maria liegt mit halb aufgerichtetem
Oberkörper in dem von links nach rechts
stehenden Bette, das vom Dominikale be-
deckte Haupt mit halber Wendung dem
Beschauer zugekehrt; sie hält mit beiden
Händen das Jesnskindchen, welches ans
der Bettdecke sitzt unb den Blick ihr zu-
gerichtet hat. Der Faltenwurf ist schlicht,
gut geordnet itub flüssig, an dem vorne
über die Bettlade herabhängenden Betttuch
ziemlich schematisch behandelt. Die Hal-
tung der Figuren ist starr, doch nicht
ohne Anmut. Kops und Hände Mariä,
sowie das Jesuskind sind übermalt; die
übrigen Theile tragen noch die ursprüng-
lichen Farben; der Leibrock Mariä ist
golden, die Bettdecke silbern, das Betttuch

weiß mit rolh
:ind golden ge-
streiftem Sau-
me, das Kopf-
kissen weiß mit
grünen Strei-
fen. Die Länge
des Bettes be-
trägt nahezu
einen Meter.

Dieses höchst
interessante n.
seltene Sknlp-
tnrwerk gehört
der Blüthezeit
des gothischen Stiles an, einer Zeit,
wo die Künstler sich noch nicht an
das übertriebene, eckige und brüchige Fal-
tenwerk gewöhnt hatten, aber auch noch
nicht frei waren von dem schematischen
Stil in der Drapirnng wie er in der
romanischen Periode besonders beliebt
war. Die an den Schmalseiten, sowie
der Rückseite ohne Verschluß zu Tage
liegende Höhlung der Bettlade deutet ans
die ursprüngliche Stellung des Bildwerks
in einer Nische, vielleicht eines Altarauf-
satzes.

Das zweite sehr ansprechende Holz-
schuitzwerk, welches wir abbilden, ist eine
Statuette des hl. Laurentius und stammt
ans einem Bauernhause in Mietingen bei
Heppach, wohl ehemals dem Kloster an-
gehörend, das einst so viele Knnstschätze
barg, welche leider zerstreut sind. Der
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