Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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0.5
1 cm
facsimile
versehen und dem zierlichen Gürtel von
Blendnischen — die zwei über den Pult-
dächern anfragenden Giebeldächer der Ein-
gangshallen nicht zu vergessen — ein ab-
wechslungsreiches ,. wohlgegliedertes Bild.

Um ans das rein Technische näher ein-
zugehen, so bestehen die Fundamente ans
Portlandcement-Beton, die Hauptgesimse
und Wasserschläge ans Kunststein unb das
Rampengemäner ans Backstein mit Ans-
sngnng des Aenßern. Alle drei Schisse
sind mit rheinischen Schwennnsteinen ohne
Rippen mib normal znm Grat eingewölbt.
Unter den Seitenschiffdächern gesprengte
Strebebögen stützen daö 8,07 Meter weit
gespannte Mittelschisfgewölbe. Sämmtliche
Pfeiler und Manertheile, die ans Druck
oder Schub in Anspruch genommen werden,
sind mit Portlandcement-Mörtel gemauert
und gut verankert. Der feste gelbe Lehm-
grund ist belastet mit 1,7 Kilogr. ans den
Hs cm, die Arkadenpfeiler über dem Sockel
mit 6,65 Kilogr. ans den HZ cm.

Ruhen nun diese fachmännischen Einzel-
heiten fast durchaus in den Händen des
Baumeisters — und nicht jeder Bauherr
hat gerade das Glück, in so gewandte und
zuverlässige Hände wie die unseres Ans-
schnßmitgliedes zu fallen — so rühmt
andererseits der Fachmann im vorliegenden
Falle den Einfluß, den der Bauherr von
Anfang an ans die Gestaltung des Bau-
wesens genommen und bezeugt, durch dessen
zeichnerische Vorarbeiten ersprießlich nnter-
■ stützt worden zu sein. Dank dem beider-
seitigen Einvernehmen und Zusammen-
wirken , das dem einen wie dem andern
zur Ehre gereicht, ist nun ein durchaus
zweckmäßiges, trotz Beibehaltung des alten
Chores und Thnrmes homogenes und bei
aller Bescheidenheit schönes und stilvolles
Gotteshaus erstanden. Im Frühjahr 1895
begonnen, wurde der Ban im Herbste
desselben Jahres unter Dach gebracht und
eingewölbt. Die Kosten des Rohbaues
(einschließlich Gestühl, Boden und Ver-
glasung) betragen 51 000 M. Wie sämmt-
liche Pläne unb Voranschläge, so hat
Architekt Cades auch den Entwurf zu dem
reichen, kühn anstrebenden Nebenaltar ge-
schaffen, welcher eine Zierde des Innern
zu werden verspricht.

Nochmals der berühmte Niederländer.

B. l'. — In dem liebenswürdigen Büchlein
des 1862 in Nolteuburg verstorbenen Domdekans
Jaumann, Geschichte einer Gemäldesammlung
München 1855, S. 70, finden wir als ein Haupt-
stück (Nr. 80) der von diesem Alte'thnmssreunde
zusammengebrachten Gatlerie „ein Altarblatt aus
einer Kapelle zu Köln von Kaspar de Cray er:
Die Hirten bei der Krippe. Ans Leinwand,
4' 9" würtr. hoch, 4' breit". Dieses Gemälde
ist, worauf mich Herr Dekan Schneider aufmerk-
sam zu machen die Freundlichkeit hatte, vor einem
Jahrzehnt durch Vermächtnis; der Jaumanwschen
Erben in die Stuttgarter Marienkirche
gestiftet worden. Jauinaun hatte es aus dem
Besitz des Kölner Sradtbaumeisters I. P. Weyer
mittelbar erworben?) Bei der Kunstausstellung
zu Köln im Jahre 1840 war cs als eines der
besten Bilder bewundert worden. Das bei dieseni
Anlas; herqcstellte Verzeichnis; der Ausstellung
von Gemälden der Meister älterer Zeit aus der
Sammlung Kölnischer Kunstfreunde, Köln 1840,
M. du Mont Schauenbnrg'sche Bnchdruckerei,
siebt uns nicht zu Gebote, und wir können nicht
feststellen, wann und wie das Altarlllatt, an dem
keinerlei Bezeichnung zu entdecken ist, nach Köln
gelangt >var. In diesem Fall ist also die Her-
kunft nicht >vie bei den großen Gemälden von
Wolfegg und Essendorf bis zur Eutstehungszeit
zurück gesichert. — Das Bild muß für sich selbst
sprechen. Zunächst ivird man zugeben, das; cs
die Technik der Brabauter Schule nicht verleugnet.
Indem ich ans Jainnanns ausführlicke Beschrei-
bung a. a. O. S. 70 f. verweise, mö hie ich noch
folgendes geltend machen. Während wir auf
de Crayers großen Altargcmälden die Himmcls-
köuigiu in reif entwickelter Schönheit zu sehen
gewohnt sind, ist die Madonna hur fast kindlich
zart gebildet; dies läßt sich aber ungezwungen
so zurechtlcgcn, das; für ein Andachtsbild in
einer Hauskapelle eine intimere Auffassung, ein
innigerer Ausdruck erwünscht war. Die Gruppe
der Hirten scheint mir ganz in de Crayers Art
gehalten zu sein; besonders der mit dem L-tab
im Vordergrund stehende halb bekleidete erinnert
in der Behandlung der Muskulatur an Gestalten
ans dem Kolossalgcmälde der Münchener Pina-
kothek. Tie oben hereinschwebcnden Putten da-
gegen könnten geradeslvegs der Werkstatt von
Rubens cntslattert sein. Die Färbung des Bildes,
in den Rebeiifigilren bei aller Mannigfaltigkeit
zurückhaltend, steigert sich echt künstlerisch der Mitte
zli in sattem und leuchtendem Blau, Roth und
Weiß. Das Ganze erweist sich als eine gediegene,
eines so bedeutenden Malers würdige Leistung.

Endlich habe ich noch ein paar unserem Meister
zugeschriebene Gemälde, die sich wenigstens zeit-
weilig in Württemberg befanden, in Anktions-
katalogeu entdeckt. Zunächst >var vor 15 Jahren

0 Der Maler und Bilderhändler Maurer erstand
cs, bemerkt Jaumann a a. O. S. 71, „durch
Tausch für andere Gemälde; ich ebenso von ihm
mit beträchtlicher Aufgabe an Geld. In Lnd-
tvigsburg findet sich eine Kopie in etwas kleinerem
Maßstabe, sehr beschädigt und übermalt."
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