Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 49
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Archiv für christliche Ärmst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kauft,

Lferausgegeben und redigirt von Stadtpfarrer Aeppler iu F'rcudeustadt.

Verlag des Rotteuburger Diözesail-Amistvereiiis,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. L^rislina-Raveiisbnrg.

Or. 6.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die wnrttembergischen (M. 1.90
im Stuttgarter Besteltbezirk). M. 2.20 durch die bayerischen und die gteichspostanstalte»,
st. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 9.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen Iverden
auch angenonunen von allen Buchhandlungen sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstratze 94, zum
Preise von Ai. 2.05 halbjährlich.

Das Vereinsbild der heiligen
Familie.

Bon Pfarrer Schiller in Thannheini.
(Schluß.)

Von Corregio's, Michangelo's und Rem-
brandlls Darstellilngen der heiligen Familie,
wie sie vor mir liegen', möchte ich dies
allerdings nicht sagen. Sie. sind nicht
religiöse Genrebilder im reinsten und
heiligsten Sinne de§ Wortes. Sie sind
nicht „im ganz richtigen Sinne gemalt",
auch wenn wir von der Bestimmung für
das Gotteshaus ganz absehen.

Dies sage ich hauptsächlich von Cor-
regio's Bild („MadonnadellaScodella"
in der Gallerte zu Parma). Man meint
ein Bild ans der Zopfzeit zu sehen: der-
selbe kokette, sinnliche Gesichtsansdruck,
di, selbe Ausgelassenheit in der Bewegung
und ganzen Handlung: in neckischem Spiele
ringt der Jesnsknabe mit seiner heiligen
Mutter um ein Gesäß, das diese weit
von sich streckt; der hl. Joseph wendet
sich von seiner Beschäftigung lachend zu
der Scene. Und damit der Komposition
ja alle Ruhe und Würde fehle, schwebt
über dem Ganzen ein Knäuel nackter, un-
artiger Engel. Das Bild ist rein künst-
lerisch betrachtet nicht schön; vom religiösen
Standpunkte ans beurteilt, verdient es de»
Namen „häßlich". Es paßt so wenig
ins christliche Privathans, als in die
Kirche.

Ungleich edler im Aufbau des Ganzen,
wie in der Formengebnng der einzelnen
Figuren ist M i ch a n g e l o' s Gemälde in
der Gallerte der Ofsicien zu Florenz. Doch
besitzt Corregio's Darstellung mehr von
dem Reize und der Anmut häuslichen
Lebens. In der Bewegung und Hand-
lung sind sich beide ähnlich: Michangelo
hat auch hier dem Drang, seine Meister-

schaft in Darstellung des menschlichen
Körpers zu zeigen, auf Kosten der
i u u e ve u Schönheit seiner Darstellung zu
sehr nachgegebeu. Das ist keine sittsame
jungfräuliche Gottesmutter mehr! Und
vollends die sechs nackten Jünglinge im
Hintergründe! So darf man die heilige
Familie nicht malen!

Als Genrebilder wundervoll sind
die beiden Gemälde RembrandGs, von
denen das eine in der Münchener Pina-
kothek, das andere in der Eremitage zu
St. Petersburg sich befindet. Stünde
darunter „Mutterglück", „Familienglück"
oder „Mutterliebe", „Elternfrende", so
wäre — abgesehen von der Entblößung
der Mutter ans dem einen Bilde — nichts
daran zu tadeln, nur zu loben. Die
Stimmung schlichter, süßer Elterufrende
ist in beiden Bildern überaus lebenswahr
und anmnthig wiedergegeben. Aber reli-
giöse Bilder sind sie nicht. Die dar-
gestelllen Familien sind ganz gewöhnliche
Leute ans irgend einer holländischen Hand-
werkerstnbe; „heilige Familien" sind es
so wenig >vie die berüchtigten „heiligen
Familien" Uhde's.

Mit diesem Titel passen sie auch nicht
an die Wände des Privathanses. „Religiöse
Genrebilder" im guten und besten Sinne
des Wortes sind dagegen die anderen
Kompositionen, die ich vor mir habe.

Rafaels „heilige Familie mit
dem hl. Joseph ohne Bart" (Ere-
mitage, St. Petersburg) ist mehr als ein
religiöses Genrebild; es ist ein An-
dachtsbild, das ich recht gerne im Gottes-
hanse sehen würde.

Wie schön und groß ist dieser Jesns-
knabe mit dem unergründlich tiefen und
doch so sonnig-klaren Blicke! wie herrlich
diese Madonna, in deren Antlitz der
Zauber der Jungfräulichkeit und der edler
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