Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 65
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Organ des Nottenburger Diözesan-Oereins für christliche Kunst.

lserausgegeben und redigirt von StaMpfarrer Keppler in chreudeustadt.

Verlag des Rottenburger Diözesan-r(nusivereins,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. Lstristina-Ravensbnrg.

Or. 8.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die wiirttembergischeu >M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.20 durch die bayerischen und die Reichsyostaustalten,
st. 1.27 in Lesterreich, Frcs. n.40 in der Schweiz zu beziehe». Bestellungen tverden
auch angeuouimen von allen Buchhandlungen sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraste 94, zum
Preise von M. 2.05 halbjährlich.

schwäbische Rruzifirbilder nebst
Kr nzifirb etrach t u n g e n.

R.e§nnvit a li§no Deus.

Ehe wir in die ergreifende Tragik der
„göttlichen Katastrophe" einzndringen
suchen, bei der
auch was verächt-
lich und niedrig ist
vor der Welt, Adel
und Würde ge-
winnt, müssen wir
»ns ein wenig
über den Eindruck
Rechenschaft ge-
ben, welchen das
tragische Kunst-
werk überhaupt ans
nnö macht. Wa-
rum zieht ein
Schmerzensbild so
mächtig uns an,
dessen Anblick in
der Wirklichkeit
uns mit Grauen
erfüllen müßte?

— Vor allem,
weil es Unseres-
gleichen darstellt
Ein Wesen unserer
Gattung greift uns
näher ans Herz als
eines, das mit uns
nichts zu thnn hat,
denn es setzt ver-
wandte Saiten tu
Schwingung. In ihm fühlen wir uns
selbst getroffen, indem wir uns unwill-
kürlich an seine Stelle setze». Nnn ist
aber ein schön gestalteter Mensch ans be-
vorzugtere Weise Mensch als der nicht
oder weniger schöne, da die Schönheit
unseres Leibes in seiner möglichst vollen-

deten Aehnlichkeit mit dem Urbilde besteht,
das dem Schöpfer bei seinem Werke vor-
schwebte: daher die Macht der Schönheit.
Man tauche einen solchen in die Glut des
Leidens, jedoch so, daß die Flamme ihn
nicht versengt — und dieses ist möglich
durch die Gelassen-
heit und Gehalten-
heit des Schmer-
zes, worauf sich
diegriechischeKnnst
so gut verstand —
die Flamme wird
ihn gar verklären
und die Schön-
heit wird seinem
Cckmerz eine un-
widerstehliche Be-
redsamkeit leihe».
Eine schöne Lei-
densgestalt scheint
uns alles rings-
uniher in ihre
Klagemithineinzn-
ziehen. Nun ist
aber wahre Schön-
heit nie einseitig
eine sinnliche. Ein
schönes Menschen-
antlitz gilt uns
als der Spiegel ei-
ner schönen Seele;
daher schließen wir
von der äußern
Anmut und Würde,
die ein Mensch in
bewahrt, ans seine sittliche
und Geistesgröße. Diese
vorgefaßte günstige Meinung nimmt uns
vollends für ihn gefangen, indem sie zu
der natürlichen Theilnahme, die sein Unglück
uns einflößt, die unwillkürliche Bewunde-
rung seiner Tugend hinznfügt. Von dieser

Wiblingen.

der Prüfung
Beschaffenheit
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