Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 66
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idealen Leidensschönheit nnd nicht von der
sinnlichen allein — wenn cs je eine solche
gäbe — ist das Wort zn verstehen:

„Sähest Du nie die Schönheit im Augenblicke
des Leidens,

Nimmer hast Dn die Schönheit gesehen."

Alle diese Gründe/) die eine Leidens-
gestalt unserem Herzen empfehlen, treffen
im höchsten Maße für den König der
Dulder zn, „welcher, da er in Gottes Ge-
stalt war, es für keinen Raub hielt, Gott
gleich zn sei», aber sich selbst entänßerte,
Knechtsgestalt annahm, den Menschen gleich
nnd im Aeußern wie ein Mensch erfunden
wurde"/) So unendlich er nach seiner
göttlichen Wesenheit über uns erhaben ist,
die Menschwerdung hat die Kluft ge-
schlossen, welche die Gottheit von uns
trennte, daher er auch mit Gesichtszügen,
Gliedern, Muskeln und Sehnen wie andere
Menschen dargestellt wird/) Eben des-
wegen schlägt ihm unser Herz, als einem
von unserm Fleisch nnd Bein, warm ent-
gegen. Wenn er sich aber seiner gött-
lichen Größe entänßerte, d. h. sie unter
seiner leiblichen Hülle verbarg, so ist diese
doch nicht so nndurchläßig, daß nicht auch
Strahlen jener hindurchdringen nnd die
letztere mit Himmelsglorie übergießen
sollten. Waren es auch in seinem sonst
so demüthigen Leben nur wenige Augen-
blicke der Verklärung: einen Abglanz da-
von muß der christliche Künstler stets
bewahren, er braucht ihn, wenn er einen
Leib darstellen soll, welcher das durch-
sichtige Gefäß war, das die Fülle der
Gottheit in sich trug; er braucht Schön-
heit nnd zwar nicht bloß die körperliche,
so vollkommen er sie immer bilden kann,
zur Andeutung innerer Vollkommenheit,
sondern vor allem geistige, als Ansstrah-
lnng dieses Innern in einem überirdischen
Gesichtsansdrnck. Er wird sogar den
übrigen Leib nach Kräften zn veredeln,
ja zn vergöttlichen suchen, wird trachten,
etwas in ihn hineinzulegen, was sonst
keinem Leib in diesem Leben eigen: etwas
Ueberweltliches, Unsterbliches, eine Weich-
heit und Zartheit, wie es der Begriff eines
geistigen, demnächst glorreichen Leibes for-
dert. Wenn nun die klassische Leibes-
schönheit von dem Leiden nichts zn fürchten
hatte, sie, die doch rein nur von dieser
Welt war, was wird es dann ansrichten

können gegen diesen Typus geistigster uiw
heiligster Schönheit? Diese wird auf dem
dunkeln Hintergründe gerade am hellsten
erscheinen, wie die Größe und Bedeutung
des Tagesgestirnes nie klarer erkannt wird
als bei einer Sonnenfinsterniß.

An verklärender nnd erhebender Kraft
kann sich mit dem Leiden und Sterben
des Gottmenschen entfernt keines messen.
Sein Leiden ist das heroischeste, denn
es ist das unschuldigste nnd dabei frei-
willigste — freigewählte Uebernahme eines
Uebermaßes von Schmach nnd Schmerz
znm höchsten, edelsten Zweck: zur Ent-
sündignng einer ganzen schuldbeladenen
Welt. Es ist zugleich das tragischeste,
denn cs bedeutet die Hingabe in ein un-
erbittliches Verhängniß, oder besser: in die
gerechte Fügung Gottes — gerecht nno
unerbittlich, sobald er für uns Bürge ge-
worden. Sobald er unsere Schuld ans
sich geladen, wurdet ihr ihn nicht mehr
ansrnfen hören: „Wer von euch kann mich
einer Sünde beschuldigen?" Er wird
auch nicht wie Laocoon gegen das Ver-
hängniß ankämpfen, vielmehr mit einem
wahren Leidenshnnger, der ebensowohl
seinem Gehorsam gegen den himmlische»
Vater als seiner Liebe gegen die Menschen
entspringt, in das bittere Meer nnter-
tanchei/) — aber nntertanchend siegt er.
er siegt durch Unterwerfung, er ermüdet
die Grausamkeit seiner Verfolger durch
Geduld. „Christi Macht ist lauteres
Dulden," sagt der selige Bischof Witt-
mann von Regensbnrg; „sein Scepter ist
ein Schilfrohr; das Schilfrohr beugt sich
und duldet. Der Sturm reißt Cedern
ab, entwurzelt Bänme: das Schilfrohr
beugt sich. Es kommen Wasserströme,
reißen Häuser mit sich fort: das Schilf-
rohr beugt sich, wie der Strom läuft und
steht dann wieder da. Es kommt bren-
nende Sonnenhitze, versengt Laub nnd
Gras: das Schilfrohr bleibt stehen nnd
verdorrt nicht. Der Feind kommt, zer-
tritt Felder nnd Fluren: das Schilfrohr
steht im Schlamm nnd bleibt. — Er
selber, der stille Dulder mit seiner unver-
wüstlichen Beharrlichkeit war dieses Schilf-
rohr. Der Tod hat es geknickt nnd nun
blüht nnd grünt es ewig vor Gott." Ver-
gleichen wir mit dieser Art und Weise
des Duldens jede andere, welche die Welt
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