Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 67
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je gekannt und dann urteilen wir, ob
irgend einmal die menschliche Natur (als
solche) sich zu dieser Höhe erschwungen
habe. — „Wenn der Tod des Sokrates der
eines Weisen ist, so kann dieses nur der
Tod eines Gottes sein," so hat bekanntlich
einmal in einem lichten Augenblick ein Un-
glänbiger sich ausgesprochen?)

Daß aus solcher Ueberwiudung des
Leidens durch See-
lengröße und Ver-
bindnng der Gott-
heit mit dem Lei-
den der Kunst und
vor allem der er-
habenen Kunst eine
den Alten unbe-
kannte und unge-
ahnte Bereicherung
und Vertiefung er-
wachsen mußte,
leuchtet ein, aber
and), daß sie sich
erst ans einer hoch-
entwickelten Stiche
der Kunst geltend
machen konnte. Wo
wäre irgend ein
künstlerischer Vor-
wurf zu sinden
mit so viel idealem
und doch wieder
acht menschlichem
Gehalte wie die-
ser? Auch die glän-
zendsten Schöps-
ungen klassisch-
griechischer Skulp-
tur, wie schwach
sind sie nicht an
wahrhaft pathe-
tischem Ausdruck,
wie wenig im
Stande, eine zarte
Rührung im Beschauer zu erregen, gegenüber
so mancher Darstellung Christi am Kreuz!
Nicht einmal der sterbende Fechter, jene
znsammenbrechende Heldengestalt mit der
einzigen Wunde aus der Brust, vermag
dies. Wir bewundern ihn, um daun zu
etwas anderem überzugehen.Vor Kum-
mer erstarrt, steht die weinende Niobe in-
mitten der grausenhaften Scene da, wäh-
rend ihr jüngstes Kind, ein Mädchen, ihre

Kniee umfaßt, das letzte von so vielen
Söhnen und Töchtern, deren Leichname
um sie einen Kreis bilden. — Laocoon
windet sich in Krämpfen, während das
Schlangengift ihm das Blut in jeder Ader
zersetzt; er vernimmt die Weheklagen seiner
Kinder, außer Stande, ihnen zu helfen
oder die Ungeheuer abzuschütteln, die um
alle ihre tödtlichen Ringe spannen. Allein
diese beiden mit
Recht berühmten
Gruppen stehen
doch ungemein zu-
rück hinter dem
schmerzbewegten
und doch mnthigen
und ruhigen Ge-
sichtsausdrucke so
manchen Kreuz-
bildes. Das Antlitz
der Niobe ist schön,
sein bitterer Gram
dringt zil Herzen.
Das ist aber auch
alles. Tiefe Be-
klemmung liest man
in Laocoons Ant-
litz und fühlt sie
seinen zuckenden
Muskeln nach:
aber daß er in
seinem Denken und
Fühlen irgendwie
über sich selber
hinansgienge, da-
von ist nichts, zu
merken. Kein Blick
des Vaters, der
liebend unterThrä-
»en sich einem der
beiden hilfeflehen-
den Söhne zurren-
den würde, kein
Arm ausgestreckt,
um die Knaben der tödtlichen Umklam-

merung zu entreißen; seine beiden Hände
suchen lediglich, der Schlange zu wehren,
die zu einem neuen Bisse gegen ihn aus-
holt. — Dem allerheiligsten Antlitz unseres
Erlösers sind allerdings die Dornen und
Peinen seiner leidenden Menschheit einge-
graben, aber sie werden beherrscht und
vergeistigt durch seine Gottheit, die ans

jeder Linie des Gesichtes leuchtet und es
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