Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 68
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mit den mannigfachsten Zügen göttlicher!
Liebe, Verzeihung, geduldiger Ergebung,
Standhaftigkeit, überirdischer Schöne ver-
klärt : mit Zügen, an denen man den
Gottmenschen erkennt, sterbend oder schon
gestorben unter den äußersten Schmerzen,
doch nnerschüttert und mit dem letzten
Haucbe noch ein Gebet für die Verfolger
znm Himmel sendend?)

Allein wie viel Nachdenken, Geschmack,
seines Gefühl, besonders aber Frömmig-
keit gehörte dazu, um ein Gesicht zu bil-
den, in welchem jede Linie eine Vollkom-
menheit widerstrahlt, die für unsere
menschliche Schwäche nicht nur unerreich-
bar, sondern unbegreiflich ist und um einen
eines solch göttlichen Antlitzes würdigen
Leib zu schaffen! Das Bild des Gekreu-
zigten, sagt Kardinal Wiseman, muß, so-
weit dies die Kunst leisten kann, für das
Auge das sein, was der liebende Gedanke
an ihn für die Seele ist: die Vereinigung
von allem Hohen, Edlen, Schönen, sogar
mitten im Todeskampfe, ja da am rührend-
sten. So lange man aus Unbehvlfenheit
oder Mangel an anatomischen Kenntnissen
nur einen schmerzlich ausgereckten Leib mit
schlecht proportionirten und verzerrten
Gliedern und mit einem krassen, wo nicht
häßlichen Gesichte zuwege bringen konnte,
war an die Bewältigung einer solchen
Ausgabe nicht zu denken. Wenn daher
in den ersten Jahrhunderten Christus am
Kreuze stehend, als König mit der Krone
ans dem Haupt und du» Purpur um die
Schultern abgebildet wurde, so liegt der
Grund hievon nicht bloß darin, daß man
befürchtete, den Spott der ungläubigen
Heiden heransznsordernZ) sondern beson-
ders auch darin, daß man verzagte, einen
göttlichen Schmerzensmann darstellen zu
können. Der Begriff des Regnavit a
ligno Deus war für die damalige bildende
Kunst wenn auch nicht nnsaßlieb, doch
unerreichbar. Glich sie doch dem Petrus,
welchen die Betrachtung der Größe Jesu
und der Herrschaft, die ihm gebührte, an
der Erfassung des Leidensgedankens hin-
derte, weil er von dem Drucke so schwerer
Qualen für dessen Hoheit und Würde
fürchten zu müssen glaubte! Aber er
wird eines Bessern belehrt werden durch
einen Blick seines Meisters, dessen blau-
nnterlanfenes, durch rohen Fanstschlag

mißhandeltes Auge nur einen Strahl
braucht, um im Herzen des treulosen
Jüngers den Quell heilsamer Thränen zu
eröffnen. Nun wird dieser inne, daß der
Herr unter den Händen der Schergen
von seiner Macht nichts verloren, daß
vielmehr dieser Gefangene, Mißhandelte
so sieghaft über die Herzen herrscht, wie
nur je. Von nun an wird er, der ihn
vorher mit aller Gewalt von.seinem Lei-
densgange hatte znrückhalten wollen, mit
unerschütterlicher Ueberzengungstreue es
verkünden, daß eben im Kreuze Christi
sein Königthnm sich befestige: „So wisse
denn das ganze Hans Israel unfehlbar
gewiß, daß Gott diesen Jesnm, den Ihr
ge kreuziget, zum Christus und zum
Herrn gemacht hat!"9)

Vor der letzten Zeit des Mittelalters
wollte es nicht recht gelingen, die Vor-
stellung göttlicher Schönheit und Größe
mit einer Menschheit, die „von der Fuß-
sohle bis zum Haupte nichts Gesundes
zeigte," 10) zu verschmelzen, oder besser ge-
sagt: diese Vorstellung, die ja im Evan-
gelium klar gegeben war, 51t einer allseilig
befriedigenden Darstellung zu verdichten.
Nach seiner eigenen Versicherung sollte der
göttliche Schmerzensmann nicht durch seine
Erhebung in den Himmel, sondern durch
seine Erhöhung am Kreuze der Magnet
werden, der durch die unwiderstehliche
Anziehungskraft seiner Liebe sich die
Menschheit zu Füßen lege.") Daß er
diesen Zauber der Anziehung besitze,
hatte er längst bewiesen, aber sobald die
damaligen Darsteller des Gekreuzigten
ihrer habhaft zu werden suchten, war sie
zerronnen, und höchstens der derbe Na-
turalismus eines Nanmbnrger Crucifixus
zurückgeblieben.") Was thaten sie deß-
halb? Wie ans einer Reihe von Elfen-
beindiptychen und Reliefs zu ersehen,
stellten sie regelmäßig der Darstellung des
Krenzesopfers die der Auferstehung ent-
gegen,") damit, wenn auf der einen Seite
die göttliche Hoheit zu kurz käme, dies
durch die Glorie des Ostermorgens ans der
andern ausgewogen und ausgeglichen würde.

Das hieß nun aber nicht den Knoten
lösen, sondern ihn zerhauen. Hatten sie
doch Tod und Sieg nicht als zwei ge-
trennte Scenen z>ir Anschauung 311 bringen,
vielmehr den Tod verschlungen im Sieg,")
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