Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 69
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und wie ein Maler Licht und Schatten
nickt entzweitheilt, sondern zn einem ein-
heitlichen Gemälde weise gemischt verbin-
det, so hätten sie sollen, wenn sie hätten
können, die blutigen Male nnd Todes-
qualen, das Elend nnd die Verlassenheit,
den tiefen Seelengram und sein düsteres
Spiegelbild auf dem Angesichte des Ge-
kreuzigten temperiren nnd verschönen durch
entsprechende Schlaglichter von übermensch-
licher Geduld und Sanftmut, Selbstanf-
opfernng nnd hingebungsvoller Liebe, von
Würde und Adel der Seele unter diesen
tragischen Schinerzen, kurz, durch kräftige
Züge geistiger nnd göttlicher Schönheit,
die ja ans diesem Dnlderantlitz zugleich
mit dem Schmerz .ihren Thron anfge-
schlagen hatte nnd in tiefster Leidensnacht
eben am hellsten glänzte — und zwar so
temperiren nnd verschönen, daß das Düster
durch das Licht verklärt und erklärt, das
Licht durch das Düster hervorgehoben nnd
erhöht worden wäre. Einerseits muß also
der christliche Bildner „sich das Elend so
tief vorstellen, als es überhaupt einen
Menschen befallen kann": Angst, Todes-
kamps, das Zerreißen aller Bande des
Lebens, der starken wie der zarten; uad)
der körperlichen Seite: ein dorngekröntes
Haupt, durchbohrte Hände nnd Füße, einen
schmerzhaft eingezogenen Unterleib, jedes
Glied in krampfhaftem Schmerze zuckend

— nnd das alles ans eine Person ver-
eint ; anderseits aber hat er sein Opfer-
lamm anfznsassen „nicht kalt, nicht mit
erhabener Miene, nicht durch hehre Ab-
straktion über sein Leiden erhaben, sondern
inmitten desselben so sanft, so feierlich,
so zart, so milde ans euch schauend, daß
ihr bei seinem Anblicke weinet, liebet nnd
brennet"! — „Ertragung des äußersten
Schmerzes in einer Weise, wie ihn nur
der Gottmensch ertragen konnte": erst
wer solches darzustellen vermöchte, stände
(nach Wiseman) ans der Höhe des tra-
gischen Ideals.'P

Es wird möglich sein, dem „Archiv"
noch weitere Abbildungen beizugeben, die

— wenn auch nur Schatten dieser Meister-
werke — doch den Leser in Stand setzen
können, einigermaßen zn benrtheilen, in
wie weit unsere unbekannten Schwaben
sich dieser höchsten Aufgabe christlicher
Kunst gewachsen gezeigt haben: unbekannt,

denn sie haben — überzeugt, daß ihre Na-
men znm wahren Werth ihrer Werke nichts
beitragen können — dieselben allermeist
mit sich ins Grab genommen oder, wenn
auch ein paar derselben wie durch Zufall
auf uns gekommen, doch über ihre Per-
sönlichkeit nnd die näheren Umstände ihres
Kunstschaffens nichts hinterlassen — un-
bekannt aber auch insofern, als ihre Werke
in der Kunstgeschichte noch lange nicht
genug gewürdigt fiiib,16) während z. B.
der abschreckend naturalistische nnd geradezu
häßliche Nanmbnrger Krnzisixns in Bodes
Geschichte der deutschen Plastik sogar im
Bilde verewigt ist. In diesen schwäbischen
Meisterwerken, deren stoffliche Größe ihrer
künstlerischen Höhe entspricht, stehen Re-
alismns nnd Idealismus nicht mehr ein-
ander feindlich gegenüber, gehen vielmehr
die gesündeste nnd gedeihlichste Verbindung
mit einander ein. Durch die Form ge-
fallen sie dem Ang nnd das Gemüth er-
greifen sie durch die Idee; das Schreck-
bild, wie es sich den Sinnen darstellt,
wird durch die Idee motivirt, nnd Idee
sowohl als Form schöpfen ans der Wahr-
heit, der Grundbedingung aller Schönheit.
So kommt der Schmerz gedämpft, ver-
klärt, geheiligt znm Ausdruck; er stoßt
nicht ab: er nimmt gefangen nnd fefselt,
nnd so wenig steht der Leidenöansdrnck
der ästhetischen nnd erbaulichen Wirkung
im Wege, daß es vielmehr dem Beschauer
znm Bewußtsein kommt, wie gerade diese
unermeßliche Höhe des Leids dazu gehöre,
um die tiefste nnd eigenste Schönheit dieser
Gestalten ins Leben treten zu lassen. Wäh-
rend sonst verschiedene Schulen mit einer
gewissen Einseitigkeit nach entgegengesetzten
Richtungen anseinandergehen: während

z. B. die eine es abgesehen hat auf Leben,
Relief, Wahrheit der Formgebung nnd
Bewegung, legt die andere den Hanpt-
nachdrnck auf Belehrendes, Erhebendes,
Erschütterndes, kurz, ans den geistigen nnd
sittlichen Kern des Gegenstandes. Unsere
hingegen, von Umsicht nnd richtigem Ge-
fühle geleitet, entnahmen der Sinnenwelt
ihre schönen Verhältnisse, vergaßen aber
keineswegs, daß es auch eine geistige Welt
gibt, welche das leibliche Auge nicht wahr-
nehmen kann nnd daß es die edelste Auf-
gabe der Kunst ist, gerade diese den
Sterblichen nahe zn bringen. Es wird
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